Warum Universitäten Online- und Offlinelernwelten miteinander verknüpfen müssen

I MOOC. Foto: Ilonka Talinna/Flickr

In dieser Reihe stellen wir die Gewinner_innen des Essaywettbewerbs „Wie sieht Bildung im digitalen Zeitalter aus?“, ausgerichtet von uns und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, vor. Der fünfte Beitrag dazu kommt von Sebastian Köffer und Dominic Breuker.

Max hat gerade sein Abitur bestanden und möchte BWL studieren. Er verzichtet jedoch auf ein traditionelles Hochschulstudium und beschließt, sich das Wissen in Onlinekursen anzueignen. Viele dieser Kurse werden von renommierten Hochschulprofessoren geleitet, was Max sehr beeindruckt. Ein Standard-Studienverlaufsplan für den BWL-Bachelor ist schnell zusammengestellt, denn entsprechende Vorlagen sind im Internet leicht zu finden. Max kann jederzeit und von überall aus an den Kursen teilnehmen. Nach erfolgreicher Absolvierung kann er sogar mehrere Zertifikate von bekannten internationalen Universitäten und Firmen aus dem Silicon Valley vorweisen. Max weiß, dass er auch soziale Kompetenzen benötigt. Deswegen nutzt er seine zeitliche Flexibilität dazu, Praktika zu absolvieren und sich ehrenamtlich zu engagieren. Nach drei Jahren hat Max alle Kurse des BWL-Bachelors absolviert, natürlich ohne eine Urkunde einer akkreditierten deutschen Universität in den Händen zu halten. Wird er einen Arbeitsplatz finden?

Die Vorstellung, dass Firmen eine Ausbildung basierend auf Onlinekursen, kombiniert mit praktischen Erfahrungen und den darin erworbenen Soft Skills, attraktiv finden – vielleicht sogar einer universitären Ausbildung vorziehen – ist nicht absurd. Dies hat sowohl mit den Vorteilen des Onlinelernens als auch mit den Problemen der universitären Lehre zu tun. Universitäten müssen anfangen, die Vorteile von Onlinekursen für sich zu nutzen. Es stellt sich die Frage, wie sich traditionelle Lerninhalte mit Onlineinhalten verknüpfen lassen. Ansatzpunkte gibt es reichlich. Die Chancen für die universitäre Ausbildung wären enorm.

 Sebastian Köffer hat Wirtschaftsinformatik an der Universität Paderborn studiert und war anschließend drei Jahre als IT-Berater tätig. Zurzeit promoviert er an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster zum Thema IT-Innovationen am Arbeitsplatz.

Konkurrenz belebt das Geschäft, auch in der Lehre

Schon heute finden sich viele Studierende, die sich nicht in traditionellen Hochschulen, sondern in Onlineportalen zusammenfinden, beispielsweise um einen Master of Business Administration (MBA) oder einen Bachelor in Philosophie zu machen. Sie belegen sogenannte massive open online courses (MOOCs) an virtuellen Universitäten, die eigentlich keine Universitäten sind, sondern privatwirtschaftliche Organisationen, die in Zusammenarbeit mit Professoren Onlinekurse gratis oder für wenig Geld anbieten. Mehr als zwölf Millionen Studenten haben inzwischen Kurse bei den drei größten Anbietern Udacity, Coursera und edX belegt. Dort werden komplette Kursprogramme angeboten, die jeweils in Form von kleinen Lerneinheiten mit Animationen, Videos und Quiz aufbereitet werden. MOOC-Enthusiasten preisen die Demokratisierung der Bildung, die jedermann weltweit erlaubt, an professionell produzierten Kursen renommierter Dozenten von Eliteuniversitäten wie Harvard oder dem MIT teilzunehmen. Kritiker bemängeln, dass viele der Kurse mit Geschäftsgebaren ihrer Autoren und Plattformen einhergehen und didaktische Effizienz sowie sozialer Austausch im virtuellen Raum auf der Strecke bleiben.

Auf den ersten Blick erscheint es in der Tat fragwürdig, warum die Verlegung von Vorlesungen in die digitale Sphäre die Lehrqualität erhöhen soll, wenn diese doch im Wesentlichen nur eine andere Form von Frontalunterricht sind, wie er auch in vielen deutschen Hörsälen üblich ist. Obwohl das Format der Onlinevorlesung keine didaktische Revolution ist, hat es das Potenzial, die Qualität universitärer Lehre zu erhöhen. Der Grund dafür ist, dass in Onlinevorlesungen nicht länger Studenten um knappe Studienplätze konkurrieren, sondern Dozenten um knappe Studenten.

Studenten an deutschen Universitäten entscheiden sich bei der Immatrikulation für ein unbekanntes Paket von Lehrveranstaltungen. Jeder Studierende weiß, dass es in einem Studiengang gute und schlechte Vorlesungen gibt und dass er nur wenig daran ändern kann. Ist man beispielsweise unzufrieden mit der Vorlesung zum Rechnungswesen, heißt es oft Augen zu und durch. Denn die Universität mitten im Studium zu wechseln, ginge mit hohen persönlichen Kosten einher. Das Resultat ist, dass in deutschen Universitäten nur wenig Druck herrscht, gute Lehre anzubieten. Oft genügt zwar der eigene Anspruch der Dozenten, um eine gute Lehrveranstaltung zu konzipieren. Es ist jedoch ein offenes Geheimnis, dass das, was in Deutschlands Hörsälen hinter verschlossenen Türen passiert, oft fragwürdig ist. Im Internet haben Studierende zu vielen Themen eine ganze Reihe verschiedener Vorlesungen zur Auswahl, die zudem von früheren Teilnehmern bewertet wurden. Wenn eine Lehrveranstaltung nicht gefällt, dann ist die nächste nur wenige Mausklicks entfernt. Dozenten geraten so in eine Konkurrenzsituation, in der sie sich mit guter Lehre gegen andere Dozenten behaupten müssen.

Breuker[1]

 Dr. Dominic Breuker hat am Institut für Wirtschaftsinformatik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster zum Thema Predictive Analytics im Geschäftsprozessmanagement promoviert. Aktuell ist er bei der HitFox Group in Berlin als Tech Developer beschäftigt. 

Neue Ressourcen für die Persönlichkeitsentwicklung

Allein in Deutschland werden über 1.200 wirtschaftswissenschaftliche Bachelorstudiengänge angeboten. Dies bedeutet beispielsweise, dass etwa 1.200 Vorlesungen zum Thema Rechnungswesen ausgearbeitet und ungefähr einmal pro Jahr angeboten werden. Möchte man stattdessen nur zehn Onlinevorlesungen zum Thema Rechnungswesen anbieten, so könnte in jede dieser Vorlesungen mehr als das Zehnfache des Aufwands einer traditionellen Veranstaltung fließen. Es ist offensichtlich, dass selbst nach Abzug des Mehraufwands einer professionellen Videoproduktion substanziell mehr Ressourcen für die Auf- und Nachbereitung des Inhalts zur Verfügung stünden. Dozenten hätten mehr Zeit, um in Übungen und Workshops im Diskurs mit den Studierenden den Lernstoff zu vertiefen.

Denn eine Sache werden MOOCs niemals ersetzen können, egal wie viel Geld Investoren in sie stecken. Der individuelle Kontakt zwischen Dozent und Student kann nicht Teil eines MOOCs sein, da dies aufgrund der enormen Teilnehmerzahlen nicht umsetzbar ist. Doch genau hier liegt auch im deutschen Offlinesystem einiges im Argen. Dass viele BWL-Studierende einen engen Kontakt zu ihrem Professor für Rechnungswesen pflegen, ist zu bezweifeln. Vielfach wird die Anonymität an deutschen Massenuniversitäten beklagt. Wenn durch Onlinevorlesungen Ressourcen entstehen, um genau dieses Betreuungsverhältnis zu verbessern, haben Universitäten einen unschlagbaren Wettbewerbsvorteil. Dazu könnten Dozenten gezielt Seminare abhalten, in denen stärker auf einzelne Studierende eingegangen wird, und so die Persönlichkeitsentwicklung vorantreiben. Dabei kann es sich zum Beispiel um interdisziplinäre Projektarbeiten handeln, die aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen thematisieren und mit dem in Kursen erlernten Basiswissen in Beziehung setzen.

Universitäten müssen die Chancen erkennen

Es ist weder empfehlenswert noch realistisch, Hochschullehre in Zukunft ausschließlich über Onlinevorlesungen abzuwickeln. Dass Onlinevorlesungen ein integraler Bestandteil von Hochschulbildung werden, ist jedoch wahrscheinlich und notwendig. Es wäre fahrlässig, die Möglichkeit auszuschließen, dass MOOCs ein erfolgreiches Ausbildungskonzept für die Praxis werden, nur weil derzeit noch nicht für jedes Problem eine Lösung auf der Hand liegt. Finanzstarke Unternehmen arbeiten derzeit mit Hochdruck daran, die Defizite von Onlinevorlesungen abzubauen. Universitäten werden sich mit den neuen Konzepten auseinandersetzen und einen Weg finden müssen, sich den veränderten Umweltbedingungen anzupassen. Viele Dozenten hängen an ihren Grundlagenvorlesungen, die sie seit vielen Jahren erfolgreich durchführen. Doch dafür gibt es häufig keine Berechtigung mehr. Ein Professor bricht sich keinen Zacken aus der Krone, wenn er seinen Studenten empfiehlt, die exzellent konzipierte Onlinevorlesung eines Kollegen zu belegen. Mit der gewonnenen Zeit könnte stattdessen der Stoff im individuellen Kontakt mit Studierenden vertieft werden. Auf diese Weise kann der ohnehin stattfindende Massenbetrieb effizienter und qualitativ hochwertiger abgewickelt werden.

Solange deutsche Universitäten Onlinevorlesungen als Hype abtun, laufen sie Gefahr, in Zukunft von privaten Anbietern – vor allem aus den USA – überrollt zu werden, deren Angebot sie in puncto Breite und Qualität als einzelne Universität nur wenig entgegenzusetzen haben. Gerade weil in deutschen Universitäten das Geld an allen Ecken und Enden fehlt, müssen sie die Integration von Onlinevorlesungen in die Curricula viel stärker als bisher gemeinsam vorantreiben, um von deren Vorteilen zu profitieren. Gleichzeitig sollten Mehrwerte geschaffen werden, die von reinen Onlineuniversitäten nicht imitiert werden können. Diese sind vor allem in der individuellen Betreuung von Studierenden zu suchen. Möglicherweise werden gerade Onlinevorlesungen, die den persönlichen Kontakt vordergründig reduzieren, zur Verstärkung von Mentoring und Betreuung führen, indem sie Professoren von repetitiven, automatisierbaren Aufgaben entlasten.

Die Entwicklungen stellen somit eine Chance dar, die Universitäten auch in Zukunft im Zentrum der beruflichen und gesellschaftlichen Ausbildung zu verankern. Zudem wird verhindert, dass Bildung zunehmend in die private Hand überführt und durch Geldgeber außerhalb des europäischen Raumes bestimmt wird. Max jedenfalls würde diese Entwicklungen sehr begrüßen. Denn bei allem Enthusiasmus für seine Ausbildung: Das Studentenleben an deutschen Universitäten konnten die Onlineuniversitäten nicht ersetzen.