Kein Geld – keine Chance!

75 € für eine Studienplatzbewerbung - nur für einige Gruppen. Foto: fortfan/Flickr

75 € für eine Studienplatzbewerbung – nur für einige Gruppen. Foto: fortfan/Flickr

Wer sich mit einem nicht-deutschen Abitur an der Humboldt Universität (HU) Berlin bewerben möchte, muss zahlen. Wer das Geld nicht hat, bekommt keine Chance auf einen Studienplatz. Selektiv ist das Ganze für nicht-deutsche Studierende und Deutsche mit nicht-deutschem Abitur. Ein Erfahrungsbericht von Theresa Pfaff.

75 € – so viel kostet es, sich an der HU Berlin zu bewerben. Nicht für alle, sondern nur für Menschen mit einer nicht-deutschen Hochschulzugangsberechtigung (meistens das Abitur). Durch die Zwischenschaltung der zentralen Servicestelle – „Uni-assist“ – im Bewerbungsverfahren entsteht dieser Zahlungsbetrag. Bezahlen müssen aber nur bestimmte Gruppen. Alle Studierenden sind gleich, aber andere sind gleicher als andere, möchte man mit Orwell sagen. Wer es nicht zahlen kann, kommt nicht weiter im Bewerbungsverfahren.

Das effiziente und freundliche Zulassungsverfahren sortiert vor

Mai 2015: die Hochphase der Bewerbungsfristen für das Wintersemester an deutschen Universitäten beginnt. Ich wähle verschiedene Universitäten in Berlin und Brandenburg für ein Masterstudium aus. Zu meiner Verblüffung muss ich feststellen, dass die Bewerbungen bei einigen Unis über die zentrale Service-Stelle „Uni-assist“ ablaufen. Sie prüft die Bewerbungsunterlagen für die unterschiedlichsten Unis vor und leitet sie dann weiter. Dies soll dazu dienen „die Zulassung internationaler Studieninteressierter einfacher, effizienter, kostengünstiger und vor allem kundenfreundlicher zu gestalten.“ (Selbstbeschreibung uni assist) Prinzipiell kein schlechter Ansatz. Nur muss ich spätestens bei meiner Bewerbung für die Humboldt Universität feststellen, dass diese Auslagerung interessante Folgen hat.

Ich besitze ein nicht-deutsches Abitur. Daher war ich es schon von meiner Bewerbung für ein Bachelorstudium gewohnt, dass mehr Bürokratie auf mich zukommt. Damals hat mich das schon sehr genervt, aber ich beugte mich dem Apparat des Bewerbungsverfahrens und besorgte mir über störrische, postalische Wege meine Anerkennung für den Abschluss. Nun immatrikuliert an einer deutschen Universität ging ich davon aus, die Dinge würden einfacher. Nicht so mit der HU! Während des Prozesses meiner Registrierung auf dem hauseigenen Bewerbungsportal der HU, wurde ich einfach umgeleitet. Mit knallroter Schrift wurde ich darauf hingewiesen, ich würde hier nicht hin gehören mit meinem nicht-deutschen Abitur und sollte mich weiter über Uni-assist bewerben. Kein Problem! Hier hatte ich mich schon für andere Unis beworben, die alle ihre Bewerber_innen über Uni-assist laufen lassen (auch die Deutschen mit deutschen Abschlüssen!).

Geld her oder keine Bewerbung!

Routinemäßig sandte ich nun meine Bewerbung über Uni-assist an die HU. Vielleicht einen Tag später, kam die große Überraschung: Ein Schreiben von Uni-assist „Es fehlen noch 75 € Entgelt.“ Erst dann begriff ich, was das Einlassen auf dieses Bewerbungsverfahren für Studierende bedeutet. Sicherlich müssen die Mitarbeiter_innen bei uni-assist von etwas leben. Aber sollte diese Finanzierung auf die Bewerber_innen abgewälzt werden? Für jede erste Bewerbung über Uni-assist fallen 75 € an und für jede weitere 15 €. Hätte ich ein deutsches Abitur, würde dieses Entgelt nicht anfallen bzw. hätte ich auf dem hauseigenen Portal der HU bleiben dürfen. Wie ist das für andere Studierende, die nicht-deutsche Abschlüsse haben? Wer wird noch anders behandelt? Ich besitze die deutsche Staatsbürgerschaft und mich erwartet ein deutscher Bachelorabschluss. Die Technische Universität Berlin und die Universität Potsdam regeln alle ihre Bewerbungen über Uni-assist. Auch hier fällt für jede Bewerbung dieses Entgelt an, allerdings wurden bei meiner Bewerbung die Kosten von den Unis übernommen und mir fiel es nicht weiter auf. Durch die Bewerbung bei der HU wurde ich darauf aufmerksam, dass eine Andersbehandlung von unterschiedlichen bewerbenden Gruppen stattfindet.

Nicht nur an der HU werden bestimmte Bewerber_innen benachteiligt

Auf Nachfragen bei der HU erhalte ich keine plausible Erklärung sondern nur ein textbausteinartiges Schreiben, was mich noch einmal auf die Fristen hinweist, die ich unbedingt einhalten muss. Unterschiedliche Bewerbungsverfahren sind die eine Sache und organisatorisch nachvollziehbar. Dass allerdings nur bestimmte Gruppen dafür Geld entrichten müssen, leuchtet mir nicht ein. Diese Selektion scheint an mehreren Unis stattzufinden und trifft vor allem nicht-deutsche Bewerbende. Im April 2015 gab es einen öffentlichen Protest von Studierenden an der Freien Universität Berlin (FU). Sie engagieren sich in der Debatte zu Uni-assist und fordern einen Ausstieg bei Uni-assist. Bereits 2013 wurde Kritik gegenüber uni-assist geäußert, damals ging es aber vor allem um den bürokratischen Aufwand, den nicht-deutsche Bewerbende bewältigen müssen.
Theresa Pfaff[box style=“grey info rounded“ ]Theresa Pfaff (geb. 1990) studiert Soziologie und Betriebswirtschaftslehre als Zwei-Fach-Bachelor an der Universität Potsdam. Sie möchte nach einigen Exkursen in eine ausländische Schulkarriere und einer kaufmännischen Ausbildung, der Soziologie treu bleiben und sich auf diesem Wege weiterhin über einiges in ihrer Umwelt lautstark wundern. [/box]

Ich werde mich nicht an der HU bewerben, auch wenn es meine eigene Situation vielleicht erlauben würde. Sicher: Damit verliere ich auch die Chance auf einen interessanten Masterstudiengang. Aber ich sehe es einfach nicht ein, dieses Bewerbungsverfahren in Kauf zu nehmen. Sollte es, wie bereits an den Protesten an der FU deutlich geworden ist, kein Einzelfall sein, muss grundlegend die Zusammenarbeit von den Hochschulen mit Uni-Assist überdacht werden. Niemand sollte in einem Bewerbungsverfahren Geld bezahlen müssen, denn so untermauert man eine Chancenungleichheit im Bildungsbereich. Zudem widerspricht es auch dem Gedanken hinter dem Bachelor- und Master-System. Es wurde doch darauf ausgelegt, akademische Mobilität transnational zu vereinfachen. Das Entgelt bei der Bewerbung an der HU ist ein gutes Beispiel dafür, wie diese Mobilität anscheinend nur für bestimmte Gruppen möglich sein soll. Sicherlich finden sich leider noch weitere unzählige Beispiele. An manchen Unis müssen alle Studieninteressierten für ihre Bewerbung zahlen, auch das ist in meinen Augen fragwürdig. Dadurch entsteht ein Nachteil für bestimmte Bewerber_innen, die sich dann eventuell nicht bewerben können – damit wird Potential verschenkt. Schlussendlich bleibt eine Frage für mich im Vordergrund: Wie können die HU und andere Unis so eine Entscheidung über diese Entgelterhebung guten Gewissens begründen?

 

 

 

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