Mehr als nur die Norm

Interview mit Queer ar School-2

Rainbow in Progress. Foto: Jan Duensing

„Lesbisch?, trans*?, bi?, schwul?, egal!“ findet das junge Demokratieprojekt „Queer@School“, das Workshops an Schulen und anderen Bildungseinrichtungen anbietet rund um die Themen Geschlechter-gerechtigkeit, Akzeptanz sexueller Vielfalt und Homo- und Trans*phobie. Clara Woopen fragt Lena Kutzschbach und Robert Strothmann von Queer@School, Teilnehmer*innen auf dem Jungen Bildungskongress 2015, was sie bewegt.

Wbiue: „Besorgte Eltern“ nennt sich ein Bündnis gegen den sog. Genderwahn an Schulen. Seid ihr auch besorgt, was den Umgang mit Gender an Schulen angeht?

Lena: Ja, ich bin sehr besorgt, weil es sehr wenig auftaucht, weil sehr stark in binären Denkstrukturen gedacht und auch viel biologisiert wird. Dabei denke ich jetzt speziell an Geschlecht und daran, dass immer noch die Vorstellung vorherrscht, dass biologischer Körper irgendetwas damit zu tun hat, was meine Fähigkeiten oder meine Möglichkeiten sind.

Robert: Ich bin auch besorgt aufgrund der Erfahrungen, die ich bisher gemacht habe, dass immer noch erstaunlich viel Abneigung gegen transgeschlechtliche Menschen vorhanden ist. Die werden noch als sehr schockierend erfahren, gerade aufgrund dessen, was Lena gesagt hat, Geschlechterbinarität, Normdenken und Heteronormativität.

Wbiue: Inwieweit wird das gerade an Schulen reproduziert?

Lena: Gucken wir uns den Sportunterricht an. Das ist leider teilweise immer noch so und war zu meiner Schulzeit auch schon, dass der in Mädchen und Jungs eingeteilt wird. Dann gibt es Jungsumkleiden und Mädchenumkleiden. Das produziert auch enorme Ausschlüsse und Schamsituationen für Leute, die in Zwangsouting geraten in solchen Umfeldern.

Robert: Vor allem finde ich dabei ganz gravierend, wie stark Lehrpersonen Geschlechterstereotype immer wieder reproduzieren. Ich finde es traurig, wenn Lehrpersonen in teilweise krassen Stereotypen denken – das wird den Schüler*innen einfach mitgegeben. Wenn von einer Vorbildperson einfach impliziert wird, dass Geschlechterstereotype stimmen und der Wahrheit entsprechen, wird das auch nicht hinterfragt.

Wbiue: Wie hinterfragt ihr denn solche Stereotype in euren Workshops?

Lena: Was wir in der Planung machen, ist zu schauen, wer den Workshop gibt. Dabei versuchen wir, ein möglichst breites Spektrum von Leuten mit verschiedenen Selbstbeschreibungen zu repräsentieren. Dazu ist ganz wichtig zu sagen, dass unser Team sehr weiß ist. Das ist auf jeden Fall ein Problem und daran arbeiten wir. Dann läuft viel über direkten persönlichen Austausch. Wir haben zum Beispiel eine Fragebox, jede Person kann da anonym einen Zettel reinwerfen und uns einfach Sachen zu sexueller und geschlechtlicher Identität fragen. Wenn sich die Leitenden besonders wohl fühlen, outen sie sich auch. Und wenn wir mehr Zeit haben, machen wir Begriffmemories, also wir erklären z.B., was queer bedeutet, was das soll. Dabei wird dann auch klar, wenn man den Begriff trans erklärt, dass es da ganz viele Möglichkeiten außerhalb der Norm gibt.

clara_woopen[box style=“grey info rounded“ ]Clara Woopen (geb. 1994) studiert Geschichte und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. In ihrem Erasmus-Semester in Paris begegnete sie einem Bildungssystem, das besonders hierarchisch aufgebaut und auf die Vermittlung von vermeintlichen Fakten ausgerichtet ist. Ihre Schwierigkeiten in diesem System sensibilisierten sie für verschiedene Konzepte von Bildung. Clara unterstützte den Jungen Bildungskongress 2015 durch ihre Pressearbeit. [/box]

Wbiue: Wir haben im Workshop gerade auch darüber gesprochen, dass die Vermittlung von vermeintlichen Wahrheiten an Schulen häufig sehr normativ funktioniert und dadurch zum Beispiel von der Norm abweichende Lebensentwürfe ausschließt. Wie könnte die Vermittlung in Bezug auf Gender verändert werden?

Robert: Ich fände es schön, wenn Normen benannt werden, zum Beispiel den „weißen heterosexuelle cis-Mann“ im Schulbuch zu benennen und nicht nur „den Mann“. So wird irgendwie klar, dass es mehr als nur die Norm gibt. Im Gegenzug können dann Sachen, die nicht der Norm entsprechen, genannt werden. Aber das ist manchmal schwierig, wenn es nur reproduziert.

Lena: Ich glaube halt voll, dass Repräsentation enorm wichtig ist. Also, was wir manchmal mit angehenden Biologie-Lehrer*innen im Workshop erleben, da sträuben sich mir sämtliche Haare. Wenn eine Biologie-Lehrer*in oder angehende vor mir steht und mir sagt, Homosexualität ist Sünde oder nicht normal oder was auch immer.

Wbiue: Was wäre demgegenüber ein positives Beispiel?

Robert: Was ich aus meiner persönlichen Erfahrung mitgenommen habe, ist, dass im Geschichtsunterricht schon Quellen gelesen werden von Autor*innen…

Lena (unterbricht Robert): Tatsächlich von Autor*innen? Oder von Autoren? Ich finde es schon wichtig zu sehen, dass Wissensproduktion ein eher männlich dominiertes Feld ist.

Robert: Ja, also hier gings jetzt explizit um Briefe und da hat die Lehrperson klar gemacht, die Quelle stammt von der und der Person und die stand in dem und dem Kontext. Dann ist total klar, dass diese Person diese Einstellung hat und das war der erste Moment, in dem mal klar gemacht wurde, Menschen handeln aufgrund ihrer Position. Persönlich finde ich es sehr wichtig, dass man einfach Strukturen sichtbar macht, dass die Leute reflektierter werden, und sich fragen, was ist meine Position und weswegen handel ich so?

Wbiue: Wofür interessieren sich denn die Klassen besonders, in denen ihr euren Workshop haltet? Was sind beliebte Themen?

Lena: Conchita Wurst ist voll spannend. Allgemein berühmte Persönlichkeiten.

Robert: Und die Schüler*innen interessieren sich dann doch sehr für uns, fragen uns viele privaten Sachen, weil wir ja auch die Möglichkeit dazu geben mit der Fragebox. Habt ihr euch geoutet, wann habt ihr euch geoutet, gab es Probleme usw. Das sind Dinge, die besonders interessieren.