Mehrsprachigkeit an Schulen: Migrationshintergrund als Chance

Mehrsprachigkeit als Chance? Foto: Eric Andresen/Flickr

Mehrsprachigkeit als Chance? Foto: Eric Andresen/Flickr

Die Mehrsprachigkeit von Kindern mit Migrationshintergrund wird häufig als Ursache für mangelnde Deutschkenntnisse wahrgenommen. Studien beweisen allerdings das Gegenteil: Je höher das Niveau in der Erstsprache, umso besser erlernen Kinder weitere Sprachen. Wie man dies im Schulalltag umsetzen kann, zeigt eine Berliner Grundschule.

Ist Bilingualität eine Qualifikation oder ein Problem?

Englisch, Französisch, Spanisch oder Latein – die erste Fremdsprache lernen viele Kinder in Deutschland bereits in der Grundschule. Wer ein bilinguales Gymnasium besucht, wird in zwei Sprachen unterrichtet. Wie sieht es aber aus, wenn man von Haus aus zweisprachig aufgewachsen ist?

Mehr als 30 Prozent der Schüler_innen in Deutschland – etwa 2,5 Millionen – haben einen Migrationshintergrund. Viele davon sprechen eine nicht-deutsche Erstsprache. Die Zweisprachigkeit von Kindern mit Migrationshintergrund wird jedoch oft als Problem statt als Chance wahrgenommen. Ein Extrembeispiel hierfür lieferte im vergangenen Dezember die CSU. Sie forderte, dass Migranten sowohl zuhause als auch in der Öffentlichkeit Deutsch sprechen sollten.

Forderungen dieser Art beruhen meistens auf der Annahme, dass eine nicht-deutsche Erstsprache ein Hindernis für das Erlernen von Deutsch darstellt. Also werden verbreitete Erstsprachen von Einwanderern in Deutschland – wie Türkisch, Arabisch, Polnisch oder Russisch – in der Schule nur selten gefördert.

Tatsächlich ist aber das Gegenteil der Fall: Die Erstsprache ist eine wichtige Ressource, die beeinflusst, wie gut man weitere Sprachen lernt. Das zeigen viele wissenschaftliche Studien.

rderung und Wertschätzung der Erstsprache sind wichtig

Der kanadische Professor für moderne Sprachen, Jim Cummins, einer der wichtigsten Mehrsprachigkeitsforscher weltweit, hat herausgefunden, dass Förderung und Wertschätzung der Erstsprache eines Kindes in der Schule enorm wichtig sind. Dafür nennt er zwei Gründe:

Erstens hängt die Kompetenz in einer Zweitsprache davon ab, wie gut man seine Erstsprache beherrscht. Deshalb sollten Kinder nichtdeutscher Herkunftsländer in ihrer Erstsprache gefördert werden. Denn mit einem höheren Sprachniveau in der Erstsprache, verbessert sich auch die Deutschkompetenz von mehrsprachigen Kindern.

Zweitens ist es wichtig, dass die Erstsprache der Schüler nicht abgelehnt oder als Ursache für Misserfolge gesehen wird. Stattdessen sollte sie gleichwertig mit der Mehrheitssprache betrachtet und gesellschaftlich anerkannt werden. Dies erklärt Cummins folgendermaßen:

Schüler_innen spüren es, wenn ihre Kultur, Sprache und/oder Religion nicht Wert geschätzt werden. Deshalb sollte man „auf die Statusbeziehungen in den Gruppen schauen, ob die Gruppe als eine Gruppe mit niedrigem Status in der Gesellschaft gesehen wird,“ erklärt Cummins. Denn dann wird „dieser niedrige gesellschaftliche Status höchst wahrscheinlich in der Schule reflektiert.“ Dadurch wird Schüler_innen vermittelt, dass „sie weniger Wert geschätzt werden als Kinder aus der Mehrheitsgesellschaft. Und unter diesen Bedingungen werden diese Kinder sich weniger stark in der Schule einbringen.“

Nicht-deutsche Erstsprachen von Kindern sollen also im Unterricht gefördert und geschätzt werden. Dann fällt auch das Erlernen von Deutsch leichter. Aber wie kann man das im Schulalltag umsetzen?

Ein Beispiel aus Berlin-Kreuzberg

Wie eine Einbindung von verschiedenen Herkunftssprachen einer Klasse in den Unterricht aussehen kann, zeigt Friederike Terhechte, eine Lehrerin in Berlin-Kreuzberg. Sie integriert die verschiedenen Muttersprachen der Schüler_innen in den Unterricht. Wenn zum Beispiel der Plural auf dem Lehrplan steht, erklärt sie zusätzlich zu den neun deutschen Pluralformen auch, wie die Mehrzahl in anderen Sprachen, wie Türkisch, gebildet wird.

Terhechte erklärt, warum diese Unterrichtsform so wichtig ist: Wenn Lehrer_innen kulturelle und sprachliche Fähigkeiten eines Kindes in der Schule nicht fördern, werden die Kompetenzen, die das Kind mitbringt, ignoriert. Das Kind fühlt, dass seine Kenntnisse nicht Wert geschätzt werden. Eine Folge davon ist häufig, dass sich das Kind stattdessen als Klassenclown bemerkbar macht.

mmerkel__MG_2943-edit-9

Irene Amina Rayan studierte Politik und Arabistik/Islamwissenschaft in Göttingen, Los Angeles und Beer Sheva. Ihre Magisterarbeit „The anti-Mubarak Movement in Egypt. A Political Opportunity Structure Approach“ wurde von der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen als beste Magisterarbeit des Jahrgangs ausgezeichnet und mit dem akademischen Nachwuchspreis die „Goldene Eule“ prämiert. Sie lebt in Berlin, wo sie für das deutsch-ägyptische Netzwerk Mayadin al-Tahrir e.V. Öffentlichkeitsarbeit macht und Kulturveranstaltungen organisiert. Auf Twitter heißt sie @amina_rayan

Kann aber jedes Kind zeigen was es kann, sieht es ganz anders aus. In Terhechtes Unterricht können auch Kinder mit Migrationshntergrund ihr Wissen einbringen, während deutsche Kinder zuhören und lernen. Dies stellt ein Erfolgserlebnis für die Kinder dar, dass sie sonst nicht kennen.

Die Lehrerin sieht Vielsprachigkeit als Bereicherung für die Schüler_innen und nutzt sie als Ressource. So werden die Erstsprachen von Kindern nicht-deutscher Herkunftsländer geschätzt und alle Schüler_innen schon sehr früh angeregt, systematisch über Sprachen nachzudenken. Davon profitieren auch die deutschen Muttersprachler_innen. 

Vielfalt muss im Lehramtsstudium beginnen

Das Kreuzberber Beispiel ist ein vielversprechendes Schulmodell, das der kulturellen Vielfalt in Deutschland gerecht wird. Mit wenig Aufwand kann der Unterricht so gestaltet werden, das alle Kinder wertgeschätzt werden und dabei auch noch voneinander profitieren.

Ein nächster Schritt wäre, die Weichen für diese Unterrichtsform bereits im Studium zu legen: Die notwendigen Grundlagen für solche Lehrmethoden sollten zumindest als Wahlmodul im Lehramtsstudium angeboten werden. Nur so kann es zu einer flächendeckenden Wertschätzung von sprachlicher Vielfalt kommen.