Ohne Leistungspunkte mach ich nichts!

Zusammenarbeiten

Zusammen lernen ist besser als alleine lernen. Foto: Clemsonunivlibrary/Flickr

Studentisches Engagement in seinen verschiedensten Formen findet vielerorts (wieder) großen Anklang. Studierende lösen soziale und technische Probleme, verschönern ihren Campus oder diskutieren Klassiker ihrer Disziplin. An manchen Unis und Hochschulen werden diese Formen des Engagements in die Studienordnungen eingebunden. Gute Gründe dafür und dagegen diskutiert Lukas Daubner.

Kunstwährung nennt der Soziologe Stefan Kühl die Credit Points (Leistungspunkte), die dem European Credit Transfer and Accumulation System (ECTS) zugrunde liegen. Der ursprüngliche Plan der EU-Bildungsminister_innen war es, mit den Punkten Leistung national und europaweit vergleichbar und Lernerfolge durch Module sichtbar zu machen. Geendet ist die Reform in einem oft viel zu engem Korsett, das kreatives Lernen und Lehren einschränkt. Ein Punkt soll die Arbeitsleistung von 25 bis 30 Stunden ‚belohnen‘. Für deutsche Studierende beutet das in der Regel 30 mal 180 = 5400 Stunden Arbeitsaufwand für einen Bachelor. Alle Seminare, Vorlesungen, Prüfungen, Praktika müssen in Module gequetscht werden und am Ende muss das 180 für den Bachelor oder 120 Credit Points (CP’s) für den Master ergeben – egal ob das didaktisch sinnvoll ist. Nur durch mühsame Reform-Reformen konnte sich vielerorts aus dem Geflecht aus Einzel- und Anwesenheitsleistungen sowie eingeschränkter Wahlfreiheit etwas befreit werden.

Projekte, zum Himmel, zur Freiheit

In den vergangenen Jahren haben sich quer durch das Land verschiedene Widerstände gegen die Überregulierung in Folge der Bologna-Reform geregt. Studierende, Fakultätsverwaltungen und Lehrende setzen sich gegen starre Regularien und für flexible Strukturen ein. Mit der World Citizen School in Tübingen etwa haben sich Studierende eine eigene Plattform geschaffen, um miteinander in Projekten zu lernen und zu arbeiten.

So wie in Tübingen organisieren sich viele Studierende jenseits des Hörsaals, um eigenständig und selbstbestimmt zu lernen. Allein die Beiträge des Videowettbewerbs „Die Hochschule, die Zukunft und Duzeigen beeindruckend, dass auch in dem Bachelor- und Master-System jenseits der offiziellen Strukturen diskutiert, geplant und gelernt werden kann. Lesegruppen, Entwickler_innenteams, soziale und ökologische Fragen, die Liste der Möglichkeiten an denen Studierende sich während des Studiums abarbeiten könnten ist lang. Mehr – oder anders – als im Frontalunterricht lernen sie in den unterschiedlichen Projekten theoretisches Wissen auf reale Probleme anzupassen, ihre Stärken und Schwächen zu trainieren und – nicht zuletzt – zu scheitern. Durch das Engagement der Studierenden können außerdem veraltete Lehrpläne um aktuelle Themen ergänzt werden. Im besten Fall entsteht zudem eine größere Wahlfreiheit im Seminarplan.

Unterstützung vs. Einengung

An verschiedenen Unis und Hochschulen wird sich daran ausprobiert, die diversen Engagements auf dem Campus stärker in den Studienverlauf einzubinden, Freiräume festzulegen und für den Einsatz CP’s zu vergeben. Unklar ist, ob dadurch den Studierenden Selbstständigkeit und -bestimmung wieder entzogen wird. Freiräume einzubinden klingt widersprüchlich. Es gibt dafür aber gute Gründe:

Unis und Hochschulen drücken dadurch Wertschätzung für das Engagement ihrer Studierenden aus. Wenn außerdem eine Ansprechperson bereitgestellt wird, die Wissen über Räume hat oder Hilfestellungen zu Anträgen o.ä. geben kann, würden Studierende bei der Umsetzung ihrer Ideen unterstützt und als wichtiger Teil der jeweiligen Einrichtung anerkannt. Wenn dann auch noch finanzielle Mittel bereitgestellt würden, könnten Studierende ernsthaft an der Veränderung ihrer Umwelt arbeiten. Bisher läuft dieses Engagement meistens auf Kosten des eigentlichen Studiums und schließt sich deshalb bei vielen Studierenden gegenseitig aus.

Es sollte aber kritisch betrachtet werden, dass zusätzliches Engagement nicht wie eine Klausur oder eine Vorlesung in CP’s belohnt werden kann. Dadurch wird der Schein gewahrt, dass alle diese Leistungen vergleichbar wären. Der wirkliche Aufwand von der Organisation eines Kongresses oder dem Bau eines Prototyps lässt sich in dieser „Kunstwährung“ aber nicht sinnvoll abbilden. Wenn der Einsatz abseits des Lehrplans in Punkten entlohnt wird, besteht die Gefahr, dass die wenigen Freiräume, die es gibt, der einschränkenden ECTS-Logik unterworfen werden. Im schlimmsten Fall würden dann Studierende ein Projekt machen, weil es einfacher ist dort Punkte zu erreichen als in einem Seminar mit Klausur. Oder innovative Lösungswege würden nicht eingeschlagen, weil sie mehr Zeit kosten als einfache und langweilige.

Ungeklärt ist auch, wie mit Projekten umgegangen wird, die nicht den offiziellen Strukturen unterliegen wollen? Entsteht eine zwei-Klassen-Struktur? Die Einen bekommen Mittel und Aufmerksamkeit, die Anderen nicht?

Das wichtigste Argument für die Vergabe von CP’s für studentisches Engagement ist aber Gerechtigkeit: Es ist eine der wenigen Möglichkeiten, allen Studierenden zu ermöglichen, sich eigenverantwortlich einzubringen. Studierende, die arbeiten müssen oder eine Familie haben, können nicht Abende lang in Seminarräumen oder Laboratorien diskutieren und tüfteln. Gerecht wäre es, wenn wenigstens ein Teil der aufgebrachten Zeit offiziell anerkannt wird. Dann wäre studentisches Engagement nicht nur Luxus derjenigen, die die Zeit dazu übrig haben.

Gleichzeitig muss aber auch gegen eine „Ohne Leistungspunkte mach ich nichts“-Mentalität angearbeitet werden. CP’s sammeln darf nicht (noch weiter) zum Selbstzweck verkommen.

Ein Lösungsvorschlag aus dem System heraus

Eine Idee wäre es 30 CP’s für projektorientierte Arbeit im Studium frei zu räumen. Das würde Abwechslung ins Studium bringen und gleichzeitig die Wahlfreiheit erhöhen. Anstelle des Projekts (der Projekte) könnten nicht passende Seminare und Vorlesungen gestrichen werden. Das Studium würde so interessengeleiteter und der vielfach geforderten Wahlfreiheit und stärkeren Orientierung an praktischen Problemen kann so ohne großen Aufwand entgegengekommen werden.

Für den Fall, dass die Studienordnung Leistungsnachweise fordert, gibt es mittlerweile flexible Nachweisformen, jenseits der Klausur oder der Hausarbeit. Ein Beispiel dafür sind die „Projektwerkstätten für sozial und ökologisch nützliches Denken und Handeln“ an der Technischen Universität Berlin. Dort können Spiele, Lehrbücher, Projektportfolios, Konzepte oder Prototypen als Nachweis dienen. Diese Projekte werden in Seminaren von studentischen Tutor_innen begleitet, die Hilfestellungen bieten.

Das herausfordernde dabei ist, die Offenheit und Spontanität von Engagement nicht zu ersticken. Wenn zu viel Anleitung und zu viel Leistungsabfrage einkehren, hat die ECTS-Logik gewonnen. Das spielhafte Ausprobieren und Erarbeiten von Lösungswegen muss im Mittelpunkt stehen. Genauso wie die eigenständige Entwicklung der Studierenden. Diese müssen daran am Ende selbst interessiert sein und Freiräume erkämpfen. Der Einsatz mancher Universitäten und Hochschulen für mehr studentisches Engagement ist begrüßenswert und darf gerne ausgeweitet werden. Die Anstrengungen sind aber verfehlt, wenn am Ende doch wieder alle in Seminarräumen sitzen und am Ende des Semesters über das Erlernte abgefragt werden.

 

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