„Knowmaden“ sind Spiegel der Bildungsungerechtigkeit

"Nomade" im Pappajohn Sculpture Park, Des Moines, Iowa, USA. Foto: Phil Roeder/Flickr

„Nomade“ im Pappajohn Sculpture Park, Des Moines, Iowa, USA. Foto: Phil Roeder/Flickr

Ali Gümüsay ruft in seinem Essay das Zeitalter der „Knowmaden“ aus, einem neuen Idealtypus von Lernenden in einem Zeitalter digitaler Bildung. Für unseren Autor Tim Hoff sind „Knowmaden“ jedoch lediglich die privilegierten Gewinnerfiguren eines ungerechten Systems. Eine Replik.

Noch bevor der polnisch-britische Soziologe Zygmunt Bauman seine einflussreiche Gegenwartsdiagnose einer „flüchtigen“ oder „fluiden“ Moderne vorlegte, prägte er eine interessante Metapher[1]: Die Menschen unserer heutigen Gesellschaft seien „Vagabunden“ oder „Nomaden“, die sich immer weniger auf Orte und Zeiten festlegen können. Abseits von Stabilität müssen die „Herumtreibenden“ ständig flexibel bleiben und sich mit unsicheren Bildungs- oder Jobbedingungen individuell arrangieren. In diesen Verhältnissen gewinnen vorrangig Personen, die dem Credo des eigenverantwortlichen Glück-Schmiedens folgen. Zumeist stammen sie aus privilegierten Elternhäusern, in denen viel in Bildung investiert wird. Das weiß auch der flexibel-, mobil- und lebenslang-lernende „Knowmade“, Ali Gümüsays Inkarnation eines Bildungsideals im digitalen Zeitalter – und spiegelt damit auf bemerkenswerte Weise Probleme des gegenwärtigen Bildungssystems wider.

Eine einseitige Betrachtung

Nach Gümüsays Vorstellung durchlaufen „Knowmaden“ im Idealfall einen sehr individualistischen Bildungsprozess. Demnach „entwickelt der Lernende sein eigenes Programm“, er wählt „aus einer Vielzahl von Möglichkeiten und Medien“ und bleibt möglichst unabhängig von Institutionen. Für den „Knowmaden“ sei es wichtig, die Grenzen „einzelner Schul- und Universitätssilos“ zu überwinden. Selbst die Lehrenden sollen in eine hintergründige Rolle geraten. In Gümüsays Worten: „Der Lernende wird verstärkt Lehrender seiner selbst“.

Diese Auffassung von Prozessen der Bildung ist jedoch recht einseitig. Es ist richtig, den Aspekt der Selbstständigkeit im Bildungsprozess zu betonen. Das ist gerade der springende, oft verkannte Unterschied zwischen Bildung und Ausbildung: Nur wir selbst können uns bilden, andere können uns nur ausbilden. Es gibt aber auch noch eine weitere Seite im Bildungsprozess – die pädagogische Anleitung.

Im jüngeren Diskurs um Bildung im digitalen Zeitalter scheint diese grundlegende Einsicht vermehrt zugunsten einer Überbetonung neuer Möglichkeiten von Selbsttätigkeit in Vergessenheit zu geraten. So soll auch der „Knowmade“ eigenständig sein, ein Unternehmer seiner Bildung werden, er soll digitale Bildung flexibel „überall von überall“ aufnehmen. Ohne Frage: Entsprechende Zugänge sind in einer Vielzahl vorhanden und nutzbar. Online-Medien sind längst im Alltag angekommen. Es vermischen sich offline und online Räume. Doch der gekonnte Umgang mit diesen neuen Bildungsmöglichkeiten erschließt sich für die Mehrzahl der Menschen nicht automatisch von selbst.

„Knowmaden“ als privilegierte „Bildungsgewinner“

Neuere Forschungen deuten darauf hin, dass die Möglichkeiten digitaler Bildung vor allem von Personen bildungsnaher Milieus als Ressourcen genutzt werden. Insbesondere reine Onlinekurse sind reizvoll für Personen mit Vorbildung und hohem kulturellen Kapital, die bereits wissen, wie sie erfolgreich selbstorganisiert und selbsttätig lernen können. Dass dies jedoch eher eine Minderheit ist, deuten die hohen Abbruchquoten der Kurse an. „Knowmaden“ sind somit die privilegierten „Bildungsgewinner“ eines sonst ungerechten Systems.

Wir sind also nicht alle „Knowmaden“, wie es die Überschrift von Gümüsays Essay suggerieren mag. Sowohl die Ressourcen und Zugänge, als auch die Motivation und das Können junger Menschen sind in Bezug auf das Digitale sehr unterschiedlich. Schaut man konkret auf die Internetnutzung von 12- bis 19-Jährigen in Deutschland zeigt sich zudem, dass ein Großteil der Zeit für Kommunikation in Social Media wie Facebook genutzt wird. Dort geht es allerdings mehr um soziale Interaktionen sowie Anerkennung, als um Wissensaneignung in einem pädagogisch erhofften Sinn. Zwar nimmt gleichzeitig auch die Nutzung des Internets für schulische Anforderungen zu, dies aber vor dem Hintergrund des institutionalisierten Kontexts Schule, mit der Begleitung durch Lehrer_innen.

Für Gümüsays „Knowmaden“ bedeutet Bildung unabhängig von Institutionen ein „Mehr an Eigenständigkeit“. Mit dieser geht jedoch die aufgebürdete Verantwortung einher, sich stets um die eigene, bestmögliche Bildung zu bemühen. Dies ist zunächst einmal nichts Verwerfliches, nur: Die „Knowmaden“ sind dabei auf sich gestellt und auf ihre eigenen, unterschiedlichen Ressourcen beschränkt. Letztere umfassen sowohl finanzielle Mittel als auch die Orientierung an dem, „was man von zu Hause kennt“: Gümüsay schreibt, es werde persönliche Bildungsabonnements geben, ähnlich wie moderne Zeitungsabonnements. Für „Knowmaden“ aus privilegierten Elternhäusern bedeutet das dann Bildung auf Niveau der Süddeutschen oder der Zeit, für andere eben täglich auf Niveau der BILD.

Die Notwendigkeit pädagogischer Anleitung

Bildung im digitalen Zeitalter einseitig beim Individuum zu verorten, ist daher der falsche Weg. Der Bildungsprozess darf nicht, wie man mit der Beschreibung der „Knowmaden“ interpretieren könnte, als eine neue Form übermäßiger Selbsttätigkeit der sich-Bildenden betrachtet werden. Nur auf die bereitgestellten Möglichkeiten und Ressourcen zu blicken, ohne zu hinterfragen, was die einzelnen Personen mit ihren mannigfaltigen Voraussetzungen und Bedürfnissen damit konkret anstellen können, ist aus einer Gerechtigkeitsperspektive heraus verkürzt.

Vielmehr muss der Aspekt der pädagogischen Anleitung im Sinne einer Befähigung zum Umgang mit digitalen Bildungsmöglichkeiten in den Vordergrund gerückt werden. Dies darf nicht aus einem allzu institutionskritischen Drang heraus entstehen, wie er zuweilen auch in der Literatur oder im Film vorzufinden ist. Erst wenn das Wechselspiel aus Selbsttätigkeit und Anleitung ausgewogen betrachtet wird, kann ein umfassendes Bildungsideal des digitalen Zeitalters entstehen. „Knowmaden“ könnten dann nicht nur die Spiegel gegenwärtiger Unzulänglichkeiten sein, sondern eine tatsächliche Perspektive auf ein neues Ideal bieten.

[1] Bauman, Zygmunt (1997): Flaneure, Spieler und Touristen. Essays zu postmodernen Lebensformen. Hamburg: Hamburger Edition