Das Bildungssystem auf einen Blick: Das Berufskolleg Musterhausen

Eingang Berufskolleg

Unterschiedliche Zugänge ins Bildungssystem. Foto: WikiCommons

Es gibt in Deutschland verschiedene Wege auf denen man nach der Schule einen Abschluss erreichen kann. Diese Bildungswege sind in verschiedene Institutionen aufgeteilt. Wie würde eine Bildungseinrichtung aussehen, die alle Ausbildungswege unter einem Dach vereint? Der Ausbildungsabbrecher, angehende Kommunikationswissenschaftler und Education-Hacker Marius Fischer entwirft hier einen zugespitzten Blick in ein ganz komisches Gebäude.

Wie würde eine Bildungseinrichtung aussehen, in der man sowohl studieren als auch einen Ausbildungsberuf erlernen könnte? In der alles unter einem Dach wäre? Hast Du Zeit für ein bisschen Phantasie? Wir brechen nun die gesamte Komplexität des deutschen Berufsbildungssystems herunter auf ein einziges Gebäude: Willkommen im Berufskolleg Musterhausens!

Zunächst einmal stelle ich mir vor, dass das Berufskolleg zwei Eingänge hätte. Der eine Eingang führt in den akademischen Bereich wo es eine Universität, eine Fachhochschule und eine Privatuni gibt, der andere in den Bereich der Berufsausbildung.
Zum „Schuljahresbeginn“ wird die Einteilung vorgenommen: Je nach sozialem Status des Elternhauses teilt man sich einem Bereich zu. Die Kinder der Oberschicht, oberen Mittelschicht und der Mittelschicht gehen durch die akademische Pforte, die Kinder der Mittelschicht, unteren Mittelschicht und Unterschicht schreiten durch die kaufmännische beziehungsweise handwerkliche Pforte. Ausnahmen existieren zwar, aber von Chancengerechtigkeit ist leider keine Spur zu finden.

Was passiert im Inneren des Berufskollegs? Im akademischen Bereich erwerben die jungen Menschen ihren wissenschaftlichen Bachelor-Abschluss. Wissenschaft besteht aus Forschung und Lehre, doch welche Rolle spielt der Arbeitsmarkt, die Wirtschaft? An Fachhochschulen eine ziemlich große, die Studierenden hier sollen nicht nur wissenschaftliches Arbeiten lernen, sondern auch Fähigkeiten und wirtschaftliches Denken für ihre spätere Karriere in der Berufswelt erwerben.

Eine Beschreibung, die nur bei wenigen Studierenden der Universität auf Resonanz stoßen dürfte. Gerade die angehenden Geisteswissenschaftler haben in ihrem Studium einen starken Fokus auf das wissenschaftliche Arbeiten. Wie recherchiere ich richtig? Wie kann ich die Gedanken anderer korrekt zitieren? Wie kann ich mich in einer Sprache ausdrücken die außerhalb der Uni kaum jemand versteht? Die Lehrende sind Lehrende weil sie sich in wissenschaftlichem Arbeiten bewiesen haben, nicht weil sie Pädagogen sind.
Die Universität im Berufskolleg Musterhausens ist in einem Turm angesiedelt, die Hochschule im Erdgeschoss. Auf der Dachterrasse befindet sich noch ein weiterer akademischer Bereich: die Privatuniversität. Verkehrssprache hier ist Englisch, der Unterricht wird von motivierten Dozenten ausgeführt. Der wichtigste Grund aber warum die Eltern tausende Euros investieren ist der: In der Privatuniversität ist man unter sich und hat die besten Chancen, sich ein Netzwerk in der Wirtschaft aufzubauen. Jede Woche gibt es einen Vortrag eines CEOs, zu dem nicht nur die Studierenden gehen, sondern andere Spitzen aus Wirtschaft und Politik gleichermaßen!
Übrigens müssen die angehenden Akademiker teilweise nur sechs Monate pro Jahr ins Berufskolleg. In den Semesterferien müssen sie allerdings Praktika machen, Hausarbeiten schreiben oder in vielen Fällen auch Geld verdienen.

Im Gegensatz dazu steht der nicht-akademische Bereich. Hier landen vor allem junge Menschen, deren Eltern ebenfalls nicht studiert haben. Im Bereich der kaufmännischen Ausbildung ist das Verhältnis noch gemischt. Hier sind ein paar Firmen angesiedelt, beispielsweise Banken, Speditionen, Supermärkte und Reisebüros. Die Auszubildenden arbeiten in der Regel mindestens drei Tage in einer Firma und bekommen zusätzlich zwei Tage Unterricht an einer Berufsschule. An der Berufsschule gibt es Mathe und Englisch, aber auch viel Berufstheorie. Das klingt an sich spannend, soll aber noch langweiliger sein als Schule. Nach zweieinhalb bis drei Jahren hat man seine Abschlussprüfung bei der Industrie- und Handelskammer und darf sich fortan Kaufmann beziehungsweise Kauffrau nennen.

Es gibt aber auch noch den Bereich der handwerklichen Ausbildung: Hier werden nicht nur Maler und Lackierer, KFZ-Mechatroniker, Beton- und Stahlbauer und Tischler ausgebildet, sondern auch Steinmetze, Diamantschleifer und Bäcker. Das Prinzip der Ausbildung ist genauso wie im kaufmännischen Bereich: Drei Tage die Woche in einer Firma, zwei Tage Berufsschule, 25 Urlaubstage im Jahr. Es gibt ein monatliches Gehalt, das bei manchen Azubis (bsw. angehende Industriekaufleute) auch schon relativ hoch ist, aber die Regel sind wenige hundert Euro im Monat für einen 38-Stunden-Job.

Zwischen dem Bereich der Ausbildung und dem Bereich des Studiums gibt es verschiedene Durchgangswege, die aber nur selten benutzt werden; die jungen Leute am Berufskolleg Musterhausen scheinen lieber unter sich bleiben zu wollen. Es gibt jedoch eine Gruppe, die zwar eine sehr anstrengende, aber auch eine breitgefächerte Ausbildung machen: Wer sich zu einem dualen Studium entschließt, arbeitet in der Regel drei bis fünf Tage in einer Firma, besucht zwei Tage die Berufsschule und studiert zusätzlich am Abend und samstags BWL im akademischen Bereich.

Ausgegliedert aus dem Berufskolleg sind Einrichtungen wie die Polizeischule oder Maßnahmen des Arbeitsamts für junge Menschen, die nach der Schule keinen Platz im höheren Bildungssystem ergattert haben und nun Hartz4 erhalten. Auch nicht zu vergessen sind die jungen Menschen, die nach der Schule erst mal den Rucksack packen und die Welt anschauen, oder sich sozial engagieren, sei es mithilfe des weltwärts-Programms im Ausland oder in Form eines FSJ, FKJ oder FÖJ in Deutschland.

Ich glaube, so würde unser höheres Bildungssystem aussehen, wäre alles unter einem Dach. Zugangsmöglichkeit nach Status des Elternhauses, wenig Kontakte zu jungen Menschen aus einem anderen der sechs Bereiche, aber auch eine gewisse Ahnungslosigkeit der Neuankömmlinge, wie eigentlich der Alltag in den jeweiligen Bereichen aussieht. Gemeinsam ist allen Bereichen: Stress, Zwang und wenig Gestaltungsmöglichkeiten. Exakte Anleitungen und fremde Regeln, anstatt seinen Wünschen, Träumen und Interessen hinterher zugehen.

Im Berufskolleg Musterhausen, nein im deutschen Bildungssystem, gibt es leider noch viel zu tun!

 

 

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