Der „Wir“-Monolog – Wie münkler-watch der Sache schadet

An den Pranger gestellt.

An den Pranger gestellt? Diskurs geht anders. Foto: nomo/michael hoefner, CC BY-SA 2.5

Der Blog münkler-watch veröffentlicht anonym Beiträge gegen einen Professor. Man sieht sich dabei als Kollektiv und will so den kritischen Diskurs fördern. Nur wie will man diskutieren, wenn man nur Monologe hält? Noch dazu werden auch Mit-Studierende als Rassist_innen verunglimpft. Das schadet der Sache, meint Michael Grothe-Hammer in seinem nicht-anonymen Kommentar.

Im Moment macht der Blog „münkler-watchvon sich Reden. Wie wir von Was bildet ihr uns ein? möchte münkler-watch kritische Diskurse fördern und das Bildungssystem verbessern. Allerdings geht das dortige Blogger_innen-Kollektiv anders vor als wir: Sie schreiben anonym und beschränken ihre Angriffe vorrangig auf eine Person – Herfried Münkler, Professor für Theorie der Politik an der Humboldt-Universität zu Berlin. münkler-watch veröffentlicht wöchentlich eigene Zusammenfassungen von Münklers aktuellen Vorlesungen und kritisiert anschließend ausführlich dessen Verhalten – jedenfalls so wie dieses seitens der Blogger_innen empfunden wird. Die Bloggenden sind dabei nicht sonderlich zimperlich. Sie unterstellen Herrn Münkler Manipulation, Chauvinismus, Pietätlosigkeit und noch einiges mehr.

Anonym bleiben wegen der Karriere?

Nur, was soll das? Ob die Darstellungen zu Herfried Münklers Verhalten nun zutreffend sind oder nicht, sei einmal dahingestellt. Da es keine Belege gibt, will ich mir kein Urteil darüber bilden. Aber wieso schreibt das Blogger_innen-Kollektiv anonym, wo es doch den Diskurs anstoßen möchte? Die Blogger_innen schreiben, dass sie sonst Nachteile in Studium und Karriere fürchten müssten: „Potentielle Arbeitgeber_innen würden unsere Namen recherchieren können und dabei feststellen, dass wir in unserer Studienzeit kritische Diskurse organisiert haben – Heutzutage ist das Vertreten einer Meinung leider nicht sehr karrierefördernd.“ Aha. Nur, wie kommen sie darauf?

Mein Name ist Michael Grothe-Hammer. Ich habe in meiner Studienzeit an der Universität Bielefeld kritische Diskurse mitorganisiert, habe zum Teil heftig gegen ein Marketingkonzept meiner Universität gestänkert und den Bielefelder Professor und Leibniz-Preisträger Martin Carrier angegriffen. Noch dazu habe ich gegen eine Bielefelder Lokalgröße gewettert und bekomme bis heute böse Kommentare und Mails deswegen. Mittlerweile schreibe ich für Was bildet ihr uns ein?, auch nicht unbedingt unkritisch. Das lässt sich alles googlen.

Das hat allerdings weder die Uni Bielefeld davon abgehalten, mich als Wissenschaftliche Hilfskraft, noch die Freie Universität Berlin, mich als wissenschaftlichen Mitarbeiter einzustellen oder die Universität Potsdam, mir einen Lehrauftrag zu geben. Mag sein, dass die Humboldt-Uni anders tickt. Ich weiß es nicht… Übrigens war ich zwischenzeitlich auch hauptberuflich in der freien Wirtschaft unterwegs. Meine zwei Arbeitgeber dort hat mein Engagement auch nicht gestört. Ich jedenfalls stehe zu meiner Sache, ob „karrierefördernd“ oder nicht.

Sind Identitäten irrelevant?

Wenn es allerdings nur die vorgeschobene Karriereangst wäre. münkler-watch nennt noch einen anderen Grund für die Anonymisierung: Das „wir.“ Man sieht sich als „wir“ der Studierendenschaft, möchte „frei von Ich-Illusionen sein“: „Wir seid Ihr“, schreiben sie. Deswegen sind sie der Meinung: „unsere Identität ist irrelevant.“ Ich als Blogger von Was bildet ihr uns ein? frage mich: Wie kann Identität nicht relevant sein? Identität ist nicht irrelevant, von keinem Studierenden, von niemandem. Die Studierenden sind keine anonyme Masse. Sie sind Individuen, die gehört werden sollten, ja gehört werden müssten – und zwar in ihrer gesamten Pluralität.

münkler-watch will einen Diskurs, hält aber Monologe

Mit wem soll man diskutieren, ohne Identitäten? Wen vertreten? münkler-watch sagt zwar, sie wollten einen Diskurs eröffnen, aber tatsächlich halten sie einen Monolog. Ein junger Bildungskongress, wie Was bildet ihr uns ein? ihn organisiert und auf dem Bildungsbetroffene auf Augenhöhe über Bildung diskutieren? Anonym undenkbar!

Sicherlich, auch bei Was bildet ihr uns ein? gibt es hin und wieder anonyme Beiträge – dann allerdings meist um die Personen, über die berichtet wird, zu schützen. münkler-watch macht das genaue Gegenteil. Sie schreiben anonym, um eine Person zu exponieren, sie an den Pranger zu stellen.

Mit-Studierende als Rassist_innen – Wie war das mit „wir“?

Das Problem an der kollektiven Anonymität? münkler-watch behauptet zwar, dass man sich als Teil der Studierendenschaft sieht und den Kommiliton_innen „keinen Stempel aufdrücken“ möchte. Tatsächlich wird aber dann nicht nur gegen Herrn Münkler geschossen. Auch die eigenen Mit-Studierenden sind vor Attacken nicht sicher und werden von den Bloggenden als Rassist_innen dargestellt. So viel zur Selbstbeschreibung des Blogs: „Wir seid Ihr, Ihr seid wir!“

Was bewirkt das? Anonyme Blogger_innen, die für Studierende sprechen wollen, die man gleichzeitig beschimpft? Anonyme Blogger_innen, die nicht zu ihrer Sache stehen, weil sie irrationale Karriereängste haben? Anonyme Blogger_innen, die Einzelpersonen vorführen? Das bewirkt gar nichts – jedenfalls keinen Diskurs. Das schadet nur der Sache – unserer Sache: Bildung verbessern.

Herzlichst, Euer Michael Grothe-Hammer