Arbeit statt Bildung? Ein Kommentar zur vorgeschlagenen Verknappung von Studienplätzen

Das Hochschulsystem  qualifiziert am Markt vorbei. Na und?

Das Hochschulsystem qualifiziert am Markt vorbei. Na und? Foto: jutta rotter / pixelio.de

Der Chef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Eric Schweitzer, hat in einem Welt-Interview jüngst erneut vor der vermeintlichen Überakademisierung in Deutschland gewarnt. Angeblich studieren zu viele junge Menschen, die stattdessen lieber eine Ausbildung machen sollten. Schweitzers Vorschlag lautet sodann: Verknappt die Studienplätze! So sollen diejenigen jungen Menschen, die leer ausgehen, zu einer Berufsausbildung bewegt werden. Kann das eine legitime Lösung sein? Ein Kommentar von Michael Grothe-Hammer

Studieren sollen nur noch so viele, wie es der Wirtschaft nützt

Die Diskussion zum Thema Überakademisierung ist nicht neu. Sie wird bereits seit Jahren immer mal wieder geführt. Was mich an ihr stört, ist nicht die Überlegung, ob es wirklich zu viele oder eher zu wenige Akademiker in Deutschland gibt, sondern der vermeintliche Lösungsvorschlag von Eric Schweitzer. Der möchte die Studienplätze verknappen und sagt dazu allen Ernstes: „Ich halte das unbegrenzte politische Angebot für falsch, dass jeder, der studieren will, auch studieren können soll.“ Heißt: Schweitzer will das Bildungssystem dahingehend verändern, dass das Studium nicht länger eine freie Entscheidung ist, sondern ein Privileg wird. Studieren sollen nur noch so viele junge Menschen, wie auf dem Arbeitsmarkt mit dieser Qualifikation gebraucht werden.

Meines Erachtens spiegelt sich in solchen Forderungen das Grundproblem der ganzen Diskussion wider. Es scheint mittlerweile vollkommen legitim zu sein, die Qualität der Bildung danach zu bewerten, wie nützlich sie für die Sättigung des Arbeitsmarktes ist. Das äußert sich dann im besagten Welt-Interview zum Beispiel wie folgt. Schweitzer sagt einen Satz wie: „Die Universitäten müssen in erster Linie dafür sorgen, dass die Bewerber auch für den Arbeitsmarkt gerüstet sind.“ Und die Welt fragt daraufhin nicht etwa: „Wie kommen Sie denn auf so etwas?“, sondern: „Wie könnte das geschehen?“. Das Problem liegt dabei auf der Hand, denn im Grunde sollte allein der Anspruch, Universitäten sollten primär (!) für den Arbeitsmarkt ausbilden, zumindest fraglich sein. So sind Universitäten als sogenannte wissenschaftliche Hochschulen eigentlich dafür da, Forschung zu betreiben und den Nachwuchs für die Wissenschaft auszubilden. Anstatt allerdings den Funktionswechsel von Universitäten kritisch zu hinterfragen, scheint der Anspruch auf eine wirtschaftlich bestimmte Ausrichtung mittlerweile von der Gesellschaft als gegeben hingenommen zu werden. So wundert es nicht, dass auch Arbeitsforscher wie Joachim Möller diskutieren, „ob Teile des Hochschulsystems nicht eher am Markt vorbei qualifizieren.“ Aus solchen medialen Diskussionen lässt sich ebenfalls die implizite Grundannahme ablesen, dass die einzige Funktion von Universitäten die Ausbildung von jungen Menschen für ihre erfolgreiche Integration auf dem Arbeitsmarkt sein sollte. Die Antwort auf solch eine Frage sollte allerdings stattdessen lauten: „Ja und?“

Statt „wie“ erst einmal „ob“ fragen

Vielleicht sollte die Diskussion über das Hochschulsystem stattdessen auf ein grundlegendes Level zurückgeholt werden. Statt zu fragen, wie das deutsche Bildungssystem den Arbeitsmarkt optimal mit Personal versorgen kann, sollte erst darüber gesprochen werden, ob dies überhaupt seine primäre Aufgabe sein sollte. Wollen wir ein System, das vorrangig auf die individuellen Bildungspräferenzen der Menschen ausgerichtet ist oder eines, das marktwirtschaftlichen Interessen und Bedarfen folgt? Sind die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes wichtiger als die reinen Ideale der Bildung?

Eric Schweitzer hat nun gefordert, den Menschen die Möglichkeit zu nehmen, sich nach freiem Willen und individuellen Interessen bilden zu können – jedenfalls einigen Menschen. Er will, dass der Arbeitsmarkt bestimmt, wer was studiert und nicht jeder einzelne für sich. Die Frage ist: Wollen wir das wirklich?

Das könnte dich auch interessieren

  • Akademisierungswahn – Das missverstandene SchlagwortAkademisierungswahn – Das missverstandene Schlagwort Ist „Akademisierungswahn“ ein missverstandenes Schlagwort? Das lässt zumindest der „CHANCEN Brief“ vermuten, ein neuer und lesenswerter Newsletter der ZEIT Onlineredaktion zu Neuigkeiten […]
  • Studieren in Freiheit und SelbstbestimmungStudieren in Freiheit und Selbstbestimmung „Studiert doch, was ihr wollt!“ hatte der Informatik-Professor Dominikus Herzberg kürzlich in einem Gastbeitrag auf ZEIT ONLINE gefordert und damit für eine individuelle Zusammenstellung […]
  • Mit der AfD zurück in die VergangenheitMit der AfD zurück in die Vergangenheit Was die AfD zum Thema Bildung zu sagen hat, verrät viel darüber, was sich die Partei für unsere Gesellschaft als Ganzes wünscht. Nach dem Blick auf Kita und Schule widmen wir uns im […]
  • Ein Zukunftspakt und mehr Geld für die HochschulenEin Zukunftspakt und mehr Geld für die Hochschulen Endlich fordert wieder einmal jemand mehr Geld für das deutsche Hochschulsystem! Der Wissenschaftsrat hat am Montag ein Papier veröffentlicht, in dem er empfiehlt, wie das deutsche […]