Studieren in Freiheit und Selbstbestimmung

Die Puzzlesteine des Studiums selbst zusammenlegen. Foto: Foto:   Gary Jungling/Flickr

Studium Individuale: Die Puzzlesteine des Studiums frei zusammenfügen. Foto: Gary Jungling/Flickr

Studiert doch, was ihr wollt! hatte der Informatik-Professor Dominikus Herzberg kürzlich in einem Gastbeitrag auf ZEIT ONLINE gefordert und damit für eine individuelle Zusammenstellung von Studienfächern geworben. Herzberg bemängelte eine fehlende Offenheit für die vielfältigen Stärken junger Menschen, die sich in eng gestrickte Bachelor-Studiengänge einfügen müssen. Es gibt jedoch bereits Studienmodelle, die zu einer freiheitlicheren Gestaltung des eigenen Curriculums ermutigen und dabei das Studium als eine intensive Auseinandersetzung mit persönlich bestimmten, fachübergreifenden Themen verstehen – beispielsweise das „Studium Individuale“ der Leuphana Universität Lüneburg.

Die Hochschulrektorenkonferenz zählte im Wintersemester 2014/15 weit mehr als 7.500 akkreditierte Bachelor-Studiengänge. Diese enorme Freiheit in der Auswahl an Studienangeboten lässt jedoch nicht zwangsweise auf eine große inhaltliche Freiheit schließen. Vielmehr sind die curricularen Vorschriften in den teils stark spezialisierten Studiengängen oft wenig flexibel, wie auch Herzberg betont. Sie schreiben den jungen Erstsemestern genau vor, wann sie sich mit bestimmten Inhalten in welcher Reihenfolge und mit welchem Zeitumfang zu beschäftigen haben. Diese mit dem Schlagwort „Verschulung“ kritisierten Vorgaben stehen dabei in einem bemerkenswerten Widerspruch zu dem Ideal eines Studiums, das zu Selbstbestimmung und Verantwortung befähigen soll.

Ein Weg zu selbstbestimmten Lerninhalten – das Studium Individuale in Lüneburg

Studiengänge, wie das Studium Individuale in Lüneburg rücken das Ziel der Selbstbestimmung wieder in den Mittelpunkt des Studierens. Angelehnt an die US-amerikanische Tradition einer liberal education und Teil einer seit gut einem Jahrzehnt bestehenden Bewegung von Liberal Arts and Sciences-Programmen in Europa, geht es im Studium Individuale darum, eigene, interdisziplinäre Frage- oder Problemstellungen zu entwickeln, ohne an ein bestimmtes Fach gebunden zu sein. Im Rahmen des Studienprogramms sollen die Studierenden die Möglichkeit bekommen, individuelle Interessensschwerpunkte zu bestimmen und zu vertiefen – und zwar nicht nur in bestimmten Teilbereichen, sondern über ihr gesamtes Bachelor-Studium hinweg.

Seit dem Wintersemester 2012/13 gibt es das Studium Individuale in Lüneburg. Die Studierenden stellen sich ihr Curriculum aus Modulen des gesamten Bachelor-Studienangebots der Universität zusammen und können dabei ihrem Studium ein spezifisches, interdisziplinäres Profil verleihen – beispielsweise wenn Fragen der Umweltwissenschaften mit Kulturwissenschaften in Verbindung gebracht werden oder Projekte der Entwicklungszusammenarbeit an der Schnittstelle von Politik- und Ingenieurswissenschaften entstehen. Begleitet wird dieser selbstgestaltete Bereich des Studiums von einem Kerncurriculum, das für alle Studierenden des Studium Individuale verpflichtend ist. Hier werden Module angeboten, die auf grundlegende Fähigkeiten zielen, wie beispielsweise analytisches Denken, klare und überzeugende Argumentation oder auch begründete und perspektivische Beurteilung.

Kritisches Denken und Verantwortungsbewusstsein wieder als zentrale Aspekte eines Studiums wahrnehmen

Neben der Vertiefung des eigenen Schwerpunkts wird so eine umfassende Betrachtungsweise von Problemen und Sachverhalten gefördert, was dem gegenwärtigen Trend zu einer frühen Spezialisierung entgegenwirken und schließlich zu mehr Freiheit und Verantwortung im Studium führen soll. Wie das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) in einer repräsentativen Studie herausfand, sind insbesondere letzteres Aspekte eines Studiums, die in der jüngeren Vergangenheit der Bologna-Reform an vielen Universitäten zu wenig Beachtung gefunden haben. Dem Studienqualitätsmonitor des DZHW zufolge ist seit 2009 ein Rückgang der Förderung von Fähigkeiten wie Selbstständigkeit, kritisches Denken und Verantwortungsbewusstsein bei Studierenden zu verzeichnen.

Im Studium Individuale hingegen wird den Studierenden bei der Entwicklung und Realisation ihres persönlichen Curriculums ein hohes Maß an Freiheit und Verantwortung zugestanden. Damit ist es für junge Menschen attraktiv, die sich mit ihren Interessen und Fragen inter- und transdisziplinär auseinander setzen wollen und nach einer Möglichkeit des individuellen Zuschnitts ihres wissenschaftlichen Profils suchen. Zu rund zwei Dritteln können die Studierenden ihre Studienfächer selbst bestimmen, immer im Kontext einer selbst gewählten Themen- oder Fragestellung. Sie werden ermutigt, Fachgrenzen zu überschreiten, quer zu denken und etwas Neues, Eigenes zu kreieren.

Das Studium Individuale bietet somit die Möglichkeit, in einem strukturierten Rahmen „zu studieren, was man will“. Es versucht ferner, eine konstruktive und zeitgemäße Antwort auf manche Blindstellen der Bologna-Reform zu geben: Es hofft, kritisch denkende, junge Menschen hervorzubringen, die in ihrem Wissen, ihrem Können und ihrer Persönlichkeit in der Lage sind, in der Gesellschaft selbstständig, verantwortlich und gestaltend zu agieren. Es wird sich zeigen, wie das noch junge Lüneburger Studium Individuale dies leisten und sich weiterentwickeln wird. Den Versuch wert, ist es in jedem Fall.