Poco a poco – Interkulturelle Öffnung im mexikanischen Bildungssystem

Lehrer_innenausbildung. Foto: © Anne Köster

Lehrer_innenausbildung. Foto: © Anne Köster

Was noch zu tun ist, um eine nachhaltige interkulturelle Öffnung im gesamten mexikanischen Bildungssystem zu garantieren. Ein Kommentar von Anne Köster und damit der letzte Teil ihrer Reihe.

Seit der Einführung des interkulturellen, bilingualen Ansatzes in das mexikanische Bildungssystem wurden zahlreiche interkulturelle Interventionen für die pädagogische Praxis entwickelt. Ziel der interkulturellen Öffnung ist es, Stereotype und Diskriminierungen gegenüber den ethnischen Gruppen abzubauen und ihre gleichberechtigte Teilhabe an Bildungs- und anderen sozialen Prozessen zu fördern. Um eine nachhaltige Interkulturalisierung der Schulen zu garantieren, bedarf es neben Transformationen auf praktischer Ebene und in den Köpfen der Pädagog_innen auch grundlegende Veränderungen im mexikanischen Bildungssystem, also auf bildungspolitischer Ebene.

Mangelhafte Ausstattung, minderwertige Lehrerausbildung und niedrige Schulqualität

Die Gründe für die Bildungsmarginalisierung der indigenen Mexikaner sind vielseitig. Ein entscheidender Faktor aber ist die Trennung des indigenen vom regulären Bildungssystem. In allen Bundesstaaten Mexikos bis auf Mexiko Stadt gibt es, zumeist in ländlichen Gegenden, indigene Schulen, die den Schüler_innen der ethnischen Minderheitengruppen eine bilinguale Grundausbildung nach indigenem Bildungsmodell ermöglichen. Deren Schulqualität ist im Vergleich zu den regulären Schulen wesentlich niedriger. Zum einen sind die indigenen Schulen mangelhaft ausgestattet. Beispielsweise gibt es nur in 4,1 Prozent der indigenen Schulen einen Computer, wohingegen die Zahl in Mestizo-Schulen bei 28,8 Prozent liegt. Zum anderen wird das Lehrpersonal der indigenen Schulen mit mittlerer Reife oder Fachhochschulreife angestellt. Nur etwa die Hälfte der indigenen LehrerInnen haben einen Bachelorabschluss. Die andere Hälfte wird nach einem dreimonatigen Kurs bereits zum Unterrichten eingesetzt. Erst später haben sie die Möglichkeit, eine konventionelle Lehrer_innenausbildung zu absolvieren, dessen Abschluss für Lehrkräfte an einer Schule der Mehrheitsgesellschaft eine Grundvoraussetzung ist. Ein weiterer Grund ist, dass dem parallelen, indigenen Bildungssystem deutlich weniger finanzielle Mittel pro Schüler_in zur Verfügung stehen.

 Die Zahlen der Marginalisierung Auch noch 100 Jahre nach Einführung der indigenen Bildung und 13 Jahre nach der Integration des interkulturellen Bildungsansatzes in das mexikanische Bildungssystem, bestehen signifikante Bildungsungleichheiten zwischen den ethnischen Minderheiten und der Mehrheitsgesellschaft. Auf jeden Mestizo, der keine Schule besucht (4,9 Prozent), folgen zwei Indigene (8,3 Prozent). Ihre Abschlussquote des letzten Grundschuljahres liegt bei 89 im Vergleich zu 95 Prozent der Mestizos. Die Wahrscheinlichkeit, dass einmal eingeschulte Kinder die sechsjährige Grundschulausbildung erfolgreich durchlaufen, beträgt 51 zu 71 Prozent. Die Analphabetenrate unter Acht- bis Vierzehnjährigen, die eine indigene Sprache sprechen, ist 13,5 zu 2,4 Prozent. Indigene im Alter von 15 bis 19 Jahren besuchen in 73,7 zu 46,9 Prozent der Fälle keine höhere Schule mehr.

Bildungspolitische Lösungsansätze

Um die interkulturelle Öffnung im mexikanischen Bildungssystem erfolgreicher zu gestalten, sind neben Interventionen in der pädagogischen Praxis auch auf bildungspolitischer Ebene Transformationen nötig. Den politischen Maßnahmen und Projekten zur Schließung der Bildungsbresche zwischen den Indigenen und Mestizos sollte eine höhere Priorität und mehr finanzieller Spielraum gegeben werden. Die ethnischen Minderheitengruppen sollten aktiv in die Entwicklung interkultureller bildungspolitischer Programme mit einbezogen werden, um sie besser auf ihre eigenen Bedürfnisse zuschneiden zu können. Die indigene und interkulturelle Lehrer_innenausbildung sollte standardisiert und auf qualitativ vergleichbarem Niveau zu den Mestizos etabliert werden. Auf lange Sicht sollte das parallele, indigene Bildungssystem abgeschafft und anstelle dessen das nationale System interkulturalisiert werden. So erhalten Mexikaner_innen „poco a poco“ (Stück für Stück) einen Zugang zu einer Bildung, die ihrem kulturellen Kontext entspricht, und die Chance auf einen Schulabschluss in vergleichbarer Qualität und Wertigkeit.

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