Exportschlager duale Berufsausbildung – Lösung für Frankreichs Jugendarbeitslosigkeit?

Die deutsche Berufsausbildung - Modell auch für Frankreich? Foto: Carmen Eisbär/Flickr

Die deutsche Berufsausbildung – Modell auch für Frankreich? Foto: Carmen Eisbär/Flickr

Im Zuge der Eurokrise und der damit einhergehenden steigenden Jugendarbeitslosigkeit wurde das duale Ausbildungssystem Deutschlands von Medien und Politik zum „Erfolgsmodell“ auserkoren. Doch kann man ein Ausbildungssystem einfach exportieren? Am Beispiel Frankreichs zeigt unsere Bloggerin Natalie Welfens, dass das nicht so einfach geht.

Das duale Ausbildungssystem gilt als erfolgreich

Deutschland ist nach wie vor Exportweltmeister: Doch nicht nur schnelle Autos und leistungsfähige Maschinen „made in Germany“, auch Ausbildungsmodelle gehören dazu:„Exportschlager duale Ausbildung?“ heißt es im Deutschlandfunk, „Duale Ausbildung – ein Modell für Spanien“ titelt die Deutsche Welle und unter der Schlagzeile „Duale Ausbildung: Ein deutsches Modell macht Schule“ beschreibt Friederike Lübke 2013 ausführlich die weltweite deutsche Berufsbildungskooperation. Die mediale Sicht rät dabei zu einem gesteigerten Praxisanteil in der Berufsbildung in überwiegend schulischen Ausbildungssystemen im Ausland und dazu, die Inhalte stärker an den Bedürfnissen der Wirtschaft auszurichten. Kurz: sich am deutschen Dual-Modell zu orientieren gilt als lohnenswert. Anders als die meisten europäischen Ländern setzte das deutsche Modell bereits seit seinen historischen Anfängen im 18. Jahrhundert auf eine starke Einbindung der Sozialpartner und eine überwiegend praxisorientierte Ausbildung. Die organisatorische und finanzielle Verantwortung liegt somit, anders als z.B. in Frankreich, bei den Unternehmen und nicht beim Staat. Auf diese Weise ist das Ausbildungsmodell in Deutschland institutionell relativ unabhängig und genießt ein vergleichsweise hohes gesellschaftliches Ansehen. Letzteres schwindet allerdings zunehmend zugunsten einer universitären Ausbildung. So erfährt das deutsche Dual-Modell einen erheblichen Bewerberschund, wird aber in anderen Ländern gleichzeitig als verheißungsvoller Weg aus der Krise gehandelt. Zum Beispiel in Frankreich.

Frankreichs Berufsbildungssystem ist unter Druck

Das französische (Berufs-)Bildungssystem ist in Folge der Krise, ebenso wie die französische Wirtschaft und Regierung, unter erheblichen Reformdruck geraten. Medien, Politik und Forschung diskutieren mögliche Ursachen und Lösungsansätze. Im Zuge dieser Debatte gerät insbesondere das französische Ausbildungssystem in die Kritik: Eine Reihe von Analysen weisen auf den fehlenden Praxisbezug, die Unzulänglichkeit der schulisch-theoretischen Ausbildung, die mangelnde Berücksichtigung der Interessen der Wirtschaft und die geringe gesellschaftliche Wertschätzung der Berufsbildung hin.

Für einen Großteil dieser Studien gilt Deutschland nicht nur als Vergleichsfolie, sondern auch als mögliche Lösung: Ein ‚Import’ des deutschen Dual-Modells sei – wie es etwa von der Leyen prophezeite – das Erfolgsrezept schlechthin.

Doch ein genauer Blick auf die Reformen unseres Nachbarlandes zeigt: Seit Anfang der Krise wurden zwar zwei Reformen durchgeführt (die Refondation de l’École und die Loi sur la formation professionnelle, l’emploie et la démocratie sociale), doch keine der beiden spiegelt eine deutliche Orientierung am deutschen Dual-Modell wieder. Wie ist dies zu erklären?

Chancengleichheit ist nicht gleich Chancengleichheit

Eine Vermutung ist, dass Berufsbildungssysteme ebenso wie Wohlfahrtsstaaten historisch gewachsen und institutionell so tief verwurzelt sind, dass man sie nicht von heute auf morgen durch ein anderes System ersetzen kann. Die realen wie auch die ‚psychologischen’ Kosten eines radikalen Wechsels wären zu hoch. Ein Blick auf das französische Ausbildungsmodell zeigt, dass dieses sich stark vom Deutschen unterscheidet und somit ein Transfer schwierig ist.

Fast alle Merkmale des französischen Berufsbildungssystems lassen sich historisch bis etwa zur Zeit der französischen Revolution zurückverfolgen. Viele Elemente sind vom Gedankengut der Aufklärung und der Idee von Chancengleichheit durch Bildung beeinflusst. Was vielversprechend klingt, führt im Falle Frankreichs zur zunehmenden Verschulung der beruflichen Bildung, die im gesellschaftlichen Ansehen immer in Konkurrenz zum allgemeinbildenden Abitur mit anschließendem Studium an einer renommierten Eliteuniversität – dem eigentlichen Königsweg – steht. Während das duale Berufsbildungssystem in Deutschland weitestgehend unabhängig ist und den Begriff „Handwerkerstolz“ geprägt hat, gilt die betriebliche Lehre in Frankreich als Karrieresackgasse. Gemäß dem französischen Verständnis von égalité – Gleichheit – , wurde die Berufsbildung immer mehr den allgemeinbildenden, theoretischen Abschlüssen angepasst, sodass sowohl das allgemeine als auch das berufsbildende Abitur zum Universitätsstudium befähigen. Anders als in Deutschland fehlt dem französischen Ausbildungsmodell somit der Praxisbezug, die Möglichkeit das theoretisch erworbene Wissen praktisch anzuwenden.

Außerdem bleibt der symbolische Wert trotz formaler Gleichwertigkeit verschieden, und das berufsbildende Abitur weiterhin die schlechtere Alternative. Chancengleichheit bedeutet in Frankreich, jedem den Zugang zu akademischer Bildung, durch die verschiedenen Abiturtypen und durch eine einheitliche Sekundarstufe, die école unique, zu ermöglichen. Darin verwirklicht sich das platonische Ideal einer feingeistigen schulisch-theoretischen Bildung, die einen vor den körperlichen Anstrengungen handwerklicher Arbeit ‚bewahrt’.

Für die Ausbildung – egal ob allgemeinbildende oder berufsbildende– zu sorgen, fällt in das Aufgabengebiet des französischen Staates, nicht der Unternehmen. Diese leiten mit den sogenannten Lehrlingsabgaben nur einen finanziellen Beitrag. Damit steht das französische System in nahezu jeder Hinsicht im Kontrast zum deutschen Dual-Modell was einen Transfer des bejubelten Erfolgsrezepts erheblich erschwert.

Historisch verwurzelte Leitmotive als Reformblockaden

Eine Orientierung am deutschen Dual-Modell würde letztlich eine Abkehr von der historischen Ausbildungsstruktur und –Kultur bedeuten: Eine Kompetenzneuverteilung zwischen Staat und Unternehmerwelt, bei der der Zentralstaat seine Vormachtstellung einbüßen müsste und die Unternehmen finanziell und substanziell deutlich mehr Verantwortung tragen würden; eine praxisorientierte Berufsausbildung, die das Ideal theoretisch-schulischer Bildung bewusst ablehnt und sich stattdessen an den Bedürfnissen der Wirtschaft orientiert, und damit letztliche eine dezentrale Struktur, in einem sonst zentralstaatlich gelenkten Bildungssystem. Die bisherige institutionelle Struktur bestimmt letztlich nicht nur die Funktionsweise des Gesamtsystems sondern prägt auch das Handeln aller Akteure – von Lehrern, Auszubildenden, Familien, Sozialpartnern bis hin zu Arbeitgebern, Politikern und Medien. Angesichts des zentralen Wertes von Chancengleichheit, die durch die école unique, also eine einheitliche Sekundarstufe, institutionell realisiert wurde, wird die Übertragung des deutschen Dual-Modells, zumal sie zwangsweise eine stärkere Selektion für den Zugang zu akademischer Bildung vornehmen müsste, zusätzlich erschwert. Im Hinblick auf die tatsächliche Chancengleichheit, gemessen am Einfluss des sozioökonomischen Hintergrundes, schneiden übrigens weder Deutschland noch Frankreich besonders gut ab.

Wie das Beispiel Frankreichs zeigt kann der Wunsch deutscher Politiker_innen, das Duale Ausbildungssystem 1:1 an andere Länder zu exportieren, nicht realistisch sein. Um die grassierende Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen, müssen Lösungen aus den bestehenden Ausbildungssystemen heraus entwickelt werden. Das Hauptziel jeglicher Reform der Berufsbildung muss die Verbesserung des Ansehens dieses Bildungswegs und handwerklicher Arbeiten allgemein sein, wie es auch die Anfang Oktober 2014 lancierte Kampagne „L’apprentissage – C’est votre avenir“ („Die betriebliche Lehre ist Ihre Zukunft“) anvisiert. Ob das allein ohne eine kritische Betrachtung der Institutionen und ihres Einflusses auf die gesellschaftlichen Bildungsideale jedoch ausreicht, bleibt abzuwarten.

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