Interkulturelle Grundschulen in Mexiko Stadt – Utopie oder Realität?

Interkulturelles Event. Foto: © Anne Köster

Interkulturelles Event. Foto: © Anne Köster

Damit indigene Schüler_innen nicht von ihren Mestizo-Mitschüler_innen ausgegrenzt und diskriminiert werden, bedarf es auf den Einzelfall und Kontext abgestimmter, interkultureller pädagogischer Konzepte. Anne Köster stellt interkulturelle Ansätze vor, die in drei Grundschulen in Mexiko Stadt entwickelt und umgesetzt wurden. Teil 3 der vierteiligen Reihe.

Wenn Familien aus ethnischen Minderheitengruppen nach Mexiko Stadt migrieren und Grundschüler_innen verschiedener indigener Gruppen in Mestizo-Schulklassen aufgenommen werden, steht das Lehrpersonal vor der Herausforderung, sie auf Augenhöhe zu inkludieren, ohne sie zur Aufgabe ihrer kulturellen Identität zu zwingen. Interkulturelle pädagogische Interventionen sollen dabei helfen. Jedoch bedarf es, über die standardisierten Maßnahmen hinaus, einer individuellen Strategie, die auf die besonderen kontextuellen Bedingungen und persönlichen Bedürfnisse der Schüler_innen abgestimmt wird. Zum Umgang mit Indigenen in Mestizo-Grundschulklassen in Mexiko Stadt lassen sich bisher drei unterschiedliche interkulturelle Ansätze als Best-Practice Beispiele finden.

Die interkulturelle Sprachförderung – der individuelle Ansatz

Die Grundschule General Francisco Menendez im Stadtbezirk San Pedro de los Pinos verfolgt einen humanistischen Ansatz im Umgang mit allen Schüler_innen. Im Mittelpunkt steht das Individuum, das mit Respekt behandelt werden soll. Die Schülerschaft setzt sich aus Waisenkindern, Taubstummen, verspätet Eingeschulten sowie indigenen, zugewanderten Straßenkindern zusammen. Um dieser Vielfalt gerecht zu werden, gibt es pro Zielgruppe unterschiedliche Programme und geschultes pädagogisches Personal, das Inhalte konzipiert und spezialisierte Fördereinheiten durchführt. Für die Indigenen mit geringen Spanischkenntnissen gibt es ein tägliches, individuelles Spracherwerbsprogramm, das parallel zum regulären Unterricht stattfindet. Angélica María Martínez Escamilla, eine interkulturelle Bildungsbeauftragte der Grundschule, vermittelt ihnen die Grundlagen des Spanischen mithilfe von interkulturellen Sprachlernmethoden. Das heißt, dass sie beim Unterrichten thematisch an die Lebensrealitäten der Indigenen vor ihrer Migration nach Mexiko Stadt anknüpft. Sie hat es mit diesem Programm bereits mehrfach geschafft, Schüler_innen, die beim Eintritt in die Schule nur ihre indigene Sprache gesprochen haben, so viel Spanisch beizubringen, dass sie nach einem Schuljahr ohne schwerwiegende Verständnisprobleme an dem spanischsprachigen Unterricht teilnehmen konnten.

Das interkulturelle Projekt – der Gruppenansatz

In der Grundschule Agustin Rivera, die sich im historischen Zentrum von Mexiko Stadt, unweit des chinesischen Viertels, befindet, gibt es neben indigenen Zuwander_innen aus ländlichen Regionen auch einige chinesische Schüler_innen. Der Umgang mit der kulturellen und linguistischen Vielfalt und die Förderung von Toleranz in der Interaktion liegen in der alleinigen Verantwortung der jeweiligen Klassenlehrer_innen. In einer ersten Klasse mit zwei indigenen und einem chinesischen Mädchen hat die Lehrerin Adriana Ramirez Xolo erstmals ein dreimonatiges interkulturelles und fächerübergreifendes Projekt durchgeführt. Abgestimmt auf die eigenen Interessen der Schüler_innen bearbeiteten sie Rechercheaufgaben. Am Ende präsentierten sie den Eltern in einem selbst zusammengestellten, interkulturellen Event ihre Ergebnisse. Dies umfasste unter anderem einen indigenen Tanz in traditionellen Kostümen, Lieder in einer indigenen und in Zeichensprache sowie eine theatralische Performance zum Thema Toleranz und Vielfalt. Die Lehrerin bemerkte, dass der interdisziplinäre Projektunterricht die Kommunikationsfähigkeiten und das gegenseitige Kennenlernen der Schüler_innen aus den verschiedenen kulturellen Kontexten viel stärker fördert als konventioneller Unterricht in klassischer Fächeraufteilung. Da somit positive interkulturelle Beziehungen in der Klasse gefördert werden, möchte sie öfter solche Projektmodule durchführen. Jedoch sei es ein enormer Mehraufwand für das Lehrpersonal, diese so zu gestalten, dass trotzdem alle Vorgaben des Rahmenlehrplans erfüllt werden.

Die interkulturelle Ecke in der Schule – der ganzheitliche Ansatz

Die Grundschule Canadá befindet sich im Stadtbezirk Iztacalco, das überdurchschnittlich viele indigene Zuwander_innen bewohnen. Mehr als ein Drittel der Schüler_innen gehört einer indigen Gruppe an. Um die Berührungsängste zwischen den Indigenen und Mestizos in der Schule abzubauen und ein gegenseitiges Interesse und Kennenlernen zu fördern, führte die externe pädagogische Betreuerin des Schulamtes, Consuela Moncada Bibiano, ein mehrwöchiges Workshop-Programm mit allen Klassen der Grundschule durch. Die verschriftlichten Ergebnisse, wie zum Beispiel biografische Linien, gemalte Bilder von Herkunftsorten, Begriffssammlungen in indigenen Sprachen und Wünsche für den Umgang miteinander, wurden in einer interkulturellen Ecke, zugänglich für alle, an den Wänden der Schule aufgehängt. Ziel dieser Intervention war es, die Vielfalt sichtbar zu machen und als etwas Bereicherndes darzustellen. Die Beauftrage schlussfolgerte, dass die Workshops zwar die Interaktionen und den Austausch zwischen den Indigenen und Mestizos über ihre unterschiedlichen kulturellen Prägungen erfolgreich angeregt hätten, jedoch seien kontinuierliche interkulturelle Unterstützungsprogramme für das Lehrpersonal nötig, um diese in ihrer täglichen Arbeit zu entlasten und nachhaltige Effekte zu erzielen. Dafür fehle es allerdings an bildungspolitischen Grundlagen, finanziellen Mitteln und geschultem pädagogischen Zusatzpersonal.

Interkulturelle Grundschulen – von der Utopie zur Realität

Die vorgestellten interkulturellen Ansätze zeigen, dass es in Mexiko Stadt bereits Bemühungen gibt, um den indigenen Schüler_innen in Mestizo-Klassen eine gleichberechtigte Teilhabe am Bildungsprozess – ohne Aufgabe ihrer eigenen Kultur und ohne Diskriminierung durch die Mehrheitsgesellschaft – zu ermöglichen. Diese Interventionen sind bisher aber nur vereinzelt zu finden. Jede Grundschule mit Bedarf an interkultureller pädagogischer Unterstützung kann beim zuständigen Schulamt Projektmittel und personelle Zusatzbetreuung anfordern, wenn beispielsweise neue indigene Schüler_innen an die Schule kommen. Dies wird teilweise gemacht, jedoch fehlt es dann oft an Ressourcen, um eine reguläre Grundschule in eine interkulturelle umzuwandeln. Wenn sich die Pädagog_innen des besonderen Förderbedarfs der Indigenen nicht bewusst sind, beantragen sie erst gar keine Unterstützung beim Amt. Zum einen kann es daran liegen, dass die Indigenen ihre Herkunft verschleiern, um erwarteten Ausgrenzungen vorzubeugen. In diesem Fall werden die mangelnden Sprachkenntnisse der Schüler_innen aus ethnischen Minderheitengruppen vom Lehrpersonal als eine generelle Lernschwäche eingestuft. Zum anderen kann es an der fehlenden Empathie der Lehrkräfte liegen. Sie können sich nur schwer in die Situation des Kulturschocks hinein fühlen, die die Indigenen bei einem Wechsel des kulturellen und linguistischen Kontextes durchleben. Anstatt ihnen also zu helfen, diese kulturellen Unterschiede zu überbrücken, erschweren sie – durch die Reproduktion von Stereotypen, sowie durch ausgrenzendes und abwertendes Verhalten – die Inklusion der Indigenen auf Augenhöhe. Solange das Lehrpersonal ihre Einstellung in Bezug auf den Umgang mit kultureller und linguistischer Vielfalt im Klassenraum nicht ändert und für ihre pädagogische Praxis individualisierte Konzepte entwickelt, können diese Schulen nicht als interkulturell bezeichnet werden. Die hier vorgestellten interkulturellen Ansätze dienen als Vorbilder für alle Grundschulen mit indigener Schülerschaft in Mexiko Stadt. Erst bei einer flächendeckenden Umsetzung dieser Konzepte kann aus der Utopie der interkulturellen Grundschule Realität werden.

Zu Teil 1: „Multikulti-Mexiko! Indigene oder interkulturelle Bildung für die Vielfalt?“

Zu Teil 2: „Interkulturelle pädagogische Praxis in Mexiko