Das Beste beider Welten: Digitaler Sturm und Drang

Goethe-Statue vor der alten Börse in Leipzig, Foto: motograf/Flickr

Goethe-Statue vor der alten Börse in Leipzig, Foto: motograf/Flickr

In dieser Reihe stellen wir die Gewinner_innen des Essaywettbewerbs „Wie sieht Bildung im digitalen Zeitalter aus?“, ausgerichtet von uns und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, vor. Den Auftakt macht Autor Bob Blume.

Die Szenerie ist bereits komisch, bevor die schier unverschämte Beleidigung des offiziellen Vertreters von Recht und Ordnung kommt. Da steht ein selbstständiger Ritter auf dem Turm und rechtfertigt seine Bemühungen, die ihm Getreuen mit Gewalt und Wort zu verteidigen, koste es, was es wolle. Die Aufforderungen des Hauptmanns, sich zu ergeben, werden mit wenigen Worten weggewischt. Mehr noch: Der wagemutige Ritter namens Götz von Berlichingen schreit den Hauptmann an, er möge seinem Kaiser ausrichten, dass er ihn dort lecken solle, wo die Sonne nicht scheine. Ein unglaublicher Affront für die Figur, die Leser und die Kritiker. Der Sturm der Be- und Entgeisterung, den der junge Stürmer und Dränger Goethe bei allen Kulturschaffenden seiner Zeit auslöst, geht aber über die dreiste Beschimpfung und die triviale Mundart der Protagonisten hinaus. Goethe verfolgte mit seinem Drama mehr: Er trachtete nach einer Zerstörung der sich über Jahre manifestierten Form des Dramas bezüglich der Einheit von Ort, Zeit und Handlung, die er als Begrenzung des Genies wahrnahm. Mit dem Anspruch, aus einer für ihn nicht mehr zeitgemäßen Form menschlichen Ausdrucks auszubrechen, können die Bestrebungen des jungen Goethe mehr als 200 Jahre später als Ideal einer digitalen Bildung angesehen werden, die mehr sein will als eine formalistische Informationsmaschine. In einem offeneren Verständnis von Bildung stellt die digitale Sphäre eine neue Erfahrung von Autonomie zwischen den beiden Polen der analogen und digitalen Welt dar. Sie ist immer eine Verbindung zwischen dem Ich und dem anderen.

Die Grenzen der Einheitlichkeit

In seiner bei literaturaffinen Lesern bekannten Rede „Zum Schäkespears (sic!) Tag“, die dem wohl größten Schriftsteller der Welt gewidmet war, der in den Augen der Stürmer und Dränger das Ideal eines rein aus sich schaffenden Genies darstellte, erklärt Goethe, weshalb er die längst normativ gewordene Konstruktionsweise eines Dramas für hinderlich hält:

„Ich zweifelte keinen Augenblick, dem regelmäßigen Theater zu entsagen. Es schien mir die Einheit des Orts so kerkermäßig ängstlich, die Einheiten der Handlung und der Zeit lästige Fesseln unsrer Einbildungskraft, ich sprang in die freie Luft und fühlte erst daß ich Hände und Füße hatte. Und jetzo da ich sehe wie viel Unrecht mir die Herrn der Regeln in ihrem Loch angetan haben, wie viel freie Seelen noch drinnen sich krümmen, so wäre mir mein Herz geborsten wenn ich ihnen nicht Fehde angekündigt hätte und nicht täglich suchte, ihre Türme zusammen zu schlagen.“[1]

Goethe richtet sich hier sehr explizit gegen das dramaturgische Ideal des Aristoteles, das von Lessing übernommen und hinsichtlich seines eigenen Rezeptionsideals weiterentwickelt wurde. Es sieht vor, dass immer eine Einheit von Ort, Zeit und Handlung gegeben sein muss, welche die Möglichkeit erhöht, dass das Geschehen auf der Bühne vom Publikum als wahrscheinlich oder zumindest als möglich empfunden werden kann. Denn nur dann, so die Theorie, die Lessing in seiner „Hamburgischen Dramaturgie“ erklärt, könne der Rezipient das Dargestellte auf sich beziehen und durch es gereinigt werden. Diese moralische Reinigung wird als Katharsis bezeichnet, jenes griechische Wort der Literaturanalyse, das den meisten Abiturienten bekannt sein dürfte. Sollten Ereignisse von Bedeutung sein, die das einheitliche Drama nicht zulässt, ermöglicht die Teichoskopie jene Mauerschau, bei der die Dramatis Personae ihren Mitspielern schildern, was gerade zu sehen ist. Eine durch diese Form der Einheitlichkeit beziehungsweise Begrenzung hervorgerufene moralische Erziehung des Menschen empfand Goethe als anachronistisch. Und so sprengte er nicht nur die Form seines Dramas, sondern ließ auch dessen Protagonisten an seiner eigenen Zeit scheitern. Das könnte sich für den einen oder anderen nach einem durchaus bekannten Muster anhören.

Blume

 Bob Blume ist Studienrat an einer Schule in Baden-Württemberg und aktiver Blogger. Über die sozialen Netzwerke, vor allem über Twitter, erhält er Anregungen für neue Projekte. Er gibt zudem Fortbildungen über digitale Organisation und Vernetzung. Twitter: @legereaude Blog: www.bobblume.de

Der notwendige Gang des Ganzen

Die Figur des „Götz von Berlichingen“ ist nämlich als solcher ein Anachronismus. Ritter Götz, der Freischärler, sieht sich nur in seiner Loyalität gegenüber den vom ihm als ehrenhaft empfundenen Menschen verpflichtet. Professionelle, dem Kaiser verpflichtete Lakaien sind ihm fremd. Dagegen angehen kann er nicht; er stirbt als Held eines sich im Untergang befindlichen Ideals.

Der Schriftsteller und Philosoph Herder hatte Goethe in seiner Geschichtstheorie den theoretischen Unterbau dieser Entwicklung geliefert, indem er das Individuum als Spielball der äußeren Umstände beschrieb. Darauf bezieht sich Goethe, wenn er sagt:

„Shakespeares Theater ist ein schöner Raritätenkasten in dem die Geschichte der Welt vor unsern Augen an dem unsichtbaren Faden der Zeit vorbeiwallt. Seine Plane sind, nach dem gemeinen Styl zu reden, keine Plane, aber seine Stücke drehen sich alle um den geheimen Punkt (den noch kein Philosoph gesehen und bestimmt hat) in dem das Eigentümliche unseres Ichs, die prätendierte Freiheit unsres Wollens mit dem notwendigen Gang des Ganzen zusammenstoßt.“[2]

Somit unternimmt Goethe das, was sein von ihm zum Untergang erschaffener Protagonist nicht schafft: Er sprengt selbst die vorgegebene Form, um aktiv Teil einer Veränderung zu sein und nicht als Anachronismus in einer sich verändernden Zeit zu enden. Es bleibt eine ironische Pointe dieses Exkurses, dass sich der alte Goethe in der nun als Klassik bekannten Zeit just dem zuvor abgeschworenen Ideal zuwendet, dieses glorifiziert und in strikter Einhaltung zu einem weiteren Höhepunkt führt. Die Bildung im digitalen Zeitalter dagegen steht noch auf den Zinnen und schreit herunter. Sie muss die Form sprengen, wenn sie kein Anachronismus werden soll. Das aber geht nur, indem sie der Entwicklung um sich herum gewahr wird und ihre Protagonisten kennenlernt und ernst nimmt.

Von Münstern und dem Genie

Die Pluralität der Bildungsideale ist schier grenzenlos. Wollen wir jedoch das Ziel einer Bildung, die den digitalen Wandel ernst nimmt und ihn mit dem Einzelnen verbindet, diskutieren, muss sie eine Stoßrichtung haben. Auch hier hat Goethe eine passende Analogie. Während er das Straßburger Münster bewundert, erklärt er diejenigen zu Genies, die stets weiter streben und jene Dinge erschaffen, die auch nach ihrer Beendigung Potenziale für den bilden, der sie auf- und wahrnimmt.

Natürlich ist eine allgemeine Bildung fern von dem Anspruch, aus jedem Einzelnen ein Genie zu machen. Aber was ist eine gelingende Bildung anderes als die Erfahrbarkeit von eigener Produktionskraft, Kompetenz und Relevanz. Fernab von Schule und Universität findet mittlerweile eine eigene Bildung statt, die mithilfe von geteilten Videos Werte und Normen definiert, in der ästhetischen Verfremdung des Ichs durch Mobiltelefone und Plattformen eigene Narrative produziert und die mit Geschichten und Bruchstücken von alltäglicher Kommunikation schon genau das tut, was Bildung tun soll: autonome Individuen bei den täglichen Entscheidungen des Lebens unterstützen und anregen. Die Protagonisten dieser Bildung wollen nicht zu einem Anachronismus werden, auch wenn die Bildungsinstitutionen auf einem System beharren, das die Möglichkeiten der beiden Welten bestmöglich verhindert.

Das Drama der Bildung

Es erscheint fast, als sei der große Teil der Bildungsinstitutionen, die die heutigen digitalen Stürmer und Dränger erleben, innerhalb eines überkommenen Dramenmodells hängen geblieben, das eine Einheitlichkeit fordert, die heutzutage mehr denn je Grenze als Möglichkeit ist. Ort, Zeit und Raum sind strukturelle Elemente einer Bildung, die nicht mehr zeitgemäß ist.

Ort

Fernab der Diskussion, ob Schüler und Studenten heutzutage ob der gestiegenen Ansprüche nicht sogar mehr Zeit für die Vertiefung der Lehre in ihrem Zuhause als in den jeweiligen Institutionen verbringen müssen, bleiben die institutionellen Rahmenbedingungen ein Axiom. Durch die Dominanz des Lernortes ignorieren die Hochschulen die Entwicklung ihrer eigenen Klientel. Der geübte Surfer weiß schon in jungen Jahren, wie er seine Potenziale durch gezielte Eigenbildung schulen kann. Ist das eigene Interesse bekannt, sucht er nach Experten, sehr gezielt, bis die Herausforderung gemeistert ist. Dass er dabei allerdings diese Potenziale nicht kennt, ist das eigentliche Problem. Die vorgegebenen Orte der Bildung sorgen durch ihre Kontextbezogenheit für eine Begrenzung hin zu Isolation. Erst ein Bruch mit diesem Konzept ebnet den Weg zu einer Bildung, die digitale Potenziale mit bestehenden Überzeugungen aus der „analogen Bildung in Einklang bringt.[3] Schon vorhandene Konzepte wie flipped classroom und MOOCs[4] sind Beispiele für ein Aufbrechen des Ortes. Gleichzeitig bedeutet dies aber nicht nur eine räumliche Veränderung: Der Bruch mit dem Ort führt gleichsam zu einer Bedeutung der Teilnehmer. Das relativ neue Wort der Teilgeber macht auf diese Veränderung aufmerksam. Aber nicht nur hier brechen die Hierarchien der alten Bildung auf.

Zeit

Auch die Zeit, in der die hauptsächliche Bildung stattfindet, ist zum großen Teil durch den institutionellen Rahmen vorgegeben. Gerade in dem klassisch-hierarchischen Bildungskonzept des Lehrers als referierender Großmeister schrumpft die produktiv genutzte Zeit deutlich, ja wird dann unerträglich lang, wenn sie durch bloße passive Rezeption gefüllt wird. Auch der temporäre Zwang führt zu einer Abschottung des wichtigsten Gesellschaftsgutes Bildung.

Durch eine Veränderung des Ortes sind die Rahmenbedingungen dafür geschaffen, das eigene Handeln zeitlich anzupassen. Die Vorteile, die dies mit sich bringt, halten sich mit den Schwierigkeiten dann die Waage, wenn Zeitmanagement als gegebene Kompetenz gesehen wird, die derjenige, der mit ihr konfrontiert wird, beherrschen muss. Ein Umdenken hin zu einem autonomen Lernenden kann also nur dann stattfinden, wenn der Lehrperson klar wird, dass es nicht darum gehen kann, die Zeit mit einer lang anhaltenden Teichoskopie zu füllen. Der Student oder Schüler muss wissen, wie er sich die Dinge zu eigen macht, die dann, in einem nächsten Schritt, auch an einem Ort – produktiv – besprochen und weiterverarbeitet werden können.

Handlung

Wie Ort und Zeit hat die Bildung zumeist noch ihr eigenes Handlungsmuster. In dem Narrativ spielen die Lehrpersonen die Rolle der auktorialen Erzähler, die die Figuren durch eine Szenerie hin zu einem Ende lenken, das sie schon kennen. Auf diese Weise lernen die Protagonisten zwar das Gehen auf vorgetrampelten Wegen, aber wirkliche Anwendung kann ja nur bedeuten, den Weg selbst zu beschreiten, zuweilen gar erst zu finden. Vielleicht ist dies an der einen oder anderen Stelle nötig; aber wichtiger erscheint es, dass Bildung dafür sorgt, dass der autonome und individuelle Mensch sein eigenes Narrativ erschafft.

Ein Ziel

Viele strukturelle Umwälzungen, die die Bildung braucht, um ein Konzept zu erschaffen, das den Einzelnen ernst nimmt, gibt es schon lange. Mit Instagram und Twitter, MOOCs und flipped classroom, Wikipedia und Etherpad, Google und Facebook und zahlreichen weiteren zeitunabhängigen Orten, Welten und Mechanismen, die ihre eigenen Narrative aufbauen, sind unzählige Möglichkeiten vorhanden, die bisherigen Konzepte einer inzwischen anachronistischen Bildung zu erweitern. Es sollte das Ziel sein, an einem Aufbrechen des analogen Normenaufbaus, der auf der Einheitlichkeit von Ort, Zeit und Raum fußt, mitzuwirken. Einem Aufbrechen, das von vorgedachter Einheitlichkeit hin zu einer sinnvollen Selbsterfahrung zwischen den Welten sorgt.

In der wohl besten Doppelfolge der US-amerikanischen Science-Fiction-Serie „Raumschiff Enterprise“, die den Originaltitel „The Best of Both Worlds“ trägt, gerät der Captain der Enterprise, Jean-Luc Picard, in die Hände der Borg, jener halb humanoiden, halb computergesteuerten Lebewesen, die andere Rassen assimilieren und in ihr Kollektiv aufnehmen. Erst nachdem er von der Technik befreit wird, kann der Captain verstehen, welche Vorteile das Menschsein hat. Er hat das Beste beider Welten erfahren. Das ist wichtig, denn digitale Bildung ohne einen sozialen Bezugsrahmen ist sinnlose Spielerei, die kein Ziel hat. Analoge Bildung hingegen, die die digitale Entwicklung ignoriert, wird obsolet. Es wird Zeit, dass die Protagonisten der Bildungswelt den „notwendigen Gang des Ganzen“ und die Wünsche ihrer nach digitaler und analoger Autonomie strebenden Klienten ernst nehmen und sich nicht länger von einem System einengen lassen, das erstellt wurde, als die Zeit eine andere war. Dafür ist Mut nötig, als würde man auf eine Burg steigen und einem Hauptmann zurufen, er solle einen dort lecken, wo die Sonne nicht scheint. Oder als müsse man gegen eine außerirdische Rasse kämpfen, die einen in ihr starres Kollektiv zerren will. Aber genau so geschehen Veränderungen. Die Handlung ist nicht umzukehren, die Orte sind ausgemacht. Jetzt ist es an der Zeit, die Herausforderungen anzunehmen.

[1] Goethe: Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche (Frankfurter Ausgabe). Hrsgg. v. Friedmar Apel et al., Frankfurt/Main 1985 ff., Band 18, S. 10.

[2] Ebenda, S.11.

[3] Zum Beispiel Handlungs- und Produktionsorientierung nach Kaspar Spinner.

[4] Massive open online courses.

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