Interkulturelle pädagogische Praxis in Mexiko

Schüler_innen mit Nepos. Foto: © Anne Köster

Schüler_innen mit Nepos. Foto: © Anne Köster

In die mexikanischen Schulen finden immer mehr interkulturelle Unterrichtsmethoden Einzug. Anne Köster stellt Beispiele aus der pädagogischen Praxis vor. Teil 2 der vierteiligen Reihe.

Um der kulturellen und linguistischen Vielfalt Mexikos im Bildungsbereich gerecht zu werden, wurde 2001 der interkulturelle Ansatz auf allen Stufen des Bildungssystems integriert. Sowohl die Indigenen als auch die Mestizos lernen seither, die Diversität als etwas Positives und Bereicherndes wahrzunehmen. Wie genau das Lehrpersonal versucht, dieses Ziel in ihrer Praxis zu erreichen, zeigen die im Folgenden aufgeführten Beispiele. Diese interkulturalisierenden Unterrichtsinterventionen werden bisher lediglich in Einzelfällen an Schulen, entweder mit ausschließlich Indigenen, ausschließlich Mestizos oder kulturell gemischten Schülerschaften, durchgeführt. Es ist noch viel zu tun, bis der interkulturelle Bildungsansatz flächendeckend in den mexikanischen Schulen – und auch in den Köpfen der Pädagog_innen – angekommen ist.

Wissenswelten und Alltag – interkulturelle Lehrpläne

Ein essentielles Element der interkulturellen pädagogischen Praxis ist, Themen und Wissen aus den indigenen Kulturkontexten in den Lehrplan jedes Unterrichtsfaches mit einfließen zu lassen. In Biologie eignen sich dann die Schüler_innen zum Beispiel Fachwissen der Indigenen über Heilpflanzen an. In Chemie können sie die Wirkungungsweise natürlicher Düngemethoden anhand ihrer chemischen Reaktionen nachvollziehen. Durch das Erschließen dieser indigenen Themen und Wissenswelten lernen vor allem Mestizos Aspekte des Alltags der ethnischen Minderheiten kennen und als etwas gleichwertig Relevantes gegenüber ihrer eigenen Lebenswelt schätzen.

Begriffe und Sprache – interkulturelle Spracharbeit

Interkulturelle Spracharbeit bedeutet in diesem Zusammenhang für den Spanischunterricht beispielsweise, dass alle Schüler_innen gemeinsam nach Wörtern indigenen Ursprungs in ihrer Alltagssprache suchen. Indem jede_r Einzelne in der Klasse die Begriffe in einem selbst gestalteten Wörterbuch notiert, werden sie sich über die Relevanz indigener Entdeckungen und deren Einflüsse auf ihr tägliches Leben – vor allem in Bezug auf Essen und Orte – bewusst. Wenn es indigene Sprecher_innen in der Klasse gibt, können Dinge im Klassenraum gleichzeitig mit spanischen und Begriffen der jeweils vorhandenen indigenen Sprachen beschriftet werden. Dadurch lernen sie zum einen, diese Wörter im Umgang miteinander als Äquivalente zu benutzen. Zum anderen werden sie sich bewusst, dass verschiedene Sprachen unterschiedlichen Regeln zum Ausdrücken von Sachverhalten und Zeichenstrukturen zu ihrer Verschriftlichung unterliegen, also einer spezifischen Logik folgen, die eng mit dem jeweiligen Kulturkontext verknüpft ist.

Nepo und Piak – interkulturelle Unterrichtsmethoden

Nepōhualtzintzin – oder kurz Nepo – ist eine Rechenmaschine, welche die Mayas entwickelt haben, um komplexe astronomische Berechnungen durchzuführen. Da sie nicht auf dem uns geläufigen dezimalen Zahlensystem basiert, sondern von einer Grundeinheit von 20 ausgeht, werden durch den Einsatz des Nepos im Matheunterricht die Schüler_innen für die Existenz alternativer Lösungsmöglichkeiten sensibilisiert. Sie basteln ihre eigenen Nepos; das fördert ihre Kreativität. Piak ist ein Feldhockeyspiel der Kumiais. Es wird im Sportunterricht unter freiem Himmel auf Sandboden gespielt. Dabei lernen die Schüler_innen auch, sich aus natürlichen Materialien ihre Schläger zu bauen. In einer nachfolgenden Unterrichtseinheit recherchieren und präsentieren sie weitere indigene Sportarten oder Ausdrucksformen wie Tänze und Rituale. Piak wird hier als Unterrichtsmethode eingesetzt, um indigene Praktiken für die Schulklasse erfahrbar zu machen und sie zum Erkunden weiterer Aspekte der indigenen Kulturen zu animieren.

Ventana und Lectores – interkulturelle Didaktik

Die Dokumentarfilmreihe Ventana a mi comunidad (Fenster zu meiner Gemeinde) wird im Unterricht eingesetzt, um der Klasse einen Einblick in die Lebensweisen von Gleichaltrigen in indigenen, ländlichen Kontexten zu geben. Auf der Internetplattform können die Filmsequenzen kostenlos online angeschaut oder heruntergeladen werden. Indigenen eine Stimme im Schulunterricht zu geben, wird neben den kurzen Filmen auch durch den Einsatz von sogenannten Abuel@s Lectores ermöglicht. Freiwillige Indigene und Mestizos aus der unmittelbaren Umgebung der Schule lesen hierbei den Schüler_innen vor. Das können Texte von Autoren aus ethnischen Minderheitengruppen sein, mündlich überlieferte und dann verschriftlichte Geschichten und Legenden von Indigenen oder auch Schriften, in denen die kulturelle Vielfalt Mexikos und der Umgang mit Menschen aus anderen Kontexten thematisiert wird. In der Reflexion über das Vorgetragene lassen die Vorleser_innen auch ihre persönlichen Erfahrungen, die sie in indigenen Kulturkontexten gesammelt haben, mit einfließen.

Kontextabhängig und inkludierend – interkulturelle Pädagogik

Die präsentierten interkulturellen pädagogischen Praktiken werden bereits an einigen Schulen Mexikos durchgeführt. Die Lehrkräfte stimmen diese Interventionen auf den jeweiligen Kontext ab. Das heißt, wenn in einer Klasse nur Mestizos, nur Indigene oder Schüler_innen aus beiden Gesellschaftsgruppen unterrichtet werden, müssen jeweils andere Interkulturalisierungsstrategien entwickelt und angewendet werden. Das Ziel ist, die Gesellschaft zu einem wertschätzenden Umgang miteinander zu erziehen. Dabei sollen die Indigenen nicht mehr dazu gezwungen werden, ihre Kultur und Sprache aufzugeben, um gleichberechtigt teilhaben zu können. Die interkulturelle Pädagogik fördert also durch Inklusion – nicht Integration – das Zusammenleben aller Mexikaner_innen in Einklang mit ihrer kulturellen und linguistischen Vielfalt. Bis diese Unterrichtsinterventionen in allen mexikanischen Schulen angewendet werden, bedarf es noch weiterer Transformationen im Bildungssystem und in den Köpfen der Entscheidungsträger_innen in Politik und Praxis.

 

Zu Teil 1: „Multikulti-Mexiko! Indigene oder interkulturelle Bildung für die Vielfalt?“