Ausgegraben! – Über Knochen und vergrabenes Wissen

Auch dieses Institut hat eine koloniale Vergangenheit. Foto: Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Berlin-Dahlem

Auch dieses Institut hat eine koloniale Vergangenheit. Foto: Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Berlin-Dahlem

Es ist Juli 2014, Hochsommer in Berlin und es fällt schwer, sich auf die Seminararbeiten zu konzentrieren. Über eine weitere Baustelle vor der Bibliothek, freut sich da natürlich niemand. Was die Bauarbeiten vor der Universitätsbibliothek dann aber zu Tage befördern, lässt den Missmut über das Rattern und Dröhnen Baumaschinen sofort in Vergessenheit geraten.

Knochenfund am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft

Im Erdreich – in direkter Nähe zu den heutigen Gebäuden des Otto-Suhr-Instituts für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin (OSI) – finden die Bauarbeiter_innen Jahrzehnte alte Knochen. In den Säcken, in denen sie gefunden werden, befinden sich zudem Plastikmarken und Ampullen. Alles deutet darauf hin, dass Forscher_innen des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI-A), die Gebeine verschwinden lassen wollten. Wo heute Politikwissenschaft gelehrt wird, wurde nämlich von 1927-1945 eugenische Forschung betrieben. Hier war der berühmt-berüchtigte Ort wo “Rassen”-Wissenschaft produziert wurde, die dem Nationalsozialismus als Rechtfertigung für seine menschenverachtende Politik diente. Wer jetzt vom Knochenfund aufgeschreckt ist und gerne herausfinden würde, was da alles passiert ist, in diesem Gebäude, in dem man seine Uni-Zeit verbringt, dem wird es nicht leicht gemacht. Bei gründlichem Suchen findet sich am Eingang des Gebäudes (der Ihnestraße 22) eine Erinnerungstafel, die über die Vergangenheit des Gebäudes während er NS Zeit informiert. Immerhin – aber es sind nur wenige Sätze und schlecht lesbar ist der Text außerdem. Irgendwie total unbefriedigend.

Unsere Institutsgebäude haben eine Koloniale Vergangenheit

Ich studiere auch am OSI. Noch einige Semester vor dem Knochenfund saß ich in einem dieser raren Seminare zu Postkolonialer Theorie. Irgendwann hat es klick gemacht, nach dem Lesen eines Textes von Achille Mbembe, und uns wurde klar, dass alle Orte in Deutschland, das noch bis 1919 eine Kolonialmacht war, auch eine koloniale Vergangenheit haben müssen. Irgendwas muss zu dieser Zeit ja auch in den Gebäuden des OSI passiert sein. Die Gedenktafel hatte ich bis dato noch nicht wirklich wahrgenommen. Zusammen mit einigen Kommiliton_innen gingen wir der Frage nach, was unsere Institutsgebäude für eine Geschichte zu erzählen haben. Davon redet nämlich am Institut niemand mehr, und wenn man nicht zufällig mit dem Kopf gegen diese rostige Gedenkplatte knallt, kann man auch locker hier einen Bachelor und oder Masterabschluss machen, ohne je davon Wind zu bekommen. Mir wäre das ja auch fast so gegangen. Aus unserer Frage nach der kolonialen Vergangenheit ist ein riesiges Projekt geworden, das jetzt schon zwei Jahre lang dauert. Wir haben mehr herausgefunden über den Ort, als wir uns je hätten vorstellen können. Richtig schreckliche Sachen sind da ans Tageslicht gekommen. Zum Beispiel haben wir herausgefunden, dass das KWI-A eine enorme Schädelsammlung mit 3000 Schädeln besaß, darunter auch Schädel aus der damaligen deutschen Kolonie Deutsch-Südwestafrika und dass die „Rassen“forschung von Eugen Fischer (und vielen anderen) schon lange vor dem Nationalsozialismus begann. Diese Ergebnisse wollten wir mit möglichst vielen unserer Komiliton_innen teilen. Und mit allen anderen, die in diesem Gebäude arbeiten oder studieren. Also haben wir eine Ausstellung gemacht, die erzählt, welche Verbindungen es zwischen der “Rassen”-Wissenschaft, die im KWI-A produziert wurde und der Kolonialzeit gab. Einen kurzen Überblick gibt es darüber auf unserem Blog, der heißt wie unsere Ausstellung: manufacturingrace@wordpress.com.

Ein Teil der Vergangenheit wird vergessen – und das hat mit Bildungspolitik zu tun!

Vielleicht ist noch nicht ganz klar geworden, was die Geschichte eines alten Gebäudes, Knochenfunde auf einem Unicampus und irgend so eine Studentengruppe jetzt mit der Bildungsrevolution zu tun haben soll. Zu diesem Zusammenhang nochmal ganz in Ruhe:

Es gibt (wie in unserem Uni-Gebäude Beispiel) immer Dinge, die zu Hause, im Geschichtsunterricht, in den Nachrichten und auch in Uniseminaren nicht erzählt werden. Vielleicht passiert das manchmal ganz unbeabsichtigt, aber es wird auch ganz bewusst nicht über bestimmte Dinge geredet. So oder so hat es immer gravierende Folgen – vor allem wenn immer die selben Dinge nicht erzählt werden. Dann kommt man zum Beispiel an die Uni und weiß noch gar nicht, dass Deutschland auch mal Kolonien hatte. Und dass Deutschland sich noch nicht mal für den Völkermord an den Herero und Nama in seiner damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika entschuldigt hat. Bis heute nicht.

Julia Scheurer_Foto[box style=“grey info rounded“] Julia Scheurer (geb. 1988) ist Teil der Ausstellungsgruppe “Manufacturing Race”, die sich für ein angemessenes Erinnern an die koloniale Vergangenheit der Politik-Institutsgebäude der Freien Universität einsetzt. Mit dem Hochschulabschluss schon fast in der Tasche, wird sie das deutsche Bildungssystem bald hinter sich lassen. Wo’s dann hin geht, das bleibt noch spannend. [/box]

Mit dem Fragen fängt es an…

Damit sich das ändert, müssen sich Lehrpläne an Schulen und Universitäten ändern, aber auch darüber hinaus müssen wir uns fragen, an welche Teile der Geschichte wir uns erinnern, an welche nicht und warum das so ist. Es gibt viele Menschen, die im Alltag fragen, ob es da nicht noch mehr zu erzählen gibt. Die Berliner Gruppe ‚Berlin Postkolonial‘  zum Beispiel. Die setzen die sich unter anderem für die Umbenennung von Straßennamen ein. Zum Beispiel fordert sie einen neuen Namen für die „Mohrenstraße“ in Berlin Mitte. Oft finden sie beim Nachfragen heraus, dass der Straßenname Bevölkerungsgruppen diskriminiert oder die Person, die der Straße den Namen gibt, diese Ehrung überhaupt nicht verdient hat – eher im Gegenteil.

Auch wir, die Ausstellungsgruppe, machen weiter mit unserem Projekt. Weil wir nicht wollen, dass mit unserem Ausscheiden aus der Uni und mit dem Abbau der Ausstellung, das ganze Wissen über die Gebäudegeschichte wieder eingemottet wird. Gerade sieht alles danach aus, dass die Uni unsere Forderung nach einem angemessenen Erinnern und Gedenken erfüllen wird. Wenn alles glatt geht, kann ich bald hier auf dem Blog davon berichten. Vielleicht habt ihr in der Zwischenzeit dann auch schon euren Straßennamen umbenannt oder im Geschichtsunterricht mal nach der deutschen Kolonialgeschichte gefragt!