Multikulti-Mexiko! Indigene oder interkulturelle Bildung für die Vielfalt?

Indigene Schülerinnen in einer Grundschule in Mexiko Stadt. Foto: © Anne Köster

Indigene Schülerinnen in einer Grundschule in Mexiko Stadt. Foto: © Anne Köster

Eine Einführung in den bildungspolitischen Umgang mit der kulturellen und linguistischen Vielfalt Mexikos. Oder: Warum es neben dem indigenen nun auch den interkulturellen Bildungsansatz gibt. Teil 1 unserer vierteiligen Reihe von Anne Köster.

Mexiko ist multikulti, und das nicht aufgrund internationaler Zuwanderung, sondern wegen der indigenen Einwohner_innen. Mit 52 ethnischen Gruppen, die 364 verschiedene Sprachvarianten sprechen, ist Mexiko nicht nur das kulturell vielfältigste Land Lateinamerikas, sondern auch, gemessen an der international anerkannten Zahl indigener Sprachen, das linguistisch sechst diverseste Land der Welt. Um den ethnischen Minderheiten einen Zugang zu Bildung zu ermöglichen, wurden zwei relevante bildungspolitische Modelle entwickelt: die seit 1911 etablierte und stetig reformierte indigene Bildung und der seit 2001 eingeführte interkulturelle Bildungsansatz. Der angedachte Übergang von der indigenen zur interkulturellen Bildungspolitik ist noch nicht vollständig abgeschlossen.

Wieso, weshalb, warum? – Die historischen Wurzeln der mexikanischen Gesellschaft

Hernán Cortés, ein gesandter Eroberer der spanischen Krone, erreichte 1519 das heutige Mexiko. Nach siegreichen Auseinandersetzungen wurde das Vizekönigtum Nueva España (Neues Spanien) gegründet. Im Laufe der bis 1810 andauernden Kolonialisierung besiedelten spanische Einwander_innen das besetzte Land. Es entstand ein Gesellschaftssystem, das auf Kasten basierte. Die privilegierten Peninsulares waren die damaligen Immigrant_innen aus Spanien, ihre in Mexiko geborenen Kinder nannten sich Criollos. Die Nachkommen von Spanier_innen und Indigenen hießen Mestizos (Mischlinge). Am unteren Ende des Kastensystems standen die Indígenas (Ureinwohner_innen Mexikos) und die Negros (versklavte, dunkelhäutige Menschen afrikanischer Herkunft).

Wer, wo, wie viele? – Die indigene Bevölkerung Mexikos in Zahlen Heute machen die Mestizos den größten Teil der mexikanischen, spanischsprachigen Mehrheitsgesellschaft aus. Bei dem Bevölkerungszensus 2010 gaben 14 Prozent der Mexikaner_innen an, zu einer indigenen Gruppe zu gehören. 6,9 Mio. dieser Menschen sprechen eine der Sprachen ihrer Ureinwohner_innen. Am Häufigsten werden Náhuatl und Maya gesprochen. Der überwiegende Teil der Indigenen lebt in ländlichen Gegenden Südmexikos, rund 17,1 Prozent in urbanen Zentren. Dieser Anteil steigt kontinuierlich an, weil die ethnischen Minderheitengruppen, in der Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen, Landflucht begehen und in die Städte abwandern. In Mexiko Stadt sind derzeit mehr als 484.000 Indigene offiziell gemeldet (5,5 Prozent).

Multikulti und jetzt? – Zur aktuellen Situation der Indigenen in Mexiko

Das koloniale Kastensystem trägt seit Jahrhunderten dazu bei, dass indigene Gruppen in Mexiko diskriminiert und marginalisiert werden. Der politischen Bestrebungen während der letzten Dekade zum Trotz, bestehen noch heute gravierende sozio-ökonomische Ungleichheiten zwischen der privilegierten, weißen und kulturell dominierenden Oberschicht und den ausgegrenzten, indigenen Unterschichten. Das zeigt sich vor allem in den Armutsstatistiken. Laut einer Untersuchung des Nationalrates zur Evaluierung der sozialen Entwicklungspolitik lebten 2012 durchschnittlich 72 Prozent aller indigener Mexikaner_innen in extremer oder moderater Armut. Das entspricht rund 8,2 Mio. Menschen. Der Armutsanteil unter den Sprecher_innen einer indigenen Sprache lag sogar noch knapp fünf Prozentpunkte höher. Sieben Prozent der Mehrheitsgesellschaft lebt in extremer Armut, wohingegen 26,6 Prozent der indigenen Mexikaner_innen davon betroffen sind. Obwohl die indigenen Bevölkerungsgruppen wegen ihrer Heterogenität differenziert betrachtet werden müssen, sind sie gegenüber den Mestizos auffällig stark benachteiligt – unter anderem im Hinblick auf die Wohnqualität und die soziale Grundsicherung, sowie beim Zugang zu Bildung, Nahrung und medizinischer Versorgung.

Das indigene Bildungssystem in Mexiko

Ein ausschlaggebender Grund für die strukturelle Ausgrenzung der ethnischen Gruppen ist die indigene Bildungspolitik. Seit der Unabhängigkeit im Jahr 1810 wurde Spanisch als Nationalsprache festgelegt, ohne die indigenen Sprachen und den Bildungsbedarf der indigenen Bevölkerung als relevant anzuerkennen. Für die Mestizos wurde ein Bildungssystem nach westlichem, spanischem Vorbild eingeführt. Nach der Revolution im Jahr 1910 rückten erstmals die ethnischen Minderheiten in den Fokus der bildungspolitische Agenda. Das Gesetz der rudimentären Ausbildung sah eine Mexikanisierungsstrategie für die Indigenen vor. Um die noch junge Nation zu formen und zu bestärken, sollten sie ihre eigene Sprache und Kultur aufgeben und stattdessen die neue mexikanische kulturelle Identität annehmen. Aus diesem Grund wurden sie auf Spanisch alphabetisiert. Ab 1948 war das mexikanische Bildungsministerium dafür verantwortlich, bildungspolitische Maßnahmen zu entwickeln, um die Indigenen in die Mehrheitsgesellschaft zu assimilieren. 30 Jahre später wurde die Generaldirektion für indigene Bildung geschaffen. Diese Unterabteilung des Bildungsministeriums etablierte ein auf die ethnischen Gruppen speziell zugeschnittenes Bildungssystem, das seither parallel zum eigentlichen System existiert. Dieses Modell sieht in einem ersten Schritt vor, die Schüler_innen in ihrer indigenen Muttersprache zu alphabetisieren. Die Lese-, Sprach- und Schreibkompetenzen sollen jedoch nur dazu dienen, ihnen den zweiten Schritt – das Erlernen der spanischen Sprache – zu erleichtern. In den höheren Klassenstufen ist die Ausbildung ausschließlich auf Spanisch vorgesehen. Die Inhalte der indigenen, bilingualen Bildung basieren auf den Vorgaben des nationalen Lehrplans, werden jedoch vereinfacht und verkürzt. Das indigene Bildungssystem endet mit dem Grundschulabschluss nach 6 Schuljahren.

Der interkulturelle Bildungsansatz in Mexiko

Im Jahr 2000 kam es zu einem bildungspolitischen Umbruch in Bezug auf den Umgang mit der kulturellen und linguistischen Vielfalt in Mexiko. Die Generalkoordination für interkulturelle und bilinguale Bildung wurde gegründet. Institutionell an das Bildungsministerium angebunden, hat sie seither die Aufgabe, den neu entwickelten interkulturellen, bilingualen Bildungsansatz transversal in das nationale Bildungssystem zu integrieren. Dieses Modell sieht vor, dass die Vielfalt Mexikos erstmals als solche in der gesamten Gesellschaft durch Bildungsinterventionen vermittelt, anerkannt, wertgeschätzt und geschützt werden soll. Anstatt die indigene Bevölkerung zur Assimilation zu zwingen, sollen sie im Rahmen einer bilingualen Bildung Wissen und Kompetenzen erwerben, die ihren Lebensrealitäten und Weltanschauungen entsprechen. Die Mestizo-Mehrheitsgesellschaft wird durch interkulturelle Bildungsmaßnahmen für die Vielfalt ihres Landes sensibilisiert und soll ihren positiven Umgang mit den ethnischen Minderheiten fördern. Es wurde begonnen, dieses Modell, sowohl für die Indigenen, als auch für die Meztizos, auf allen Bildungsstufen vom Kindergarten bis zur Universität einzuführen. Die intendierte interkulturelle Öffnung des mexikanischen Bildungssystems, der Institutionen und der pädagogischen Praxis ist allerdings noch lange nicht abgeschlossen.