Solidarität mit Mexikos Studierenden

 Wir alle sind Ayotzinapa

„Sie wollten uns begraben, doch sie wussten nicht, dass wir Samen sind – Wir alle sind Ayotzinapa“ – Demonstation in Mexiko Stadt, 22. Oktober 2014 Foto: jazbeck/Flickr

In Mexiko sind vor zwei Monaten 43 Studierende nach einer Demonstration verschleppt sowie vermutlich ermordet worden. Kathrin Hoetzel und Lukas Daubner fragen sich, was die gewaltsame Realität in Mexikos Kampf um mehr soziale Gerechtigkeit für Bildungsbetroffene in Deutschland bedeuten sollte.

Als wir die Meldungen über die im September verschleppten und vermutlich ermordeten Studierenden in Mexiko gelesen haben, wurde uns mal wieder bewusst, auf welch hohem Niveau wir Studierenden und Bildungskritiker_innen uns hier in Deutschland eigentlich beschweren. Richtet sich unser Aktivismus nicht vor allem gegen Luxusprobleme? In Mexiko riskieren Studierende, die ihre Rechte einfordern, ihr Leben. Das gewaltsame Vorgehen gegen Demonstrierende, die das Bildungssystem verbessern wollen durch Polizei, Militär, rechte paramilitarische Gruppen und der Mafia, ist für uns unfassbar. Sowohl staatliche „Sicherheitsorganisationen“ als auch Drogenkartelle fürchten den zunehmenden Organisationsgrad der Zivilbevölkerung und deren Potential, den aktuellen Zustand zu ihren Gunsten zu verändern. Dadurch sind insbesondere die Menschen in Gefahr, die für bessere Bildung, mehr Gleichberechtigung oder einen stärkeren Sozialstaat kämpfen.

Ein ungleicher Kampf für bessere Bildung

Die Studierenden in dem aktuellen Fall studierten in der 1926 gegründeten Ausbildungsstätte Escuela Normal Rural Raúl Isidro Burgos, die sich in Ayotzinapa, im südlichen Bundesstaat Guerrero befindet. In dieser Region hat sich eine breite Front bestehend aus Lehrergewerkschaften, Studierenden und Bewohner_innen im Kampf gegen die organisierte Kriminalität gebildet. Die als „links“ geltende Ausbildungsstätte ist bekannt für ihren Aktivismus gegen die Herrschaft der Kartelle, gegen Ungleichheit und für ein besseres Bildungssystem.

Kathrin[box style=“grey info rounded“]Kathrin Hoetzel (geb.1988) studiert Spanisch und Sozialkunde auf Lehramt an der FU Berlin. Sie interessiert sich für die Schnittstelle zwischen schulischen und außerschulischen Bildungsangeboten, sowie für eine zeitgemäße Überarbeitung des Bildungssystems, der Lehrer_innenausbildung und der Zugänglichkeit zu aktuellem Lernmaterial. Während des Studiums arbeitete sie in einem Kreativ- und Bildungszentrum für Jugendliche in Kreuzberg, war ein halbes Jahr am Goethe-Institut in Mexiko-Stadt tätig, hat an zwei Berliner Schulen unterrichtet und engagiert sich jetzt im Freizeitbereich der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln.[/box]

Die Opfer des Überfalls am 26.September 2014 waren auf dem Rückweg von einer Demonstration gegen die diskriminierende Einstellungspraxis von Lehrkräften. Die indigene Bevölkerung Mexikos – also Menschen, die nicht Nachkommen von Einwanderer_innen sind – ist in Mexiko generell von sozialer Benachteiligung betroffen. Diese Benachteiligung betrifft auch den Bildungssektor. Bereits bei den Massenstreiks 2013 in Mexiko-Stadt stand die Benachteiligung von indigenen Lehrkräften im Mittelpunkt. Die Benachteiligung schlägt sich unter anderem in den Folgen von vereinheitlichten Leistungstests nieder. Laut Lehrergewerkschaften benachteiligen diese Tests diejenigen Lehrkräfte, die in Regionen Mexikos unterrichten, wo Schüler_innen vor Schulbeginn oft wenig oder kein Spanisch sprechen. Dadurch, dass die Kinder die Sprachdefizite aufholen müssen, haben sie oft schlechtere Noten, was in den Leistungstests negativ auf die Lehrkräfte zurück fallen kann. Die Ausstattung und Gelder die nötig wären, um die Situation zu verbessern, werden allerdings von der Regierung nicht bereitgestellt. Stattdessen droht den betroffenen Lehrkräften Jobverlust aufgrund schlechter Testresultate.

Viele junge Mexikaner_innen werden mit Problemen alleine gelassen

Die Unsicherheit der Schüler_innen und Studierenden in Mexiko nach dem Attentat vom 26. September ist groß. Es hat sich wieder bestätigt, dass sie von Politik und Polizei bedroht und verschleppt werden können, sobald sie gegen die oft miserablen Bedingungen in Schulen und Universitäten aufstehen. Der Fall der 43 vermissten ist besonders krass, da der Bürgermeister und die örtliche Polizei die gekidnappten Studierenden einer kriminellen Gruppe überlassen haben. Diese Kooperation zwischen staatlichen Akteuren und parastaatlichen Organisationen steigert das Gefahrenpotential, dem sich aktive Bürger_innen ausgesetzt sehen, ungemein. Dem kann auch die Lehrergewerkschaft, die eine der größten Einzelgewerkschaften des Staates ist, nicht entgegenwirken.

Die mangelhafte Reaktion des Präsidenten Peña Nieto, sowie kursierende Meinungen, die Studierenden seien selbst Schuld an den Geschehnissen, schwächen zudem alle, die etwas in ihrem Umfeld verändern wollen. Umso wichtiger ist in diesem Moment unsere Solidarität mit den Studierenden in Mexiko, die sich für ein besseres Bildungssystem einsetzen.

Das Mindeste ist Solidarität

Die Situationen in Deutschland und Mexiko zu vergleichen ergibt am Ende wenig Sinn. Während in Mexiko Menschen sterben, die sich für ein gerechteres Bildungssystem einsetzen, hält sich die Gewalt gegen Aktivist_innen etwa auf Bildungsstreikdemos in Deutschland in Grenzen. Auch sind die Hürden und Ungleichheiten in unserem Bildungssystem andere. Blicken wir jedoch auf die Ungerechtigkeit und die Gewalt, die den Menschen, die sich für bessere Bildung in Mexiko einsetzen, widerfährt, wird umso deutlicher wie wichtig der Faktor Bildung – und der Einsatz dafür – für eine gerechte und demokratische Gesellschaft ist.

Was die Protestierenden in Mexiko mittelfristig am besten schützt, ist öffentliche Aufmerksamkeit. Je mehr über die Situation weltweit geschrieben wird, je mehr Druck international auf die mexikanische Regierung aufgebaut werden kann, desto eher besteht die Chance, dass die Studierenden vor brutalen Übergriffen geschützt sind. Auch wegen der internationalen Berichterstattung ist Präsident Nieto stark unter Druck geraten, und kündigte Maßnahmen gegen die grassierende Korruption an. Ob etwa die Auflösung der lokalen Polizeieinheiten nachhaltig erfolgreich ist, wird allerdings bezweifelt. Genau deshalb ist es auch unsere Aufgabe als bundesweite Bildungsinitiative weiter Öffentlichkeit herzustellen.