Mehr Praxis im Studium? Ein Problem für die Forschung

Studium als Hilfe zum Jobfinden? Foto:  Beate Klinger  / pixelio.de

Studium als Hilfe zum Jobfinden? Foto: Beate Klinger / pixelio.de

Von vielen Seiten wird die Erhöhung der Beschäftigungsfähigkeit der Hochschulabsolvent_innen gefordert – auch der Universitätsabsolvent_innen. Neben der Erhöhung der Job-Tauglichkeit nach dem Studium – sollen die Universitäten weiterhin Nachwuchswissenschaftler_innen ausbilden, die für eine qualitativ hochwertige Forschung sorgen sollen. Das Problem: Das Ganze ist eine Entweder-oder-Angelegenheit. Wie unser Autor Michael Grothe-Hammer darlegt, geht mehr Praxisbezug im Uni-Studium zu Lasten der Forschungsfähigkeit der Absolvent_innen und gefährdet damit die zukünftige Qualität der Wissenschaft.

Die Forderung nach Beschäftigungsfähigkeit

Ob Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Hochschulrektorenkonferenz, Bundesverband der Deutschen Industrie und sogar ein erheblicher Teil der Studierenden – sie alle fordern einen höheren Praxisbezug des Studium. Durch diesen Praxisbezug soll vor allem die Beschäftigungsfähigkeit – zu Neudeutsch „Employability“ – der Absolvent_innen erhöht und die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes stärker berücksichtigt werden.

Gab es da nicht mal einen Unterschied zwischen FH und Uni?

Interessant an diesen Forderungen ist, dass der Anspruch an die Beschäftigungsfähigkeit von Hochschulabsolvent_innen nicht nur an die Fachhochschulen, sondern auch an die Universitäten gestellt wird. Heißt: Die grundlegende Unterscheidung der deutschen Hochschulen in solche mit vorrangig anwendungsbezogener (Fachhochschulen) und solche mit vorrangig wissenschaftsbezogener (Universität) Ausbildung wird erstaunlicherweise gar nicht berücksichtigt – obwohl sie wichtig ist. Eigentlich sind also die Fachhochschulen für eine anwendungsorientierte Ausbildung der Studierenden zuständig. Dementsprechend beurteilen auch die Studierenden den Praxisbezug an Fachhochschulen besser als an Universitäten. Dennoch sehen mittlerweile auch Universitäten es als eine wichtige Aufgabe an, eben jene Beschäftigungsfähigkeit ihrer Absolvent_innen zu steigern. So läuft beispielsweise an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster ein Projekt zur „Entwicklung von Konzepten zur Employability (Beschäftigungsfähigkeit) der Studierenden“.

Gleichzeitig soll auch hochwertige Forschung gewährleistet werden

Parallel zur Employability-Diskussion zeichnet sich eine ganz andere Entwicklung ab: ein drohender Qualitätsverlust in der Wissenschaft. Zwar mag man sich uneinig darüber sein, ob die Forschung in Deutschland insgesamt schlechter wird oder nicht. Vermutlich relativ unbestritten ist hingegen, dass hochwertige Forschung wichtig ist – auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Entsprechend ist es ebenfalls ein allgemeines Ziel, die Forschung an Hochschulen in Deutschland weiter zu verbessern – unter anderem durch die allseits bekannte Exzellenz-Initiative.

Was wird eigentlich aus der Forschungsfähigkeit?

Bei diesem parallelen Anspruch beginnt das Problem für die universitäre Ausbildung. Für gute Forschung benötigt man gute Forscher_innen. Und auch die müssen irgendwo herkommen. Dafür sind vorrangig die Universitäten zuständig, denn die Ausbildung von Forscher_innen gehört zu den universitären Kernaufgaben. Universitäten sollen forschungsfähige Absolvent_innen ausbilden. Tatsächlich möchten zum Beispiel Bildungsministerium und Deutsche Forschungsgemeinschaft den Forschungsbezug im Studium sogar noch erhöhen, um eine Verbesserung des wissenschaftlichen Nachwuchses zu erreichen. Und wie unter anderem Georg Kausch, Präsident der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, kürzlich auf der Tagung „Wissenschaft auf Abwegen?“ betonte, soll dies möglichst bereits im Bachelor-Studium stattfinden.

Forschungs- oder Beschäftigungsfähigkeit? Entweder-oder

Nun umfasst ein Studium allerdings nur eine bestimmte Anzahl an Leistungspunkte, die für Leistungen vergeben werden und die im Laufe des Studiums gesammelt werden müssen. Ein typischer Bachelor-Abschluss umfasst 180 Leistungspunkte. Studierende sammeln diese Punkte unter anderem durch das Absolvieren von Seminaren, Hausarbeiten oder Praktika. Das Problem mit einer stärkeren Fokussierung auf Beschäftigungsfähigkeit ist: Da die Erhöhung der Beschäftigungsfähigkeit innerhalb des Studiums erreicht werden soll, reichen freiwillige Zusatzangebote wie Jobmessen oder freiwillige Vorträge außerhalb des Studiums nicht aus. Die Forderungen zielen auf eine Veränderung der (bepunkteten) Studieninhalte ab. Das bedeutet allerdings, dass jeder Praxiskurs, jede Praktikumswoche, jede Exkursion in einen Betrieb durch das Leistungspunkte-System automatisch zu Lasten von anderen forschungsorientierten Leistungen geht. Wenn im Studium mehr Leistungspunkte für praxisbezogene Leistungen vorgesehen werden, dann stehen weniger Punkte für forschungsbezogene Leistungen zur Verfügung.

Mehr Praxisinhalte im Studium bedeuten zwingend weniger Forschungsinhalte. Das Ganze ist eine Entweder-oder-Angelegenheit. Eine höhere Beschäftigungsfähigkeit von Uni-Absolvent_innen kann man sich letztlich nur durch eine geringere Forschungsfähigkeit dieser erkaufen. Damit riskiert man dann allerdings den drohenden Qualitätsverlust in der Wissenschaft nur weiter anzukurbeln.

Mehr Fachhochschul-Studierende statt mehr Beschäftigungsfähigkeit für alle

Von diesem Problem ausgehend, scheint eine andere Strategie erfolgversprechender. Anstatt die wissenschaftliche Ausbildung flächendeckend zu verschlechtern, indem man Uni-Studiengänge nach wirtschaftlichen Bedürfnissen ausrichtet, könnte man auch die Verteilung der Studierenden zwischen Fachhochschulen und Universitäten verändern. Tatsächlich landen nur die wenigstens Uni-Absolvent_innen in der Wissenschaft – trotz ihres wissenschaftsorientierten Studiums. Mehr noch zieht nur eine Minderheit der Uni-Studierenden eine Tätigkeit in der Wissenschaft überhaupt in Erwägung. Wenn ein großer Teil der Studierenden aber ohnehin keine wissenschaftliche Tätigkeit anstrebt, scheint es entsprechend sinnvoll, dass mehr von ihnen direkt ein anwendungsbezogenes Studium an einer Fachhochschule aufnehmen. Dort studieren momentan nämlich nur etwa 30 Prozent aller Studierenden. Deswegen strebt unter anderem das Land Nordrhein-Westfalen eine massive Erhöhung dieses Anteils an. Eine Lösung, die sinnvoll erscheint. Wenn heute massenweise Studierende an einer Universität sind, obwohl sie eigentlich ein praxisbezogenes Studium wollen, dann brauchen wir vielleicht eine Verlagerung an die Fachhochschulen, die ohnehin den Praxisbezug und somit Beschäftigungsfähigkeit im Blick haben. Gleichwohl könnten die Universitäten dann weiterhin vor allem forschungsfähige Absolvent_innen ausbilden und somit den Nachwuchs für qualitativ hochwertige Forschung sichern.

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