Schüler_innengeständnisse: Manus manum lavat – Eine Hand wäscht die andere

Solidarität durch Lateinunterricht? Foto: KeithProvenArtist/Flickr

Solidarität durch Lateinunterricht? Foto: KeithProvenArtist/Flickr

Latein ist eine tote Sprache. Dass der Lateinunterricht zur Solidarität zwischen Schüler_innen beitragen kann, darum geht es in unserem heutigen anonymen Schüler_innengeständnis.

Ich hatte sechs Jahre Latein, von der 5. bis zur 10. Klasse. Und ganz ehrlich: Es ist (fast) nichts hängen geblieben! Es gab sicherlich gute Gründe für meine Eltern mir als kleine 4. Klässlerin zu raten, doch lieber diese tote, nirgendwo mehr gesprochene, logisch aufgebaute und in sich schlüssige Sprache zu lernen als etwa Französisch – zumal mir schon Englisch damals nicht besonders leicht von der Hand und vor allem in den Kopf und Mund ging. Latein ist bestimmt eine gute Grundlage, um Spanisch oder Italienisch zu lernen und hilft einem sehr, wenn man Geschichte, Theologie oder andere sicherlich interessante Fächer studieren möchte – all dies allerdings nur dann, wenn man in den vielen Stunden Unterricht auch irgendetwas lernt.

Mein Lateinunterricht war schlecht

Mein Lateinunterricht war – ganz ehrlich gesagt – wirklich schlecht. Unsere Lehrerin war nett, konnte gut Geschichten erzählen, gab gute Noten. Nur gelernt haben wir nichts. So weit, so normal.

Eigentlich kein Grund darüber einen Text zu schreiben. Sicherlich geht und ging es vielen anderen Schüler_innen ähnlich und sicherlich sind viele Latein-, Mathe- oder Deutschlehrer_innen wie meine. Das Besondere daran ist mir erst jetzt, ein paar Jahre nach dem Ende dieser glorreichen Zeit aufgefallen. Einen Schulwechsel hinter mir und ein paar Lehrer_innenerfahrungen älter habe ich gemerkt, dass vor allem eine Sache besonders an meiner „Latein-Zeit“ war:

Für das Latinum am Ende der 10. Klasse sollten wir Gedichte von Catull übersetzen. Welcher Teil aus seinem Werk benutzt würde, wussten wir im Vorhinein natürlich nicht so genau. Was wir allerdings wussten, war, dass unser Wissen zu Grammatik, Satzstruktur und Vokabular dazu niemals ausreichen würde.

Um dennoch die Klausur schaffen zu können, starteten wir eine gemeinsame Aktion, die , etwas pathetisch ausgedrückt, meinen Glauben daran, dass Solidarität und Selbstorganisation unter Schüler_innen möglich ist, gestärkt hat. Eine Mitschülerin nahm sich zusammen mit ihrem Vater das Werk von Catull vor und suchte alle für die Klausur geeignet erscheinenden Textpassagen heraus. Zusammen mit ihm – er hatte anscheinend einen besseren Lateinunterricht genossen – und dem Stowasser-Wörterbuch, haben sie diese dann alle (!) übersetzt. Ein Mitschüler tippte die übersetzen Textstellen dann ab und druckte sie so klein wie möglich aus. Wir verteilten die Übersetzung an alle Mitschüler_innen unseres Kurses und versteckten noch jeweils eine Version in der Mädchen- und Jungentoilette. Für die Klausur legten wir alle einen Ausdruck hinten in den Stowasser hinein, denn diesen durfte man mit in die Klausur nehmen.

Eine der vorübersetzen Textstellen kam tatsächlich dran, niemand von uns wurde erwischt, unsere Lehrerin hat nichts gemerkt (oder merken wollen?) und wir haben alle ein gutes Latinum gemacht (das vermutlich fast niemand von uns jemals gebraucht hat). Und wir hatten ein gutes Gefühl! Klar, schummeln ist an sich nicht so gut, definitiv nicht immer die Lösung und man lernt sicherlich auch weniger, als wenn man sich ernsthaft und regelmäßig auf Klausuren vorbereitet. Aber in diesem Fall war unser gemeinsames, solidarisches Schummeln unserer Meinung nach die einzige adäquate Lösung und somit durchaus angebracht.

Wir gaben unsere Übersetzung dann an den folgenden Jahrgang weiter, ein Versuch konnte ja nicht schaden. Dieser und auch sogar noch der darauf folgende Jahrgang profitierten von unseren Unterlagen. Erst in diesem Jahr hat die Lateinlehrerin dann leider doch das Thema der Klausur geändert. Schade drum! Da müssen sich ihre jetzigen Schüler_innen dann wohl selber hinsetzen und hoffentlich für alle die Texte vorübersetzen, klein abtippen und verteilen. Manus manum lavat.

 

 

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