Berufsausbildung? Bist du blöd?

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Das Image vom Handwerk ist nicht so cool, wie die beiden Herren. Foto: eldeeem/Flickr

Überall wird der Niedergang des Handwerks herbei geschrieben, und die Handwerkskammer warnt davor, dass in den kommenden Jahren, viel zu wenig junge Menschen eine Ausbildung in den verschiedenen Handwerken absolvieren. Viele Interessierte studieren lieber und die Betriebe kritisieren die übriggebliebenen Auszubildenden für ihre „mangelnde Ausbildungsreife“. Der Zimmermannsgeselle und Meister Leo Hoffmann beschreibt für Was bildet ihr uns ein?, welche Erfahrungen er während seiner Ausbildung gemacht hat und macht und warum es sich die Betriebe und ihre Meister bei der Kritik der Auszubildenden meistens viel zu einfach machen.

Ich bin ausgebildeter Zimmerergeselle und Zimmerermeister. In diesem Jahr habe ich außerdem ein Architekturstudium angefangen. Hier erzähle ich, was ich während meiner Ausbildung erlebt habe.

Durch meine noch recht frische Ausbildung und die dann direkt im Anschluss angefangen Meisterfortbildung habe ich in relativ kurzer Zeit die zwei Seiten der „Medaille“ Ausbildung kennenlernen dürfen. Dadurch sind beide Seiten noch sehr präsent. Einiges, was mich in der Ausbildung gestört hat, kann ich jetzt etwas besser verstehen. Auf der anderen Seite merke ich wie wichtig es ist mit Auszubildenden zu kommunizieren, damit ihnen Dinge besser klar werden. Da sehe ich auch das größte Defizit in meiner Ausbildung aus betrieblicher Sicht: Ich habe mich oft allein gelassen gefühlt mit meinen Problemen, hatte keinen wirklichen Ansprechpartner mit dem ich meine Probleme besprechen konnte oder jemanden der mir Sachen ordentlich erklärt hat, damit ich sie richtig verstehen konnte.

Die betriebliche Didaktik sah dabei oft so aus: Auf der Baustelle den Jungen mal ins kalte Wasser schmeißen, mal schauen wie er reagiert und wenn es nicht klappt dann immer mal schön mit Sprüchen drauf hauen. Einmal wollte sich mein Meister auch richtig mit mir prügeln. Ich hab das Spiel dann mitgespielt und ihm klargemacht, dass ich dazu bereit bin. Zu der Schlägerei ist es dann aber doch nicht gekommen.

Ich war zum Beginn meiner Lehre gerade 23 Jahre alt – also schon relativ alt und habe mir deswegen nicht soviel gefallen lassen. Oder besser gesagt: Wenn ich angeschrien wurde, habe ich halt Kontra gegeben, was die Situationen natürlich nicht immer entspannt hat. Aber wenn ich mir vorstelle, ich hätte die Ausbildung mit 16 direkt nach der Schule gemacht, hätte ich nur auf die Mütze bekommen und drei Jahre wahrscheinlich keinen Ton gesagt, wäre mit einem Selbstvertrauen gegen Null aus meiner Ausbildung gegangen. Es war schon als junger Erwachsener schwierig genug, während der Ausbildung nicht sein Selbstwertgefühl zu verlieren

Das Witzige ist, dass in der Meisterausbildung eigentlich vermittelt wird, den Auszubildenden nicht alleine zu lassen, sondern mit ihm in die Kommunikation zu gehen und für ihn als Ansprechpartner da zu sein. Natürlich kann ein Meister im Arbeitsalltag, gerade wenn Zeitdruck herrscht, nicht immer auf den Auszubildenden eingehen. Ein Meister hat ja auch viele andere Sachen im Kopf als nur den Auszubildenden, aber trotzdem soll man immer – so wird es beigebracht – einen respektvollen Umgang gewährleisten. Und das ist – glaube ich – das Entscheidende bei der ganzen Sache: Jeder Auszubildende versteht es wenn man ihm sagt „Sorry, gerade ist nicht so gut mit Fragen stellen. Ich muss über was nachdenken und mich darauf konzentrieren“ oder “ Wir haben gerade etwas Zeitdruck. Wir klären das nachher in der Mittagspause.“ Genau so ein Umgang hat mir einfach gefehlt in meiner Ausbildung. Die größte Problematik der Ausbildung liegt für mich nicht im System und der Struktur der Ausbildung, sondern in den Menschen die da hinter stehen und das alles umsetzen. Und leider richten hier einzelnen Personen großen Schaden an. In den schwierigen Situationen wird man nicht ganz alleine gelassen. Es gibt Beratungsstellen der Handwerkskammer die sich um Auszubildende kümmern, die Probleme mit ihrem Betrieb haben. Auch Berufsschullehrer oder die Meister im ÜBA (Überbetrieblichen Ausbildungslehrgang) haben immer ein offenes Ohr bei Problemen. Letztlich wird man unterstützt, aber „durch“ muss man da ganz alleine.

Der Umgang miteinander ist oft mangelhaft

In der Meisterausbildung gibt es einen Extrateil, in dem es nur um die Ausbildung geht und darum, wie man ausbildet. Wenn man das, was wir da vermittelt bekommen umsetzt, dann dürfte so etwas was ich erlebt habe, nicht passieren. Aber viele interessiert diese Problematik einfach nicht oder sie können ihr Verhalten was sie über Jahre an den Tag gelegt haben, nicht ändern. In dem Kurs zur Ausbildung von Azubis diskutieren wir gerade, warum ein Drittel aller Berufsausbildungen abgebrochen werden und warum im Handwerk viele Ausbildungsstellen frei bleiben – und das, obwohl das Handwerk ca. 30 % aller Auszubildenden stellt. Die Berufe sind schon interessant für Jugendliche. Die Reaktion von Betrieben und dem leitenden Personal ist oft nur: „Die Auszubildenden sind heutzutage einfach schlecht“ oder „Was da an Material an kommt, kannste halt nicht gebrauchen.“ Das sagen sogar zum Teil die Leute, die mit mir im Meisterkurs sitzen und schon in verantwortlichen Positionen gearbeitet haben, obwohl sie selber gerade mal seit zwei Jahren aus ihrer Lehre sind. Aber meistens sind das dann die Söhne von Betriebsinhabern, die halt einfach schon vor der Lehre alles konnten, weil sie schon früh im Betrieb mit gearbeitet haben.

Viele Betriebe müssen umdenken

Davon kann man aber einfach nicht ausgehen, wenn man einen Auszubildenden einstellt. Die Betriebe machen es sich da viel zu einfach und schieben oft die ganze Verantwortung auf den Auszubildenden und setzen sich nicht mit ihm auseinander. Viele Betriebe müssen da umdenken: Hinterfragen ob sie richtig mit dem Lehrling umgehen, alles aus ihm herausholen, ihn richtig motivieren, auf ihn eingehen, ob sie das was sie vom Lehrling erwarten selber vorleben und passende Strukturen schaffen – etwa durch einen Ausbildungsplan (der sogar gesetzlich vorgeschrieben ist, aber von fast keinem Betrieb umgesetzt wird).

[box style=“grey info rounded“] Leo Hoffmann (geb. 1987) ist gelernter Zimmerer und Zimmerermeister. Zurzeit Studiert er Architektur an der Fachhochschule in Detmold. Leo ist nicht organisiert politisch aktiv, aber versucht im direkten Kontakt mit den Menschen, sei es auf der Baustelle, in der Hochschule oder bei einem Tee am Ofen, etwas zu bewegen.[/box]

Potential zur Verbesserung gibt es ohne Ende bei den Betrieben: Würde man das nur zu 50% ausschöpfen, wäre die Abbrecherquote viel geringer. Dadurch könnte man mehr ausbilden, es würden auch mehr gute Leute nach der Ausbildung in den Firmen bleiben und nicht stattdessen direkt ein Studium anfangen, weil sie keine Lust mehr haben, sich vom Meister anschnauzen zu lassen.

Überbetriebliche Ausbildung und Berufsschule als Seelenstreichler

Zur Ausbildung gehören nicht nur die Betriebe, sondern auch die Berufsschulen und die überbetrieblichen Lehrgänge. Diese beiden Teile in meiner Ausbildung waren überwiegend gut. Klar gibt es Berufsschullehrer, die gar nicht gehen und auch die Meister in der ÜBA waren didaktisch nicht immer erste Sahne, aber fachliche waren alle kompetent. Außerdem waren alle hilfsbereit und haben auch schon mal Überstunden geschoben, damit auch der letzte die Abschlussprüfung besteht.

Eine schöne Abwechslung war zum Beispiel ein dreiwöchiger Austausch mit der Handwerksbruderschaft „Les compagnons du devoir“ in Frankreich. Das war wirklich cool und horizonterweiternd: Als deutscher Handwerker bekommt man immer erzählt, man gehört zu den Besten der Welt. Aber die Kollegen in Frankreich waren uns teilweise weit überlegen.

Insgesamt war ich immer froh, wenn ich Berufsschule oder ÜBA hatte und nicht in den Betrieb musste. Das sagt ja schon einiges aus und sollte eigentlich nicht sein. Am Ende bin ich an meiner Ausbildung sehr gewachsen und sie hat einen großen Teil zur meiner Persönlichkeitsbildung beigetragen. Obwohl oder vielleicht auch gerade weil die Zeit im Betrieb so schwierig und geprägt von Auseinandersetzungen war. Die Frage ist, ob Auseinandersetzung nicht auch moderater ablaufen können ohne dabei ihre Wirkung zu verlieren.“

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