Mehr Vielfalt in der Wirtschaftswissenschaft

Zündeln die Mainstream-Wirtschaftswissenschaften mit - durch Verweigerung alternativer Konzepte? Foto: Daniela Hartmann/Flickr

Zündeln die Mainstream-Wirtschaftswissenschaften mit – durch Verweigerung alternativer Konzepte? Foto: Daniela Hartmann/Flickr

Seit Jahren hält uns nun schon die Finanzkrise in Atem. Obwohl die wenigsten Wirtschaftswissenschaftler_innen die Krise vorher gesehen haben, und auch nur wenig dazu beitragen, die Folgen der Krise zu dämmen, werden an Universitäten immer noch nahezu alternativlos die neo-klassischen Wirtschaftswissenschaften gelehrt. In diesem Gastbeitrag beschreibt der Public Economics Student Michael Peters, warum er von den klassischen Wirtschaftswissenschaften enttäuscht ist, und warum eine Initiative von Studierenden daran etwas ändern möchte.

Die Finanzkrise hat das Gesicht der Welt verändert, zum Teil sogar stark: Länder krempeln ihre Wirtschaft und ihr politisches System um, Machtstrukturen wurden verschoben, viele Jugendliche in Europa sehen keine Zukunft. Was die Finanzkrise nicht verändert hat, sind jedoch die Wirtschaftswissenschaften: Hier herrschen weiterhin Grundannahmen vor, die die Finanzkrise nicht nur nicht kommen sahen, sondern auch mit verursacht haben. Was besagen diese Theorien, und welche Gegenbewegungen gibt es?

Ein Grund mich in meinem Studium mit der Wirtschaft zu beschäftigen, war die Finanzkrise, die mich – und die Welt – zu der Zeit meines Abiturs überraschte. Eigentlich sollte man meinen, dass nach der schwersten Krise seit den 1930er Jahren für die Wirtschaftswissenschaften eine harte Zeit angebrochen sein müsste – wurde sie doch von der Krise komplett überrumpelt. Jetzt sechs Jahre nach Ausbruch der jüngsten Krise ist das Gegenteil eingetreten, Ökonomen werden weiterhin um Rat gebeten, die Neoklassische Theorie dominiert die Wirtschaftswissenschaften und Studierende lernen über den Homo Oeconomicus.

Die Legende vom Homo Oeconomicus

Viele Nicht-Ökonomen fragen sich bestimmt was „Neoklassische Theorie“ eigentlich bedeutet. Es handelt sich hierbei um das der aktuellen Wirtschaftswissenschaft zu Grunde liegendes Theoriekonstrukt, welches für die ökonomische Analyse verwendet wird. Wenn also Aussagen über das zukünftige Wirtschaftswachstum in Deutschland getroffen werden, basieren diese auf den Annahmen der neoklassischen Theorie. Diese Annahmen betreffen beispielsweise die Entscheidungen von Individuen beim Einkaufen (Mikro), oder den Umgang von Banken mit Leih- und Investitionsgeschäften (Makro).


Eine grundlegende Annahme der Neoklassik ist das Konzept des
Homo Oeconomicus: einem rational entscheidenden Menschen, der über alle für sein Handeln notwendigen Informationen verfügt und immer die Entscheidung wählt, die ihm am meisten nutzt. Klartext: Wenn sich ein Studierender einen neuen Laptop zulegen möchte, dann wird in der Wirtschaftswissenschaft davon ausgegangen, dass er alle möglichen Anbieter miteinander vergleicht, wobei er über alle für ihn relevanten Informationen (z.B. Preis, Haltbarkeit, Software, Hardware, Nutzungsprobleme…) verfügt. Danach ordnet dieser Studierende allen möglichen Angeboten einen Nutzen zu und würde immer den Computer wählen, mit dem für ihn persönlich größten Nutzen.

Jede(r) kann an dieser Stelle für sich selber überlegen, ob dieses Konzept für sie/ihn zutrifft, oder ob er nicht schon mal „irrational“ gehandelt hat. Irrationalität wäre in diesem Beispiel sich den Laptop der Kommilitonin nachzukaufen (ohne zu sehr darüber nachzudenken), da diese ihn ja wärmstens empfohlen hat. Weiter unterstellen diese Verhaltensannahmen uns Menschen, dass wir immer perfekt informiert sind, also alles wissen was unsere Kaufentscheidung beeinflussen könnte. Auch wenn uns mit dem Internet massenhaft Informationen zugänglich sind, wird kein Käufer je so gut informiert sein wie der Laptophersteller. Dass diese Annahmen also auf die wenigsten Menschen zutreffen, erscheint offensichtlich, trotzdem sind sie weiterhin ein Grundgerüst der Wirtschaftswissenschaften und werden an den Universitäten gelehrt.

So werden diese Annahmen umgesetzt

Zwar ist der Einwand berechtigt, dass jede Wissenschaft vereinfachte Annahmen treffen muss, um Modelle zu erschaffen. Allerdings ist diese Vereinfachung dann problematisch, wenn auf ihrer Basis wichtige wirtschaftspolitische Entscheidungen getroffen werden. So wie vor, während, und nach der Finanzkrise. Die Mainstream-Wirtschaftswissenschaft funktioniert nämlich, indem sie diese grundlegenden Annahmen nutzt um mathematische Modelle aufzustellen, auf deren Grundlage weitere Modelle folgen, mit denen höchst komplexe Rechnungen aufgestellt werden, die schließlich zu spezifischen wirtschaftspolitischen Empfehlungen führen usw. Dabei hilft alle Mathematik nicht, wenn das Haus auf wackligen Stelzen erbaut wurde.

foto_Michael_Peters

[box style=“grey info rounded“]Michael J. Peters (geb. 1989) hat einen Bachelor in Politikwissenschaft an der Universität Bremen gemacht und studiert momentan Public Economics im Master an der FU Berlin. Er hat sich hochschulpolitisch in der Fachschaft in Bremen und auf Bundesfachschaftstagungen für kritische Lehre eingesetzt und mehrere Jahre für die International Association for Political Science Students (IAPSS) gearbeitet. Ihn interessiert vor allem die Dominanz der Wirtschaftswissenschaften innerhalb unserer Gesellschaft und dessen Implikationen auf das alltägliche Leben. [/box]

Diese Art der Ökonomik wird aber nicht nur in universitärer Forschung, sondern eben auch in privaten Forschungsinstitutionen, der Presse, und der Politik verwendet. Und gerade weil sie (so der Tenor) auf mathematischen Grundlagen basiert, ist sie eine exakte Wissenschaft, welcher man Glauben muss, im Gegensatz zu Disziplinen wie der Politikwissenschaft, der Soziologie oder der Psychologie. Die Einseitigkeit der Wirtschaftswissenschaften ist für alle gesellschaftlichen Bereiche schwierig. Wenn ein Problem nur einseitig betrachtet wird, entstehen auch nur einseitige Lösungen: das Stichwort ist das allseits beliebte „alternativlos“.

Es regt sich Widerstand

Das es mit dieser Dynamik nicht weitergehen kann, ist sicher einigen Menschen seit längerem bewusst. Echter und konstruktiver Widerstand regt sich allerdings erst jetzt durch einige Studierende, da sie von den einseitigen Vorlesungen und Erklärungen desillusioniert sind. Sie fordern eine pluralistische Ökonomie die nicht nur Neoklassik, sondern auch andere Theorien miteinbezieht. Die Kritik ist dabei nicht neu, wie das schon 2003 gegründete Netzwerk Plurale Ökonomik e.V., , zeigt. Allerdings scheint unsere Gesellschaft erst jetzt für diese Kritik und den hoffentlich beginnenden Dialog bereit zu sein.

Das Netzwerk, ein Zusammenschluss von 19 Hochschulgruppen in Deutschland und Österreich, möchte auf die Missstände der wirtschaftswissenschaftlichen Lehre und Forschung aufmerksam machen. Es geht den Mitgliedern darum, eine plurale Ökonomik in die universitäre Lehre zu integrieren, damit Studierende auch die unbekannten Alternativkonzepte erlernen und selbst entscheiden können, welcher Denkrichtung sie sich anschließen. Diese Alternativkonzepte von Postwachstumsökonomik, ökologischer Wirtschaftsforschung oder Verhaltensökonomie existieren nämlich sehr wohl, sie finden nur in wirtschaftswissenschaftlichen Vorlesungen und Seminaren kaum Erwähnung.

Deswegen organisieren dem Netzwerk zugehörigen Hochschulgruppen selbst Vorträge, Podiumsdiskussionen oder Ringvorlesungen in denen auch über die Verantwortung der Wirtschaftswissenschaften – insbesondere der VWL – an der Finanzkrise diskutiert wird. Im Wintersemester 2014/15 gibt es etwa an meiner neuen Uni, der Freien Universität Berlin, die Ringvorlesung: „Denkschulen und aktuelle Kontroversen der Ökonomik“. Diese ist allen Studierenden geöffnet. Die erste Vorlesung war so gut besucht, dass sogar der Fußboden ein attraktiver Sitzplatz war. Initiativen wie diese zeigen, dass es Hoffnung auf eine pluralere Ausbildung in den Wirtschaftswissenschaften gibt – und damit auf bessere Konzepte für zukünftige Krisen.

PS: Wessen Interesse nun geweckt wurde, der kann sich hier in den Newsletter des Netzwerks eintragen oder direkt Mitglied werden. Die Webseite leitet außerdem weiter zu den örtlich vertretenen Hochschulgruppen, in denen immer helfende Studierende gebraucht werden können. Das Netzwerk ist außerdem nicht nur für Wirtschaftsstudierende geöffnet, sondern freut sich auch über interdisziplinäre Unterstützung. Denn darum geht es ja: die Wirtschaftswissenschaften für andere Gedanken öffnen!