Was der IS mit unseren Lehrplänen zu tun hat

Wäre vielen lieb so: mehr als Jesus kommt hier nicht rein. Foto:  barockschloss /Flickr

Wäre vielen lieb so: mehr als Jesus kommt hier nicht rein. Foto: barockschloss /Flickr

Die Ausschreitungen der letzten Tage in Hamburg und Celle sowie die Demonstrationen kurdischer Menschen in zahlreichen Großstädten schockieren viele Deutsche, weil dadurch der Krieg gegen den IS ganz nah erscheint. Das Problem greift jedoch noch tiefer, da (erstaunlicherweise) vielen diese religiösen und kulturellen Gruppen in Deutschland unbekannt sind. Unser Autor Alex Konrad versucht möglichen Ursachen nachzugehen – und landet beim Schulunterricht.

Um einer ethnischen Gruppe in Deutschland mediale Aufmerksamkeit zu widmen, muss sie entweder auf eine radikale Weise in den Vordergrund treten (wie in Hamburg und Celle geschehen) oder durch besondere “positive“ Beispiele (außergewöhnliche “Assimiliationsleistung“) auf sich aufmerksam machen. Ein anderer von der Mehrheitsgesellschaft ausgehender Weg wäre, sie als Teil der deutschen Gesellschaft (und Kultur) zu verstehen. Um ihnen in diesem Verständnis jedoch einen Raum anbieten zu können, müssen sie auch Teil des Bildungskanons sein. Die Hürden beginnen allerdings bereits beim Kontakt zwischen den Schüler_innen.

(Positive) Berichterstattung über Freundschaften oder auch nur Austausch zwischen Schüler_innen muslimischen Glaubens und von einem christlichen Weltbild geprägten Schüler_innen ist in den Medien nur schwerlich zu finden. Am ehesten stößt man auf persönliche Berichte, in denen über Kontakte und Freundschaften geschrieben wird. Gerade die mediale Unterbeleuchtung der Interkulturalität der Schüler_innen zeigt, wie wenig Bedeutung dem gesellschaftlich beigemessen wird. Aber woran mag diese einseitige Darstellung liegen? Ein zentraler Aspekt dabei sind die begangenen bildungspolitischen Fehler, die ein aufeinander Zugehen nicht erleichtern.

Was ist das Problem?

(Alltags)Rassistische Tendenzen bei Schüler_innen, aber auch Lehrer_innen, sind in deutschen Schulen keine Seltenheit. Nach einem Bericht des Informations- und Dokumentationszentrums für Antirassismusarbeit Nordrhein-Westfalen (IDA) orientieren sich schulische Akteure an Normalitätsvorstellungen, zu denen unter anderem “weiße“ Hautfarbe und Zugehörigkeit zu einer christlichen Kirche oder Sozialisierung in deren Umfeld gehören. Auch junge Menschen muslimischen Glaubens (und nicht selten mit Migrationshintergrund) passen kaum in diese Kategorien der Mehrheitsgesellschaft. Ein möglicher Ansatz wäre eine Öffnung der Lehrpläne, um bestehende Strukturen aufzubrechen und ein neues Verständnis von “Normalität“ in deutschen Schulen heraus zu bilden.

Was bildet ihr uns denn ein?

Hier ist einerseits der Unterricht zu benennen, in dem Literatur vermittelt wird – neben den Fremdsprachen ist dies natürlich vor allem der Deutschunterricht. Nun möchte ich hier nicht die Relevanz der kulturellen Bildung einer Lektüre Goethes, Fontanes oder der Mann-Brüder in Frage stellen. Gleichwohl drängt sich die Frage auf, ob dieses Bild von “nationaler“ kultureller Tradierung noch sinnvoll ist, wenn mehr als 20% der deutschen Gesellschaft einen Migrationshintergrund haben.

Auch der Geschichtsunterricht funktioniert nach ähnlichen Mustern: Das (häufig konstruierte) Narrativ einer “deutschen“ Geschichte durchzieht den Unterricht, selten wird auf nicht-deutsche/westliche Entwicklungen verwiesen.

Als letztes großes Feld ist der Religionsunterricht zu benennen, bei dem es sich etwas schwieriger gestaltet. Dieser ist im Grundgesetz selbst (Art. 7, Abs. 3) als (übrigens einziges) Pflichtfach an öffentlichen Schulen festgeschrieben. Da dieser juristisch als gemeinsame Angelegenheit von Staat und den Religionsgemeinschaften verstanden wird, bleibt es in der Regel (NRW und Niedersachsen stellen Ausnahmen dar) bei christlichem oder alternativem Ethik-Unterricht, letzterer wird häufig interreligiös gestaltet.

Nun könnte man den Vertreter_innen der muslimischen Glaubensrichtungen vorwerfen, dass sie sich eben nicht genug einbringen würden. Allerdings gibt es innerhalb der Muslime keine auf Mitgliedschaft organisierte Institution wie die Kirchen. Es existieren mindestens fünf islamische Dachverbände, sodass der Politik einerseits der passende Ansprechpartner fehlt. Andererseits sind für die sich engagierenden Muslim_innen die staatlichen Strukturen sehr ungünstig, da diese sich an den zentral organisierten (christlichen) Kirchen ausrichten. Die verteilte, dezentrale muslimische Gemeindestruktur erschwert das Sprechen mit einer (oder wenigen) Stimme(n).

Was also tun?

Initiativen, die sich auf bildungspolitischer Ebene für bessere Integration einsetzen, gibt es leider nur wenige, etwa den ufuq e.V.. Kleine Aufrufe nach Veränderungen gab es hin und wieder, jedoch werden die Ideen stets nur innerhalb der Lehrpläne gedacht. Stattdessen müsste ein grundsätzlicher Kurswechsel her, der Schüler_innen konkret die Möglichkeit eröffnet, ihren eigenen Hintergrund in den Unterricht einzubringen.

So könnten Schüler_innen mit Migrationshintergrund ihre Lieblingsbücher vorstellen. Im Geschichtsunterricht sollte Migrationsgeschichte (und nicht nur die der Immigration) eine größere Bedeutung beigemessen werden. Darüber hinaus ist es kaum vorstellbar, dass in Deutschland ca. 3 Mio. Menschen mit türkischen Wurzeln leben und allein die Revolution im Umfeld Mustafa Kemal Atatürks und der Jungtürken in der Türkei im Unterricht nahezu keinerlei Erwähnung findet.

Eine Neugestaltung des Religionsunterrichts steht vor großen Hürden, da eine Absprache zwischen Staat und allen Religionsgemeinschaften schwerlich möglich sein wird. Hier kann wahrscheinlich lediglich eine rein staatliche Lösung längerfristig das Problem ernsthaft beheben. Die Religionswissenschaften, die aus einer neutralen Perspektive Religionen betrachten, können Grundlage für solch einen Unterricht sein. Hierbei insbesondere die Schüler_innen mit ihren eigenen Prägungen und Erfahrungen einzubinden, erscheint von zentraler Bedeutung, um eben nicht ein Bild von beispielsweise dem Islam zu vermitteln.

Wenn man die Schule als einen Ausgangspunkt gesellschaftlicher Integration versteht, könnte man dazu kommen, Menschen unterschiedlichster (auch religiöser) Couleur zusammenzubringen. Dies soll nicht als eine Einschränkung der Vermittlung deutscher Kulturgüter verstanden werden, sondern ermöglicht die Erweiterung eines zu eng gefassten sozio-kulturellen Verständnisses. Dadurch würde die “Mehrheitsgesellschaft“ nicht erst beginnen, sich mit kleineren Gruppen zu beschäftigen, wenn es zu Auseinandersetzungen mit Wasserwerfer-Einsatz kommt. Dies ist aber – aus bildungspolitischer Perspektive – nur möglich, wenn man die Pluralität der Schüler_innen stärker im Unterricht spiegelt.

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