15 Jahre Bologna-Reform und immer noch keine Revolution?

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Diese Revolution ist in Ihrem Bildungssystem leider gerade nicht verfügbar. Foto: Alexander Konrad

Das diesjährige Jubiläum im Bildungssystem gibt nur wenig Anlass zu Freudentaumel. Trotz vieler Mängel kam es bislang nicht – entgegen der Hoffnung einiger – zu einer Revolution von unten, wie sich es viele vielleicht gewünscht hätten. Die heutigen Studierenden werden in Zukunft noch weniger darauf hoffen können – zumindest wenn man Marx glaubt und die Bildungsbetroffenen mit dem Proletariat vergleicht, behauptet unser Autor Alex Konrad. Wie kann ein Ausweg aussehen?

Als vor 15 Jahren im italienischen Bologna das programmatische Ziel der “Harmonisierung“ des Studienlebens in Europa vereinbart wurde, konnte kaum jemand ahnen, dass sich solch ein modularisiertes Ungetüm entwickeln würde. Die bereits viel diskutierten Auswirkungen wie die Verschulung des Studiums oder die teils erschwerte Mobilität scheinen schwer behebbar. Und es gibt viele mehr.

Viele Studierende haben sich offensichtlich von kritischem Denken und Politik verabschiedet. Längerfristig wird sich das wohl am fatalsten auf die Gesellschaft selbst auswirken. An Angeboten für (hochschul-)politische Partizipation mangelt es an Universitäten nicht. Was macht man jedoch, wenn Studierende selbst kein Interesse (oder schlichtweg keine Zeit) mehr haben, um sich zu engagieren?

Karl Marx erkannte ähnliche Probleme für die Arbeiter_innen im 19. Jahrhundert. Die völlige Unterdrückung der arbeitnehmenden Klasse führe schlussendlich zu einem Anstauen der Wut innerhalb der Klasse. Marx glaubte, dass sich das Proletariat daraufhin erheben und die Revolution vollziehen werde. Dazu ist es innerhalb einer Gesellschaft ohne äußere Einwirkungen (um das exzeptionelle Beispiel Russland in der Folge des Ersten Weltkrieges auszuklammern) nie gekommen.

Was Marx nicht wusste: Nachfolgende Generationen arrangieren sich mit neuen Situationen

Ein sehr simples, gleichwohl zentrales Problem, was Marx aber nicht erkannte, ist die Unterschiedlichkeit von Generationen – die sogenannte Generationalität. Marx ging davon aus, dass die Unterdrückung der immer selben Klasse dazu führen würde, dass sich die Wut über Generationen stets weiter anstauen und auf die nächste Generation übertragen würde – bis es schließlich zum revolutionären Ausbruch dieses Aufgestauten kommen müsste. Jedoch täuschte er sich, da die jeweils neue Generation sich mit ihrer Situation zu arrangieren wusste; lediglich reformerische Schritte führten im Laufe der Zeit zu allmählichen Verbesserungen der Arbeiter_innenklasse.

Ähnliche Tendenzen sind bei der derzeitigen Situation von Studierenden zu erkennen. Hierbei erweist sich als schwierig, dass die Bologna-Reform an deutschen Universitäten nicht zeitgleich (die ersten begannen bereits 1999) umgesetzt wurde. Eine homogene Mobilisierung wurde dadurch erschwert. Der in der zweiten Jahreshälfte 2009 stattgefundene „Bundesweite Bildungsstreik“ traf auf eben dieses Problem. Konnten ältere Semester des Magister-/Diplom-Systems schlicht wenig mit den Problemen der Übergangsgeneration anfangen, kannten bereits junge Studierende nur das reformierte System. Viele sahen nicht die Notwendigkeit dagegen aufzustehen, da durch die zugenommene Verschultheit auch der kritische Hintergrund für hochschulpolitische Fragen nicht entwickelt werden konnte. Ein größeres Problem – mit dem sich Marx nicht konfrontiert sah – ist die kurze Lebenszeit einer Studi-Generationen: Sie beträgt in der Regel (mit Bachelor) sieben oder (mit Master) elf Semester, was eine kritische Tradierung umso mehr erschwert.

Was also tun?

Es drängt sich die Vermutung auf, dass sich die Studierendenschaft gegen die straffen Modul-Regelungen und die Verschultheit nicht (mehr) erheben wird. Da durch die ECTS-Punktejagd und die Unkenntnis von Alternativen ernsthaft formierter Widerstand illusionär erscheint, bleibt für diesen Weg wenig Hoffnung. Obwohl er als der einfachere erscheint. Allerdings darf auch nicht der Fehler gemacht werden, davon auszugehen, dass „damals“ alle Diplom-/Magister-Studis revolutionsbegeisterte (hochschul-)politische Aktionist_innen waren. Gleichwohl blieb ihnen durch die weniger vorhandene „Verschultheit“ zumindest die Möglichkeit, sich (hochschul-)politischen Themen gegenüber eher zu öffnen. Darüber hinaus verblassen im Laufe der letzten Jahre die Erinnerungen an mögliche (unkonventionelle) Formen des Protests – etwa Rektoratsbesetzungen oder selbstorganisierte Lehrveranstaltungen.

Deshalb muss die Bildungsrevolution auf andere Weise erreicht werden. Hochschulpolitik kann nicht mehr allein von den Akteur_innen innerhalb der Hochschule getragen werden – hierzu fehlen anscheinend einfach die Kräfte. Deshalb dürfen vernetzte Akteur_innen nicht bei dem Versuch locker lassen, Studierende ‚von außen‘ zu (hochschul-)politischem Engagement anzuregen. Ein Weg in die richtige Richtung könnte es sein, dass eben jene versuchen, Politik mit Bildungsbeteiligten und für sie zu gestalten. Dadurch entstehende Erfolge können zeigen, dass eigene Forderungen umsetzbar sind – besser als durch die Hörsaalbesetzung einzelner. So ist die Bildungsrevolution der kleinen Schritte möglich – oder wie es die spanischen Indignados 2011/2012 formulierten: „Wir gehen langsam, weil wir weit gehen!“

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