weltwärts ist nicht für alle da

Weltwärts gleich südwärts? Das muss nicht so sein! Foto: KeithProvenArtist/Flickr

Weltwärts gleich südwärts? Das muss nicht so sein! Foto: KeithProvenArtist/Flickr

Seit 2008 fördert der deutsche Staat entwicklungspolitische Freiwilligendienste über das weltwärts-Programm des BMZ. Zwar geht es nicht um Elitenförderung – bis zur Bildungsgerechtigkeit ist es aber noch ein langer Weg, findet unsere Autorin Tabea Schroer. Teil 3 unserer dreiteiligen Reihe zum weltwärts-Programm.

Seit einigen Jahren werden internationale Freiwilligendienste in Deutschland staatlich gefördert, u.a. seit 2008 über das weltwärts-Programm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Bislang sind 20.000 deutsche Freiwillige „weltwärts gegangen“. Die Mehrheit von ihnen sind Abiturient_innen aus Akademikerfamilien. Seit 2013 läuft die Pilotphase der Süd-Nord-Komponente, die bis heute 100 Freiwilligen aus dem Globalen Süden einen Freiwilligendienst in Deutschland ermöglichte.

Von den Wirkungen profitieren vor allem die Freiwilligen selbst. Trotz Süd-Nord-Komponente ist das Programm äußerst einseitig und vergisst in der derzeitigen Sorge um die Vielfalt innerhalb der Zielgruppe vor allem einen anderen wichtigen Akteur: Die Partner_innen in den Gastländern.

Weg von den Privilegierten

Schon seit seiner Planung handelte es sich bei weltwärts um ein höchst einseitiges Programm: Junge Deutsche können sich staatlich subventioniert für ein Jahr in einem Land des Globalen Südens engagieren. Dabei lernen sie neue Sprachen, überprüfen ihre beruflichen Vorstellungen, werden selbständiger und selbstbewusster. Zudem gilt der Freiwilligendienst als Beleg für soziales Engagement und Auslandserfahrung. Die Freiwilligen nehmen viele wertvolle Qualifikationen für ihren Lebenslauf mit, ihr Freiwilligendienst wird Teil und Beginn der Karriere im entwicklungspolitischen Bereich. Gegenüber den über 20.000 ausgereisten Deutschen wirken die 100 Freiwilligen im ersten Zyklus 2013/2014 aus dem Globalen Süden wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Sie werden zum Alibi, das über die fehlende Augenhöhe in derartigen Freiwilligendienstprogrammen hinwegtäuschen soll.

Eine weitere Einseitigkeit besteht in der Zielgruppe des Programms: In seiner bisherigen Gestaltung richtet es sich vor allem an ohnehin privilegierte und gebildete junge Erwachsene. Freiwillige wie Sven zeigen jedoch, dass das Interesse auch bei anderen besteht – und dass es diese jungen Menschen sind, die den Dienst ohne eine staatliche Förderung nie angetreten hätten. Erst im Zuge der Evaluationsempfehlungen von 2011 bemühten sich Entsendeorganisationen vermehrt um die Ansprache einer breiteren Zielgruppe: Menschen mit Berufsausbildung, Migrationshintergrund und/oder körperlicher Beeinträchtigung. Zumindest auf der weltwärts-Homepage wird dies propagiert – wie sich dies letztendlich in den Teilnehmendenzahlen niederschlägt, bleibt abzuwarten. Was also die Zielgruppe angeht, so kann von Bildungsgerechtigkeit nicht einmal annähernd die Rede sein.

Wer aus dem Globalen Norden kommt, dem wird gegeben

Von weltwärts profitieren in erster Linie die Freiwilligen. Natürlich erweitert sich auch der Horizont der Arbeitskolleg_innen und Betreuer_innen in den Gastländern durch den Austausch mit den Freiwilligen. Doch allein die Umsetzung des Programms verrät, dass sie einer der wenig beachteten Akteure in der weltwärts-Maschinerie sind. Viele (deutsche) Entsendeorganisationen beteiligen die Aufnahmeorganisationen in den Gastländern nicht an der Auswahl der Freiwilligen – dabei sind sie es, die die Freiwilligen hinterher ein Jahr lang betreuen müssen! Partnerprojekte bekommen zudem oftmals keine finanzielle Entschädigung für die zusätzliche Arbeit und Zeit, die sie in die besondere Lernerfahrung der Freiwilligen investieren. „Sie bekommen im Gegenzug kostenlos deren Arbeitskraft“, ist eine oftmals vertretene Meinung. Dabei verkennt man jedoch den Aufwand, der bei der Betreuung und Einarbeitung unqualifizierter Abiturient_innen aus dem Ausland entsteht.

Zusätzlich zu diesem diffusen Austauschbegriff bestehen die sog. ‚Begleitmaßnahmen‘, die extra für die Bildung und Vernetzung der Partnerorganisationen zur Verfügung stehen. Viele Partner_innen kannten diese Maßnahmen jedoch nicht einmal, was auf mangelnde Aufklärung über die Möglichkeiten des Programms hinweist. Bei aller Aufregung um die soziale Herkunft der weltwärts-Freiwilligen verkennt man also die schwerwiegendere Bildungsungerechtigkeit des Programms: Gegeben wird denen, die schon haben, nämlich den Menschen aus dem Globalen Norden.

Um aus dem höchst einseitigen Lerndienst einen bildungsgerechten Lerndienst für Menschen mit verschiedenen Bildungs- und kulturellen Hintergründen zu machen, müssten vor allem die Partner_innen im Globalen Süden gleichberechtigt in die Arbeit rund um den Dienst einbezogen werden. Dazu gehören Auswahl, Vorbereitung, Finanzierung, etc. So würde das Programm auch den Freiwilligen selbst gleich einen anderen Grundsatz vorleben: Den der Zusammenarbeit. – Nicht nur den der ‚Entwicklung‘ von außen. Zusätzlich ist es unumgänglich, die Süd-Nord-Komponente auszubauen. So können auch junge Erwachsene aus dem Globalen Süden ihre Vorurteile über Europa überprüfen und interkulturelle Lernerfahrungen sammeln. Außerdem ist eine größere Diversität innerhalb der Freiwilligen wünschenswert – zumindest in diesem Punkt hat weltwärts bereits (auf seiner Homepage) reagiert.

Neben der Ungerechtigkeit des Programms selbst, kann ihm jedoch eines zu Gute gehalten werden: Im Zuge der Evaluation wurde die Zivilgesellschaft (Entsendeorganisationen, Rückkehrvereinigungen) aktiv in die Änderungen des Programms einbezogen. Dies entspricht dem Prinzip, das auch Was bildet ihr uns ein? fordert: (Bildungs-) Betroffene in derartige Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Ohne das Engagement der Rückkehrvereine hätte es wohl keine Süd-Nord-Komponente im Programm gegeben. Vielleicht sind es in einer Welt, die aufgrund zahlreicher Visabestimmungen und sonstiger Einreisehürden nur für manche von uns internationale Bewegungsfreiheit zulässt, genau derartige Programme, die letztendlich zu einer Veränderung dieser Bestimmungen führen.

 

Quellen:

Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag (Hg.): Wer andern einen Brunnen gräbt.

Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag (Hg.): Develop-mental Turn.