Entwicklungspolitischer Freiwilligendienst – von der Eliteförderung zur Bildungsgerechtigkeit?

Sich finden oder Anderen helfen? Der Freiwilligendienst weltwärts. Foto: <https://www.flickr.com/photos/wissenstransfer/9479533432/in/photolist-frF62A-gEhCVN-ft3eZn-7nkRxj-7nkRB7-7ngX7i-9ZKCqH-g7daBR-7nkWPQ-7nkWSL-7nkRGq-7ngWYX-7ngWW8-7ngXcF-7nh3j8-7nkWN7 >Tanja Föhr/Flickr </a>

Sich finden oder Anderen helfen? Der Freiwilligendienst weltwärts. Foto: Tanja Föhr/Flickr

Teil 2: Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen

Internationale Freiwilligendienste gelten als Beleg für interkulturelle Kompetenz. Seit 2008 fördert der deutsche Staat diese Lernerfahrungen auf unterschiedliche Weise. Doch was lernt man eigentlich bei so einem Freiwilligendienst? Und wer profitiert am Ende davon? Unsere Autorin Tabea Schroer hat sich dafür bei zwei deutschen weltwärts-Freiwilligen und ihren bolivianischen Kolleg_innen in Cochabamba (Bolivien) umgehört. Teil 2 unserer dreiteiligen Reihe zum weltwärts-Programm.

Internationale Freiwilligendienste gibt es schon seit den 1950er Jahren, damals vor allem in der Friedens- und Versöhnungsarbeit. Sie werden vor allem als Lerndienste verstanden. Mit dem weltwärts-Programm begann im Jahr 2008 die finanzielle Förderung solcher Dienste von staatlicher Seite, zahleiche Programme wie kulturweit und der Internationale Jugendfreiwilligendienst zogen nach. Die Programme übernehmen zumindest anteilig Kosten für Flüge, Visa, pädagogische Begleitung und ein monatliches Taschengeld. Seit Beginn des weltwärts-Programms im Jahr 2008 sind über 20.000 deutsche Freiwillige ausgereist. 100 Freiwillige aus dem Globalen Süden wurden über weltwärts bislang für einen Freiwilligendienst in Deutschland empfangen.

Dabei sitzt man natürlich nicht – wie in der Schule – am Tisch, liest und interpretiert Gedichte. Stattdessen arbeitet man in sozialen Projekten mit. So auch Melanie Schütz (19) und Sven Engelhard (24), die im September 2013 ihren einjährigen Freiwilligendienst über die Entsendeorganisation amntena e.V. in Cochabamba, Bolivien antraten. Melanie arbeitet seitdem in einem Kindergarten. Sven machte vor seinem Freiwilligendienst eine Ausbildung zum Schreiner und arbeitet nun in der Schreinerei einer Berufsschule mit. Was lernen die beiden dabei? Und was sagen ihre Kolleg_innen dazu?

Ein Freiwilligendienst als Lerndienst – (Wie) wirkt das?

Durch die Freiwilligen habe ich gelernt, wie wichtig es ist, bei der Arbeit Schutzkleidung zu tragen“, sagt Don Alberto, der Svens Vorgesetzter in der Schreinerei ist. „Ohne dieses Wissen wäre ich heute wohl taub, weil ich mich einfach nicht geschützt hätte“, fügt er hinzu. Die Freiwilligen können dabei helfen, bestehende Abläufe und Praktiken zu hinterfragen, das stellte die weltwärts-Evaluation aus dem Jahr 2011 fest. Aus ihr geht aber auch hervor, dass diese Fälle selten sind – meistens sind die Freiwilligen eine wichtige Unterstützung bei der täglichen Arbeit, verfügen aber sonst über wenig brauchbares Wissen. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn es sich um Abiturient_innen ohne professionelle Ausbildung handelt.

Mit den Freiwilligen haben wir deutsche Rezepte kennengelernt“, sagt Maria Elena. Sie ist die Leiterin des Kindergartens, in dem Melanie arbeitet. Neben dem Rezeptetausch geht es dabei vor allem auch um eines: interkulturellen Austausch. Denn bei weltwärts stehen nicht Wissens- und Kompetenzvermittlung (wie in der Entwicklungszusammenarbeit) im Zentrum, sondern das gemeinsame Lernen: Die interkulturellen Erfahrungen in den Projektstellen und im Alltagsleben erleichtern es den Beteiligten, andere Perspektiven einzunehmen und andere Kulturen kennenzulernen. Auf die Frage, was sie gelernt habe, antwortet Melanie: „Dass man weniger Vorurteile haben sollte. Immer wieder gibt es Situationen, die mich überraschen, das Bild im eigenen Kopf wird dann über den Haufen geworfen.“ Dies spiegelt sich auch in der weltwärts-Evaluation wider: Kulturelle Unterschiede sowie Vorurteile werden den Freiwilligen bewusster.

Eine offensichtliche Wirkung des Auslandsaufenthaltes ist außerdem die Verbesserung einer Fremdsprache, sei es Englisch, Spanisch oder Französisch. Je nach Land nehmen die Freiwilligen auch Fremdsprachenkenntnisse mit, die sie nicht in der Schule erlangen konnten, z.B. Luganda, Quechua oder Hindi. Dies ist einerseits ein weiteres Alleinstellungsmerkmal im Lebenslauf, andererseits aber auch ein Umstand, der den Freiwilligen die Integration vor Ort erleichtert. Sprache schafft Zugang zu Erfahrungen, die man als Backpacker_in nicht so einfach machen würde.

Auf die Frage, ob sie nach ihrer Rückkehr in Deutschland etwas anders machen möchte, sagt Melanie: „Ich glaube, bewusster mit den Dingen umgehen. Mit Wasser und Müll zum Beispiel.“ Sven will sich besser darüber informieren, was in anderen Teilen der Welt geschieht und weniger Fleisch essen. „Durch meinen persönlichen Bezug zu Bolivien habe ich jetzt einen anderen Blick, vielleicht einen globaleren“, meint Sven. Auch die weltwärts-Evaluation stellt fest, dass die Freiwilligen durch ihren Einsatz eine konkretere Vorstellung von globalen Zusammenhängen und kulturellen Einflüssen haben als dies noch vor ihrer Ausreise der Fall war. Unter anderem kann dies bedeuten, dass sich zum Beispiel das Konsumverhalten hin zu fair gehandelten Produkten ändert.

Geholfen“ wird vor allem den Freiwilligen selbst

Im Mittelpunkt des Programmes steht neben einer steigenden Sensibilität für globale Zusammenhänge auch die Persönlichkeitsentwicklung: Laut der weltwärts-Evaluation führt das Programm bei den Teilnehmer_innen zu einer Stärkung des Selbstbewusstseins, größerer Selbständigkeit und einem höheren Maß an Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Neben der Projektarbeit gelten dabei auch das eigenständige Wohnen und Reisen als zentrale Faktoren. Dies bestätigt auch Maria Elena: „Die Freiwilligen werden in dem Jahr reifer“, sagt sie. „Sie gehen mit einer anderen Vision und haben vielleicht eine Idee davon bekommen, was sie mal machen wollen.“ Den Dienst nutzen einige also auch zur Überprüfung der eigenen beruflichen Orientierung: Während sich vor der Ausreise noch 91% eine Tätigkeit im entwicklungspolitischen Bereich vorstellen können, sind es nach der Rückkehr „nur“ noch 84%.

Zudem fördert der Freiwilligendienst offensichtlich die Motivation der Teilnehmer_innen, sich auch nach dem Dienst weiter in Deutschland zu engagieren. 64% der Freiwilligen geben an, sich nach ihrer Rückkehr in Deutschland zu engagieren, davon knapp die Hälfte in der entwicklungspolitischen Inlands- und Bildungsarbeit. Die Rückkehrer_innen finden sich nach dem Dienst in der Rolle von Multiplikator_innen wieder: Ob in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit oder einfach im persönlichem Umfeld, überall dort können sie Menschen von ihren Erfahrungen berichten – und damit ihr neu gewonnenes Verständnis von den globalen Zusammenhängen weitertragen und Vorurteilen und Rassismus aktiv etwas entgegensetzen.

Insgesamt stehen im Zentrum des Programmes vor allem die Freiwilligen selbst. Für die Partnerorganisationen im Ausland stellen die sog. ‚Begleitmaßnahmen‘ eine Möglichkeit des interkulturellen Austausches mit Partner_innen anderer Regionen und Länder dar. Laut Evaluation kannte die Mehrheit der Partnerorganisationen das Instrument der Begleitmaßnahmen jedoch gar nicht.

Lohnt es sich wirklich, viele, viele Steuergelder für die entwicklungspolitische Sensibilisierung und Persönlichkeitsentwicklung einiger weniger Abiturient_innen auszugeben? Wie steht es um die Bildungsgerechtigkeit des weltwärts-Programms? Darauf geht unsere Autorin im dritten und letzten Teil unserer dreiteiligen Reihe zum weltwärts-Programm ein.

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