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Blühende Landschaften durch weltwärts-Freiwillige? Foto: >a href="https://www.flickr.com/photos/kinderpate/">Kinderpate/Flickr

Blühende Landschaften durch weltwärts-Freiwillige? Foto: Kinderpate/Flickr

Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst weltwärts – von der Eliteförderung zur Bildungsgerechtigkeit? Teil 1 unserer dreiteiligen Reihe zum weltwärts-Programm.

Internationale Freiwilligendienste gelten als Beleg für interkulturelle Kompetenz. Seit 2008 fördert der deutsche Staat diese Lernerfahrungen auf unterschiedliche Weise. Doch wer geht eigentlich weltwärts? Unsere Autorin Tabea Schroer hat sich dazu bei zwei deutschen weltwärts-Freiwilligen in Cochabamba (Bolivien) umgehört. 

„Lernen durch tatkräftiges Helfen“ – so lautet das Motto des Freiwilligendienstprogrammes weltwärts, mit dem das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) jungen Menschen einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst ermöglicht. Junge Menschen zwischen 18 und 28 Jahren können sich so sechs Monate bis zwei Jahre in sozialen Projekten im Ausland engagieren. Dabei werden die Kosten für Flüge, Visa, pädagogische Begleitung und ein monatliches Taschengeld zu 75% vom Staat übernommen. Die restlichen 25% werden über Spenderkreise finanziert, die die Freiwilligen selbst aufbauen müssen. Die sogenannten „Einsatzländer“ befinden sich in Afrika, Asien, Mittel- und Südamerika. Jährlich verlassen etwa 3.500 junge Erwachsene Deutschland, um es temporär gegen ein „anderes“ Leben einzutauschen. Seit Beginn des Programms im Jahr 2008 sind insgesamt über 20.000 Freiwillige ausgereist.

Melanie Schütz (19) und Sven Engelhard (24) sind zwei von ihnen. Sie haben im September 2013 ihren einjährigen Freiwilligendienst über die Entsendeorganisation amntena e.V. in Cochabamba, Bolivien angetreten. Melanie wollte ihren Auslandsaufenthalt mit etwas Sinnvollem verbinden. Einfach mal etwas anderes erleben, rauskommen, sich komplett von dem entfernen, was man kennt – das war Svens Motivation, ins Ausland zu gehen.

Weltwärts geht die 20-jährige Abiturientin

Sven ist 24 Jahre alt und hat vor seinem Freiwilligendienst eine Ausbildung zum Schreiner gemacht. Er arbeitet nun in der Schreinerei einer bolivianischen Berufsschule. Bei ihm waren es studierende Freund_innen, die ihn auf die Idee brachten, einen Freiwilligendienst zu machen. „Für Menschen mit Ausbildung ist das meistens kein Schritt, der in Frage kommt“, sagt Sven – während es aber in anderen Kreisen durchaus gängig sei, die Kinder nach dem Abitur „ins Ausland zu schicken“. Er gehört zu den 3% der weltwärts-Freiwilligen, die vor dem Freiwilligendienst eine Ausbildung absolviert haben. 8% waren vorher Studierende, die große Mehrheit (83%) aber waren bis zu ihrer Ausreise Schüler_innen.

So auch Melanie: Sie hat vor ihrer Ausreise Abitur gemacht, als Erste in ihrer Familie. Auch sie entspricht damit nicht der Proto-weltwärts-Freiwilligen – die ist zwar weiblich, Anfang 20 und Abiturientin, ihre Eltern sind allerdings Akademiker_innen. Die weltwärts-Evaluation aus dem Jahr 2011 stellte fest, dass 97% der Freiwilligen über eine Hochschulzugangsberechtigung verfügten. Das Durchschnittsalter lag zum Zeitpunkt der Evaluation bei 21,6 Jahren, mittlerweile liegt es bei 19,8 Jahren – dies ist auch durch die Verkürzung des Abiturs auf 12 Jahre zu erklären. Zudem sind gut zwei Drittel der Teilnehmer_innen weiblich. Dies hat mit der Ursprungsidee des Programmes zu tun, das Freiwilligendienste für junge Frauen verstärkt fördern sollte – denn die jungen Männer konnten damals (2007/2008) noch auf die Anerkennung des Dienstes als sog. ‚Anderer Dienst im Ausland’ (Wehrersatzdienst) hoffen, für sie gab es also eine finanzielle Förderung von staatlicher Seite.

Von der “Elitenförderung” zur Vielfalt?

Diese Zahlen beruhen auf den Entwicklungen bis 2011. Weltwärts gingen bis dahin vor allem Abiturient_innen aus bildungsnahen Haushalten, sozusagen die zukünftige „Elite“ Deutschlands. Seitdem hat sich allerdings – zumindest auf der Schauseite – einiges getan:

Als Reaktion auf die Evaluation von 2011 gibt es nun vermehrt Versuche, die Zielgruppen auf Nicht-Akademiker_innen, Menschen mit Migrationshintergrund und/oder mit körperlichen Beeinträchtigungen auszuweiten. Die Entsendeorganisation IN VIA Köln e.V. hat im Zuge dessen zum Beispiel den Film „Ausbildung im Gepäck“ produziert, um gezielt Menschen mit Berufsausbildung für das weltwärts-Programm zu begeistern. Die Organisation bezev setzt sich für ein inklusives weltwärts-Programm ein und entsendet daher hauptsächlich in Projekte mit und von Menschen mit Behinderung. Das BMZ nimmt die Kritik offensichtlich auf: Auf der weltwärts-Homepage werden mittlerweile verschiedene Rückkehrer_innen vorgestellt, – darunter Abiturient_innen, Menschen mit Ausbildung und Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen – die wohl die Diversität innerhalb der Zielgruppe verkörpern sollen. Dort wird beispielsweise die bezev-Freiwillige Marlene vorgestellt, die als Gehörlose einen Freiwilligendienst in Ghana machte. Inwiefern diese Veränderungen die Statistiken über die deutschen Teilnehmer_innen langfristig verändern werden, bleibt abzuwarten.

Lange funktionierte weltwärts nur von Norden nach Süden

Das BMZ stellte sich außerdem einer viel grundlegenderen Kritik an seinem Freiwilligendienstprogramm: Dieses wurde von einigen Entsendeorganisationen und Rückkehrer_innen als einseitig und eben nicht den „Austausch auf Augenhöhe“ suchend bewertet – denn Freiwillige aus dem Globalen Süden haben es nicht leicht, nach Deutschland zu kommen, um hier ein FSJ oder FÖJ (Freiwilliges Soziales bzw. Ökologisches Jahr) zu machen. Im Weg stehen fehlende Netzwerke, geeignete Projektstellen, strenge Visabestimmungen und vor allem die finanzielle Förderung. Die weltwärts-Rückkehrer_innen gründeten eigene Vereine wie Color Esperanza, das Bolivien-Netz und die Zugvögel und organisierten ehrenamtlich die finanziellen Mittel, Einsatzstellen und Betreuungsmöglichkeiten, um Freiwillige aus dem Globalen Süden in Deutschland zu empfangen.

Das BMZ hat auf die Forderungen und das große Rückkehrengagement für einen Austausch auf Augenhöhe reagiert, seit 2013 (bis 2016) läuft nun die Pilotphase der Süd-Nord-Komponente des weltwärts-Programmes. Im ersten Zyklus (2013-2014) standen 100 Plätze für Freiwillige aus dem Globalen Süden zur Verfügung, für die die Entsendeorganisationen nun Gelder beim BMZ beantragen können.

Schon im ersten Teil dieser Reihe wird deutlich: Seit dem ersten weltwärts-Freiwilligenjahrgang im Jahr 2008 hat sich einiges verändert. Die Politik hat auf Forderungen der Zivilgesellschaft sowie der Betroffenen reagiert. Bleibt die Frage: Wozu das Ganze? Was bringt es, junge Menschen, die meist keine ausgebildeten Fachkräfte sind, in den Globalen Süden zu entsenden? Können sie dort wirklich „helfen“, wie es das Motto des Programmes suggeriert? Darum geht es im zweiten Teil unserer dreiteiligen Reihe zum weltwärts-Programm.

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