Jugend ohne Job

Wie einen Ausbildungsplatz finden? Für viele Jugendliche ein großes Problem. Foto: Aaron Edwards/Flickr

In Berlin wird zurzeit die Einrichtung einer Jugendberufsagentur diskutiert. In Zeiten hoher Jugendarbeitslosigkeit und einer gleichzeitig hohen Nachfrage nach Auszubildenden scheint es sinnvoll zu sein, mehr Energie darauf zu verwenden, die Jugendlichen besser zu vermitteln. Unsere Blogger Alex Konrad und Lukas Daubner haben sich die Idee „Jugendberufsagentur“ einmal genauer angeschaut und zeigen, welche Chancen und Probleme bestehen.

Eine Jugendberufsagentur fasst die Leistungen verschiedener Behörden zusammen, damit es Jugendlichen leichter gemacht wird, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Das ist eine gute Idee – soviel vorweg. Die Stadt Hamburg macht seit zwei Jahren gute Erfahrungen mit diesem Konzept. In Berlin wird zurzeit über die Feinheiten einer solchen Agentur diskutiert. Handlungsbedarf besteht schon seit Jahren, da sich Berlin mit der höchsten Arbeitslosenquote der Republik schmückt. Viele Jugendliche sind ab der Grundschule abgeschlagen und ohne Perspektive. Haben sie die Schule gerade so überstanden, sind sich viele junge Menschen sehr unklar darüber, wie es im Leben weitergehen soll. Das Ziel der Jugendberufsagentur ist es, die bereits bestehenden Beratungs- und Unterstützungsangebote und -bemühungen zu bündeln. Anstatt kreuz und quer durch die Stadt zu fahren und ständig der Angst vor neuen (bürokratischen) Situationen ausgesetzt zu sein – so die ambitionierte Utopie von der Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) –, sollen die Jugendlichen nur noch in ein Haus müssen. Dort sollen sie von der Ausbildungsplatzberatung, über finanzielle Unterstützung bis zur Unterstützung beim Ausfüllen der richtigen Formulare (z.B. KiTa-Platz-Antrag für das eigene Kind) alles bekommen.

Die Probleme beginnen schon früh

Durch die hohen Hürden bei Übergängen im Bildungssystem beginnen die Probleme aber schon viel früher. Nach der Grundschule entscheidet sich eindeutig, wie die Zukunft einer Schülerin oder eines Schülers aussieht. Kinder, die aus verschiedenen Gründen schlechtere Startvoraussetzungen haben, kennen oft nur wenige Berufe (Mechatroniker, Krankenschwester, Bauarbeiter) und bekommen früh signalisiert, dass ihre Zukunft düster aussieht. Zu häufig sind es Zufälle, die Jugendliche weitere Perspektiven öffnen. Die Idee der Jugendberufsagentur ist es, die Entwicklung der Betroffenen weniger dem Zufall zu überlassen. Zwar sollte Bildung nicht nur dafür herhalten, auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten, sondern Schüler_innen auch zu einer selbständigen Persönlichkeit verhelfen. Doch ohne große Chancen auf einen gerecht bezahlten Arbeitsplatz ist Bildung für viele nichts wert. Die Begleitung und Förderung durch Ansprechpartner_innen – sogenannten Coaches – ab der weiterführenden Schule kann den jungen Betroffenen viel Unsicherheit nehmen. Verschiedene Praktika und persönliche Beratung können Schüler_innen darüber hinaus helfen, eine Zukunftsperspektive zu entwickeln. Doch ob solche Coaches in Berlin flächendeckend eingesetzt werden können, ist unklar.

Ohne dauerhafte Unterstützung geht es nicht

Insbesondere die Übergangszeit von der Schule in den Beruf stellt viele Jugendliche vor eine große Herausforderung. Wenn die Jugendlichen schon Vorwissen haben und die Ansprechpartner_innen kennen, an die sie sich wenden müssen, können sie besser und selbstständiger entscheiden, wie ihre Zukunft aussehen soll. Dann sind die Jugendlichen nicht mehr nur von Berater_innen und Maßnahmen abhängig. Unter diesen Vorzeichen muss bei der Umsetzung der Idee Jugendberufsagentur – wie zurzeit in Berlin – gedacht werden. Und es wird höchste Zeit, dass die verschiedenen Stellen wie Arbeitsagentur, Jugendamt, Schule und Betriebe ihre Arbeit koordinieren. Gerade Jugendliche, die mit vielen Herausforderungen zu kämpfen haben, benötigen eine kontinuierliche und gesicherte Begleitung schon während ihrer Schulzeit und während des Übergangs zum Erwachsenwerden.

Dass viele die schon heute bestehenden Angebote nicht nutzen können, weil sie zu viel Angst haben sich den Anforderungen der Bürokratie auszusetzen oder keine feste Adresse haben, können sich insbesondere die, die etwas in der Politik oder Wirtschaft zusagen haben – nicht vorstellen. Eine Anlaufstelle, in der sich Berater_innen und zu Beratende am besten schon kennen und sich gemeinsam um die Suche nach einer passenden Ausbildungsstelle kümmern, scheint eine adäquate Lösung zu sein. Wenn dann auch noch die Betriebe und bereits aktiven Träger in das neu geschaffene Netzwerk eingebunden werden, ist es möglich, dass weniger Auszubildende abbrechen, Ausbildungsberufe wieder interessanter werden und sich die Zufriedenheit aller Beteiligten verbessert.

Aber wo sind eigentlich die Betroffenen?

Auffällig bei der Diskussion um die Jugendarbeitsagentur ist aber, dass diejenigen, um die es geht, kaum gefragt werden. Wie schon angedeutet, ist es für Politiker_innen und Verwaltungsmitarbeiter_innen nur schwer vorstellbar, zu welchem Zeitpunkt Jugendliche eigentlich welche Hilfestellungen benötigen. Neben den technischen Fragen, wie eine Jugendarbeitsagentur realisiert werden kann, müsste breit angelegt untersucht werden, welche Wünsche und Probleme die Jugendlichen eigentlich haben. Erst mit diesen Informationen, und wenn junge Menschen mit in die Planung einbezogen werden, können die Anstrengungen und Beratungen fruchtbar sein. Auch die Stellen, die jetzt schon eng mit Jugendlichen arbeiten, haben wichtiges Wissen, welches mit in die Planung und die Umsetzung der Jugendberufsagentur einfließen muss.

Passt auf die Daten auf

In Hamburg ist ein Bestandteil der Arbeit der Jugendberufsagentur, Schüler_innen mehrfach anzuschreiben und persönlich zu besuchen. Die Jugendlichen müssen „freundlich belagert“ werden, so der Geschäftsführer des Hamburger Institut für Berufliche Bildung Rainer Schulz auf einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung. Aus Sicht der jungen Generation ist dabei unbedingt zu beobachten, wie bei dem ganzen Prozess mit den Daten der Schüler_innen und später Auszubildenden umgegangen wird. Weil die verschiedenen Verwaltungsabteilungen enger zusammenarbeiten sollen, muss auch diskutiert werden, welche Abteilung welche Daten freigeben darf. Sorglos darf mit den Daten schon deshalb nicht umgegangen werden, weil nicht nur private Akteure in dem Feld auf diese zugreifen können, sondern Behörden oft unachtsam mit Daten umgehen. Schüler_innen müssen selber darüber entscheiden können, ob sie kontaktiert werden wollen. In Hamburg scheint das laut Schulz zu funktionieren: „Wenn ein mündiger Bürger entscheidet, er möchte jetzt chillen, dann respektieren wir das.“

In Berlin scheint ein klarer politischer Wille zu bestehen, eine Jugendberufsagentur umzusetzen. Dass junge Menschen bisher so gut wie nicht in den Planungsprozess eingebunden werden, ist sträflich. Neben all den Fragen um die Finanzierung, die Zuständigkeiten und Organisation, darf nicht vergessen werden, um wen es eigentlich geht. Wenn Menschen schon nicht Form und Inhalt ihrer schulischen Bildung mitbestimmen dürfen, dann sollte sich das wenigstens in beruflicher Hinsicht ändern.

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