Die Tücken der Klausurbewertung – Ein ehrlicher Erfahrungsbericht

Gerecht bewerten ist nicht einfach

Gerecht bewerten ist nicht einfach. Foto: flippinyank/Flickr

Die Bewertung von Klausuren unterliegt vielen Unsicherheiten. Unser anonymer Autor aus dem Bereich der beruflichen Weiterbildung schildert in seinem Erfahrungsbericht offen und ehrlich, wie er Klausuren subjektiv bewertet, ohne es zu wollen. Er beschreibt dabei unter anderem, wie der Name einer Person in Verbindung mit ihren bisherigen Klausurleistungen zu Sympathie oder Antipathie-Bildung führt, die zukünftige Bewertungen beeinflusst. Er versucht auch einige Änderungsmöglichkeiten im Bildungssystem aufzuzeigen, um diese Entwicklung zu verhindern.

 

Heute ertappte ich mich selbst bei einer Sympathie-Bewertung. Während der Korrektur einer Klausur war ich mir bei der Antwort eines bestimmten Teilnehmers unsicher, ob ich ihm einen oder zwei Punkte geben sollte. Ich überlegte einen Moment und schaute dann auf seinen Namen. Danach war mir klar: Zwei Punkte. Der Name gab den Ausschlag. Der Witz ist: Ich kenne die Person gar nicht, die ich bewerte.

Ich korrigiere die Klausuren eines beruflichen Weiterbildungslehrgangs, der hunderte Kilometer entfernt stattfindet. Ich bin nicht der Dozent dieses Kurses. Und ich habe ansonsten auch nichts damit zu tun. Ich kenne eigentlich niemanden aus diesem Kurs. Das Einzige, was ich kenne, sind die Namen. Da der Kurs vier Klausuren umfasst, kann ich mittlerweile einigen Namen bestimmte Merkmale zuordnen: Schriftbild, Stil, Rechtschreib- und Rechenfähigkeiten sowie bisherige Leistungen.

Schon der Name reicht, um Sympathien zu erzeugen

Das reicht bereits, um Vorurteile und Sympathien oder Antipathien für einige Kurs-Teilnehmer_innen aufbauen zu können. Das funktioniert ganz simpel: Wer kurz, lesbar und am besten so antwortet, wie in der Musterlösung vorgegeben (weil er beispielsweise die Probeaufgaben auswendig gelernt hat), erscheint mir direkt sympathischer – weil er oder sie mich weniger Zeit kostet. Den entsprechenden Namen merke ich mir ganz automatisch. In der mittlerweile dritten Klausur gehe ich nun bereits mit einem positiven Gefühl an die Bewertung, wenn ich solch einen Namen auf dem Deckblatt lese. Hingegen: Jemand, dessen Schrift kaum zu entschlüsseln ist, nervt mich. Und er nervt mich in der dritten Klausur nun noch mehr als in der ersten. Natürlich versuche ich, mich davon bei der Bewertung nicht beeinflussen zu lassen. Aber das funktioniert nicht immer, wie ich am Eingangsbeispiel feststellen musste.

Das ist aber nicht meine einzige Fehlbarkeit. Je nach Tagesform und -zeit lese ich Klausur-Antworten mal gewissenhafter und mal nicht. Mir ist es auch schon passiert, dass ich versehentlich die falsche Punktzahl für eine Antwort an den Rand gekritzelt habe. Und einmal habe ich sogar die Korrektur einer Kollegin noch einmal nachkorrigiert mit deutlichem Punktunterschied nach oben. Wenn ich mit Kolleg_innen über Klausurkorrekturen spreche, ergibt sich ein sehr differenziertes Bild. Die einen sind sich sicher, dass sie Klausuren kompetent und fehlerfrei bewerten können. Die anderen reflektieren beispielsweise, dass sie bei langen und schlecht lesbaren Antworten Gefahr laufen, schlechtere Bewertungen abgeben.

Was kann man ändern?

Dass unterschiedliche Personen, Antworten unterschiedlich bewerten, lässt sich zwar nicht vermeiden, aber zumindest minimieren – zum Beispiel mit guten Musterlösungen. Die gibt es aber leider nicht immer. Multiple-Choice-Fragen (also mit Ankreuz-Antworten) wären eine Alternative, lassen aber dann keine kreativen und freien Antwortmöglichkeiten zu. Eine Lösung erscheint zumindest für dieses Problem schwierig, wenn auch nicht unmöglich. Gegen die Sympathie-Bildung aber kann man durchaus vorbeugen – durch Anonymisierung der Kurs-Teilnehmer_innen. Nummern oder Strichcodes wären denkbar, müssten aber so komplex ausfallen, dass man als Korrigierende_r keine Zuordnungen von Eigenschaften zu Nummern mehr herstellen kann. Denn, ob auf einer Klausur nun Max Mustermann oder die Nummer 12 steht, macht kaum einen Unterschied.

Vielleicht sollte auch die Computertechnik stärkeren Einzug halten. In einigen Bereichen werden Klausuren bereits an Computern in einer speziellen Software geschrieben. Diese sogenannten „E-Klausuren“ werden dann ganz normal in den üblichen Prüfungsräumlichkeiten geschrieben, aber an Computern. Die Auswertung geschieht dann ebenfalls am Computer. Der Vorteil: Hier sind nun alle Stufen der Anonymisierung für den Prüfer möglich. Außerdem hat auch das Schriftbild keinen Einfluss mehr auf die Bewertung. Und die Punkteberechnungen laufen zumindest teilweise automatisch ab, was die Wahrscheinlichkeit einer versehentlich falschen Punktevergabe wenigstens verkleinert. Der Nachteil ist, dass die Technik noch die üblichen IT-Risiken birgt: Computer können abstürzen und gehackt werden. Nichtsdestotrotz: In Anbetracht des technischen Standes unserer modernen Gesellschaft ist es eigentlich verwunderlich, dass Klausuren noch immer wie vor hundert Jahren korrigiert werden – und die dadurch entstehenden Ungerechtigkeiten nicht vermieden werden.

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