Herr Müller fliegt raus!

Soll man Lehrer_innen kündigen können? Foto: Tanja Föhr/Flickr

Soll man Lehrer_innen kündigen können? Foto: Tanja Föhr/Flickr

Die FAZ fordert es. Und Uschi Glas auch. Sollte es einfacher werden, schlechte Lehrer_innen zu entlassen? Obwohl Konsequenzen nötig sind, wenn Lehrkräfte ihre Aufgabe nicht erfüllen und damit ihren Schüler_innen schaden, sind erhöhter Druck und unsichere Arbeitsbedingungen auch nicht die Lösung. Kooperation unter Lehrer_innen, Weiterbildung und gemeinsames Lernen schon eher.

Guten Morgen. Fenster zu, setzen. Buch auf, Seite 54, du liest!“

Mit diesen Worten begann mein Geschichtslehrer in der 7. Klasse jede einzelne Unterrichtsstunde. Das einzige, was sich änderte, waren die Seitenzahl im Buch und die Person, auf die sein Finger zeigte. Didaktik? Engagement? Interesse? Fehlanzeige.

Das ist bei Weitem nicht das schlimmste Beispiel für schlechten Unterricht durch eine gelangweilte, überforderte, ausgebrannte oder unfähige Lehrkraft. Jede_r kennt Geschichten aus dem deutschen Schulalltag, bei denen einem die Haare zu Berge stehen. Geschichten von Lehrer_innen, die sich das Leben einfach machen, die keinerlei Energie in ihre Unterrichtsvorbereitung stecken, die Schüler_innen herablassend behandeln, die keine Ahnung davon haben, wie Inhalte zu vermitteln sind. Bei manchen ist es die fehlende Eignung für den Beruf, bei anderen der Stress und die Überforderung, bei wieder anderen sind es die langen Jahre im Schulsystem. Hat Christian Füller in der FAZ also Recht, wenn er eine „Exitstrategie für Lehrer“ fordert? Sollten schlechte Lehrer_innen entlassen werden können?

Verbeamtet im Dienste des Staates

Zunächst einmal gilt es, sich zu vergegenwärtigen, warum der Lehrerberuf einer der wenigen ist, in denen eine Kündigung wegen schlechter Leistungen nahezu undenkbar ist. Zwar hat es sich in einigen Bundesländern inzwischen eingebürgert, Lehrer_innen als Angestellte zu beschäftigen, aber die überwiegende Mehrheit wird immer noch (oder wieder) verbeamtet. Der Beamtenstatus bringt viele Vorteile mit sich, der vielleicht wichtigste ist: Beamt_innen als Bedienstete des Staates sind so gut wie unkündbar. Historisch gesehen sind auch Lehrer_innen Staatsdiener, seit das Monopol über das Schulwesen in die Hand des Staates überging – und auch heute teilt sich schließlich der Staat den Erziehungsauftrag mit den Eltern.

Einfluss auf Kinder und Jugendliche – im Guten wie im Schlechten

Während Arbeitnehmer_innen in fast jedem anderen Berufsfeld ständigen Leistungsbeurteilungen unterworfen sind, können ausgerechnet Lehrkräfte ihre Pflichten grob vernachlässigen, ohne ernsthafte Konsequenzen befürchten zu müssen. Ironischerweise sind aber gerade die Konsequenzen solchen Verhaltens bei Lehrer_innen besonders schwerwiegend. Lehrer_innen haben neben den Eltern wahrscheinlich den größten Einfluss auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Gleichzeitig ist eine Vielzahl von Erwartungen an den Lehrberuf geknüpft: Sie sollen Wissensdurst und Entwicklung ihrer Schüler_innen fördern, Begeisterung für ihr Fach wecken, das Sozialverhalten jeder Klasse lenken und darüber hinaus natürlich auch Inhalte nach Lehrplan vermitteln. Eine große Aufgabe, der sicher nicht jede_r grundsätzlich gewachsen ist. Sicher eignen manche sich besser für den Lehrberuf als andere. Aber selbst die engagiertesten Lehrer_innen können sich durch Jahrzehnte im deutschen Schulsystem verändern. Wer sich über einen so langen Zeitraum ständig in einem engen Geflecht aus Schüler_innen, Eltern, Schulleitung und Lehrplan arrangieren muss, verliert vielleicht zwangsläufig die Lust oder eben auch die Kraft, die es braucht, um diesen Beruf auszuüben.

Und würden sie besser werden durch den zusätzlichen Druck, entlassen werden zu können? Die bisherigen Evaluationssysteme beruhen hauptsächlich auf der Einschätzung von Schüler_innen oder, noch problematischer, es wird die Lehrer_innenleistung einfach mit der Schüler_innenleistung gleichgesetzt: Gute Noten = gute_r Lehrer_in. Dass in beiden Fällen manche Lehrkraft nur noch wenig Interesse an einer realistischen Benotung haben könnte, liegt auf der Hand.

Wird alles besser ohne Beamtenstatus?

Welche Konsequenzen hätte die Kündigungsoption für Lehrer_innen? Viele würden zu Opfern befristeter Verträge, wie es in Angestelltenverhältnissen häufig vorkommt. Bereits letztes Jahr wurde bekannt, dass von den 200.000 angestellten Lehrer_innen in Deutschland viele nur befristet eingestellt werden. Davon sparen etliche Verträge sogar die Sommermonate aus, sodass Lehrer_innen sich über die großen Ferien arbeitslos melden müssen, nur um dann im neuen Schuljahr wieder auf ihre alte Stelle zurückzukehren. Ein skandalöser Zustand, der den Lehrer_innenberuf auch nicht eben attraktiver macht.

Smart Sanctions

Sollen also Lehrer_innen entlassen werden können? Die Antwort muss ein „Ja, aber…“ sein. Ja, denn es muss Konsequenzen dafür geben, dass manche Lehrkräfte ihre Aufgabe schlicht und einfach nicht erfüllen. Nicht, weil sie schließlich dafür entlohnt werden und gefälligst für ihr Geld arbeiten sollen. Sondern weil sie so wichtig sind. Gute Bildung ist ohne gute Lehrer_innen nicht zu kriegen und über den Stellenwert von guter Bildung in der Gesellschaft sollten wir nicht diskutieren müssen.

Also ja. Aber die Lösung kann auch nicht sein, ein (der Bequemlichkeit halber notenbasiertes) Evaluationssystem zu etablieren und jede Lehrkraft rauszuschmeißen, die nicht den Anforderungen entspricht. In anderen Ländern wie Japan oder den Niederlanden haben sich gegenseitige Hospitanzen von Lehrer_innen im Unterricht bewährt. Statt ausschließlich mit der Kündigung zu drohen, könnten auch verpflichtende Weiterbildungen erwogen werden – fachliche ebenso wie didaktische und pädagogische.

Vor allem aber sollten Lehrer_innen mit ihren Problemen nicht alleine gelassen werden. Ein sinnvolles Evaluationssystem muss ergänzt werden durch die Möglichkeit, im Kollegium oder außerhalb der eigenen Schule Hilfe zu finden – gemeinsame Unterrichtsvorbereitung, Unterrichtsbesuche, Austausch von Materialien und gegenseitiges Feedback.

Angesichts des enormen Schadens, den unfähige, demotivierte oder überforderte Lehrer_innen anrichten können und unter dem in erster Linie die Schüler_innen zu leiden haben, ist es nur fair, mit Folgen zu drohen. Davon auszugehen, dass Entlassungen die einzige Lösung sind, zeugt allerdings von einem enttäuschenden Mangel an Phantasie.