„Seid unsichtbar!“ – Die Bildungsbotschaft an schlechte Schüler_innen

Schule

Es ist leicht sich in der Schule unsichtbar zu machen. Foto: (c) diepuppenstubensammlerin

Wer in der Schule nicht gut mitkommt, kann sich leicht hinter seinen schlechten Leistungen verstecken. Bis es Reaktionen von Eltern oder Lehrenden gibt, ist es meistens schon zu spät und das Wiederholen einer Klasse oder gar Abbrechen steht bevor. Der Lehrer Stephan Holz zeigt in diesem Beitrag, wie es mit ein wenig Engagement auch anders gehen kann und mit welchen Mitteln, Schüler_innen mit Problemen im Schulalltag wieder ’sichtbar‘ gemacht werden können.

Ein schlechter Schüler, eine schlechte Schülerin zu sein gilt als Schande – in den Augen vieler Lehrender, Eltern, Mitschüler_innen und auch oft in den Augen der „Betroffenen“ selbst. Wer unsichtbar ist, wird nicht „verfolgt“ – deshalb machen sich viele Schüler_innen, die schlechte Schulleistungen aufweisen, solange wie möglich unsichtbar – es sei denn, sie wollen als Opfer sichtbar werden. Beides – Unsichtbarkeit und Opferstatus – verbessert nicht die schulische Lage, d.h. es verhilft nicht zu stetigem Arbeitsverhalten, zu einem ausgeglichenen Selbstverhältnis und zu Anerkennung durch Eltern, Lehrende oder Mitschüler_innen.

Um herauszufinden, welche Faktoren dazu führen, dass Schülerinnen und Schüler „sitzen bleiben“ hat die wissenschaftliche Einrichtung des Oberstufenkolleg (eine Abteilung der Fakultät für Pädagogik an der Universität Bielefeld) 2013 eine Längsschnittstudie über Jahrgangswiederholer publiziert, in denen qualitative Interviews mit 22 Schüler_innen geführt und ausgewertet wurden. An dieser Studie war ich zwei Jahre lang als „Lehrerforscher“ beteiligt. In diesen Interviews wurde deutlich, dass Schüler_innen klare und differenzierte Auffassungen dazu haben, worin ihr Scheitern begründet ist und was ihnen in der Krise geholfen hat. Um solcherlei Meinungen öffentlich zu sammeln und für die Schulgemeinschaft sichtbar machen, habe ich begonnen Versammlungen mit den betroffenen Schüler_innen zu veranstalten.

Die Versammlung gibt den Schüler_innen eine Stimme

In der Schule, in der ich als Lehrender arbeite, gibt es seit langem am Ende der „Eingangsphase“ der Oberstufe vergleichsweise hohe Rückstufungs- und Abbruchquoten. Ich lade deshalb seit vier Jahren nach dem ersten Halbjahr der Eingangsphase (in G8/G 9 ist das die 10./11. Klasse) alle versetzungsgefährdeten Schüler_innen zu einem Rundgespräch im Forum der Schule ein, um von ihnen eine Beschreibung ihrer Situation aus ihrer Sicht und ihre Ideen für eine Verbesserung ihrer schulischen Lage zu bekommen. Ich bitte sie auch, Freunde oder Freundinnen zu diesem Gespräch mitzubringen.

Da unsere Oberstufe sehr groß ist, kommen dazu 30-35 Leute. Das Rundgespräch wird in ca. fünf Gruppen von älteren Schüler_innen moderiert, die ein oder zwei Jahre vorher in einer ähnlichen kritischen Lage waren. Das Ganze wird von den Moderator_innen mitgeschrieben. Ich fasse es dann für die Hauszeitung zusammen. Ein Auszug aus der Zusammenfassung des Gespräches von diesem Jahr:

stephan2[box style=“grey info rounded“]Stephan Holz (geb. 1951) hat in Tübingen und Bielefeld Mathematik und Philosophie studiert und in Mathe promoviert. Am Oberstufenkolleg Bielefeld lehrt er Politik, Mathe und Philosophie. Stephan denk außerdem viel über Mathematik-Didaktik nach und bildet andere Lehrende darin fort. Er setzt sich dafür ein, jede Schülerin und jeden Schüler individuell zu fördern und zu einem erfolgreichen Abschluss der Schule zu verhelfen. [/box]

Situationsbeschreibung:

  • die individuelle Bewertung durch Lehrende erscheint manchmal willkürlich und ist von Kurs zu Kurs zu unterschiedlich; es gibt persönliche Differenzen mit Lehrenden, die das Klima des Umgangs miteinander dominieren; Lehrende gehen nicht persönlich auf Schüler_innen ein; Lehrende unterrichten ihren Grundkurs so, als wäre es ein Leistungskurs; Lehrende richten sich fast nur nach den stärksten Schüler_innen; Lehrende unterrichten zu sehr auf ihr Fach bezogen (in Mathematik und Naturwissenschaften);

  • man kommt im Unterricht nicht mit, Aufgaben werden zu wenig erklärt, bei Nachfragen wird man für dumm erklärt; man fühlt sich „auf sich allein gestellt“, im Kurs gibt es keinen Zusammenhalt und keine Solidarität, man interessiert sich nicht füreinander;

  • an manchen Tagen wird nichts vermittelt“ („lohnt es sich zu kommen?“); wenn man ein Fach langweilig finden oder „keine große Motivation“ hat, bleibt man einfach weg, dann wird aber nicht sorgfältig nachgefragt und es wird darüber hinweggegangen, als spielte es keine Rolle, ob man fehlt; viele Schüler_innen haben Schwierigkeiten mit der Anwesenheitsdisziplin (sie verschlafen), das wird aber ignoriert.

Verbesserungsvorschläge:

  • Kurssprecher_innen wählen und ein gemeinsames Gespräch der Lehrperson mit den Kurssprecher_innen und dem ganzen Kurs veranstalten, um die Kommunikation mit der Lehrperson (die Lehrenden sollen lernen, sich „den Interessen der Schüler_innen anzupassen“) und unter den Schüler_innen zu verbessern;

  • ein Selbstlernzentrum mit „Extra-Betreuung“ in Gang bringen;

  • die Angst vor der Laufbahnberatung abbauen (die immer vollen Terminlisten machen Angst);

  • die Sozialarbeiter_innen rechtzeitig aufsuchen; mehr mit dem Tutor/ der Tutorin reden;

  • die eigene Anwesenheit im Unterricht besser pflegen.

Zum Schluss der Veranstaltung habe ich darauf hingewiesen, dass ich alle Schüler_innen, die sich in einer kritischen Lage befinden, durch einen kurzen Brief in meine wöchentliche Sprechstunde einladen werde und mit ihnen einen Förderplan erstellen möchte. Ich habe auf die Möglichkeit der drei Lernbüros (Deutsch, Mathematik, Spanisch) hingewiesen, die jeder und jede unentgeltlich besuchen kann und die jede Woche regelmäßig während des Schultages stattfinden.“ (Auszug aus der Zusammenfassung des öffentlichen Gesprächs 2013)

Die öffentlichen Versammlungen zeigen Wirkung

Zunächst ergibt sich eine Wirkung für die Moderierenden: Sie haben zwar alle ein Jahr wiederholt, aber haben inzwischen Abitur oder Fachabitur; d.h. von den Aktiven hat niemand abgebrochen.

Von den Teilnehmer_innen insgesamt waren ein Jahr später noch 2/3 in der Schule, was uns Lehrende positiv erstaunt hat. Außerdem ist die atmosphärische Wirkung positiv, weil die Gruppe der leistungsmäßig schlechten Schüler_innen plötzlich eine Stimme hat, sichtbar wird und eine regelmäßige öffentliche Wahrnehmung bekommt, die jenseits von den benoteten Situationen in der Schule stattfindet.

Die mittelfristige Wirkung auf der Arbeitsebene außerhalb des Unterrichts findet im Umfeld der Lernbüros statt: dadurch, dass die Schüler_innen mit schulischen Schwierigkeiten durch diese öffentliche Versammlung ein Gesicht und eine Stimme haben, kann ich sie ansprechen und sie z.B. in das von mir betreute Lernbüro Mathematik einladen. Gleichzeitig können sie mich in der Pause in der Cafeteria ansprechen, wenn sie in Schwierigkeiten sind – und das tun sie auch. Wenn man Glück hat, ergibt sich ein Arbeitskontakt, der längere Zeit anhält.

Die gläsernen Wände des gymnasialen Habitus

Neben der eingangs erwähnten Studie war eine weitere Anregung für mich, mich verstärkt für leistungsschwächere Schüler_innen einzusetzen, die Forschungen von Bourdieu und Passeron über Habitus1. Durch das lesen wurde mir klar, dass es bei Lehrer_innen und Schüler_innen einen gymnasialen Habitus gibt, der gläserne Wände durch die Schule zieht. Ich versuche, Gesprächs- und Arbeitssituationen zu erzeugen, die jenseits der habituell geprägten Kommunikationen – typischerweise ist das „Unterricht“ – stattfinden. Die hier beschriebene Gesprächsrunde mit leistungsschwachen Schüler_innen ist ein solcher – recht erfolgreicher – Versuch.

 

1Bourdieu, Pierre, and Jean Claude Passeron. Reproduction in education, society and culture. Vol. 4. Sage, 1990.