Staub aufwirbeln im Bildungssystem

Die Route der Bildungsreise 2013 von Kreidestaub. Foto: (c) Kreidestaub.

Die Route der Bildungsreise 2013 von Kreidestaub. Foto: (c) Kreidestaub.

Die Initiative Kreidestaub ist eine studentische Plattform, die „Staub aufwirbeln“ möchte im deutschen Bildungssystem. Wie? – das fragte Clara Woopen die zwei Vertreter_innen Eva-Lotte Irnrich und Jonas Klinkhamer auf dem Jungen Bildungskongress 2014. Das Gespräch zeigt außerdem, dass es neben den bekannten „Leuchtturmschulen“ auch viele andere gute Schulen in Deutschland gibt. 

Clara: Ihr habt sechs Schulen in Deutschland besucht, „an denen Lernen gelingt“, wie ihr auf eurer Facebookseite schreibt. Was ist euch auf eurer Reise aufgefallen?

Eva-Lotte: Es gab ein paar Sachen, die sich an allen Schulen durchgezogen haben. Die Schulleitung hat in Interviews immer gesagt, dass sie sich nicht an alle Regeln halten können. Wenn sie innovativ sein wollen, könnten sie nicht immer fragen, ob sie das dürften, sondern müssten einfach machen. Sie haben sich also klar dafür ausgesprochen, „zivilen Ungehorsam“ zu leisten.

Jonas: Als Erkenntnis aus diesen Gesprächen habe ich auch immer mitgenommen, dass ich Innovation in meine Organisation Schule nur integrieren kann, wenn ich in einem durchsetzbaren Rahmen Gesetzmäßigkeiten uminterpretiere und auch mal Zweifel im Kollegium links liegen lasse.

Eva-Lotte: Und die Beziehungsebene war immer sehr wichtig; innerhalb des Kollegiums sowie zu den Schülerinnen und Schülern. An der IGS in Göttingen ist zum Beispiel der Jahrgangsverband sehr stark, da dieser bis zur Oberstufe gleich bleibt.

Jonas: Genau, auf Schülerebene gibt es jahrgangsübergreifende Jahrgänge. An der Montessori-Oberschule in Potsdam arbeiten die Lehrenden in Teams zusammen, bereiten sich gemeinsam auf den Unterricht vor und geben sich über Team-Teaching Feedback.

Clara: Kann eine gewöhnliche Schule solche ausgearbeiteten Konzepte überhaupt stemmen oder bleibt es bei wenigen Modellschulen?

Eva-Lotte: Wir haben bis auf eine nur öffentliche Schulen besucht. Es scheint eine Frage von Zeit und Ausdauer zu sein. Eine Teamstruktur erfordert auch Teamsitzungen. Das ist enorm viel Extra-Arbeit. Die Lehrer_innen der Anne-Frank-Schule Bargteheide haben zum Beispiel durchweg gesagt, dass sich das aber lohnt. Und die ist eine reguläre Gesamtschule. Die Schulleiterin dort meinte, sie dachte, sie wäre vor zehn Jahren dort gewesen, wo sie jetzt stehen. Immer wieder arbeiten sie an ihrem Konzept. Das fand ich beeindruckend.

Clara: Und die Lehrer_innen haben Kapazitäten nach dem Unterricht noch über Schulkonzepte zu diskutieren?

Eva-Lotte: Ich finde, das müsste eine Grundanforderung an Lehrerinnen und Lehrer sein. Eigentlich geht es nicht, dass jemand an einer Schule arbeitet und sich nicht dafür interessiert, wie Bildung passiert oder wie man Unterricht besser gestalten kann.

Clara: Und wie macht man das?

Eva-Lotte: Es gibt nicht einen richtigen Weg, es gibt verschiedene Schultypen, die auf verschiedene Leute, verschiedene Schülerinnen und Schüler und verschiedene Lehrerinnen und Lehrer passen. Unsere Gruppe bestand aus neun bis dreizehn Leuten, die durch Deutschland gereist sind, und wir hatten ganz verschiedene Favoriten bei den Schulen. Das ist einfach persönlichkeitsabhängig. Deshalb finde ich es auch wichtig, so eine Verschiedenheit an Schultypen zu haben, um zu sehen, was zu einem passt.

Clara: Was zu einem Kind passt, das entscheiden ja auch die Eltern mit. Haben die einen Überblick über die verschiedenen Schultypen?

Eva-Lotte: Da besteht große Hilflosigkeit, weil es ganz wenige Informationsangebote gibt. Ein Positivbeispiel ist das Netzwerk Blick über den Zaun. Es gibt ganz viele solcher Netzwerke und ganz viele tolle Schulen. Als wir nach besonderen Schulen gesucht haben, wussten wir erst einmal gar nicht, wo wir anfangen sollen.

Clara: Euer Ansatz scheint ja ganz optimistisch. Warum seid ihr nicht dahin gegangen wo es weniger gut läuft?

Jonas: Sich auf die Suche zu machen nach Innovation und erfolgreichen Beispielen finde ich immer besser als defizitorientiert zu schauen. Sonst komme ich in so ein Umfeld, in dem ich nicht dazu ermuntert werde, Schulentwicklung zu betreiben oder Visionen zu spinnen.

clara_woopen[box style=“grey info rounded“ ]Clara Woopen (geb. 1994) studiert Geschichte und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. In ihrem Erasmus-Semester in Paris begegnete sie einem Bildungssystem, das besonders hierarchisch aufgebaut und auf die Vermittlung von vermeintlichen Fakten ausgerichtet ist. Ihre Schwierigkeiten in diesem System sensibilisierten sie für verschiedene Konzepte von Bildung. Clara unterstützte den Jungen Bildungskongress 2014 durch ihre Pressearbeit. [/box]

Clara: Wie setzt ihr diese Visionen und Entdeckungen eigentlich um oder seid ihr eher ein Diskussionskreis?

Eva-Lotte: Ganz unterschiedlich. Viele von uns arbeiten in außerschulischer Bildungsarbeit, da halten die neuen Entdeckungen Einzug. Dadurch, dass wir auch auf unserer Reise einen Eindruck gewinnen konnten, was geht und was möglich ist, kommen wir generell auf ganz neue Ideen.

Jonas: Wir haben die Großgruppe Kreidestaub, in der wir uns zum Beispiel über Veranstaltungen austauschen. Abseits davon gibt es auch Kleingruppen, die je nach Interessen zu verschiedenen Themen arbeiten. Aus so einer Gruppe heraus ist auch die Bildungsreise entstanden. Oder es gibt einen Arbeitskreis, der sich Gedanken zu einer alternativen Lehrer_innenbildung macht. Diese Gruppen arbeiten ganz autonom und machen dort, was wir in der Uni genau nicht machen. Wir versuchen auch, unsere Visionen und Kenntnisse nach außen zu tragen, etwa durch Artikel oder Interviews. Unser Wunsch ist es auch, dass Leute uns nachahmen und sich auf den Weg machen, sich das selbst zu organisieren, was ihnen im Studium fehlt.

 

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