Zwangsexmatrikulation kurz vor Studienende

An Mathe scheitern viele Studierende. Foto: Jakob Hürner/Flickr

An Mathe scheitern viele Studierende. Foto: Jakob Hürner/Flickr

In technischen Studiengängen fallen viele Studierende durch die Prüfungen der Grundlagenvorlesungen in Mathematik, einige auch mehrmals. Was fühlen und denken die Betroffenen? Unser Autor Paul Manns hat einen Studierenden und einen Dozierenden befragt, die das Problem ganz unterschiedlich kennen.

Es ist Freitagnachmittag. Marius* sitzt im Computerpool des Informatikfachbereichs der TU Darmstadt und bespricht mit einem Kommilitonen den Stoff der Veranstaltung Mathematik 3 für Informatik. Am Mittwoch steht die Prüfung an. Es ist der allerletzte Versuch. Falls der schiefgeht, folgt die Zwangsexmatrikulation.

Eigentlich verlief Marius‘ Informatikstudium bisher ganz ordentlich. Er befindet sich im siebten Semester und die Bachelorarbeit ist fast reif für die Abgabe. Seine Noten sind okay. Ein Semester länger als die Regelstudienzeit hat das Studium gedauert, das ist normal. Nur die Mathematik war nie sein Ding. Mathematik 1 lief noch gut. In Mathematik 2 gingen dann alle drei schriftlichen Versuche schief. Marius ist der Zwangsexmatrikulation nur entgangen, weil man an der TU Darmstadt einmalig die Möglichkeit hat, sich in einer mündlichen Ergänzungsprüfung auf eine 4,0 zu retten. In Mathematik 3 läuft nun fast das gleiche Spiel ab, nur dass es diesmal keinen vierten Versuch geben wird, falls der dritte schiefgeht.

Marius wirkt ruhig und nüchtern, wenn er darüber spricht. Auf die Frage, was er anders machen würde, wenn er nochmal mit dem Studium beginnen könnte, antwortet er, dass er die vielen Hilfestellungen, die es gibt, früher in Anspruch nehmen würde. In Tutorien und Übungsgruppen hätte er viel mehr Fragen stellen sollen, so lange, bis der Stoff und die Aufgaben wirklich verstanden gewesen wären.

In der Schule hat Marius mäßige Leistungen in Mathematik erbracht. Die elfte Klasse hat er krankheitsbedingt zu großen Teilen verpasst: Eine mögliche Erklärung, warum er sich mit dem zügigen und selbstständigen Bearbeiten von Aufgaben und insbesondere den Ableitungen so schwertut.

Jetzt geht es Marius nicht mehr darum, den Stoff zu verstehen. Jetzt müssen die wichtigen Aufgabentypen und ihre Lösungswege trainiert werden, bis sie sitzen. Das ist oft der Schlüssel, um die Prüfung zu bestehen.

Während der Bearbeitung von Aufgaben hapert es jedoch oft an der Geschwindigkeit. Ableitungen, Gleichungsumformungen und nützliche Eigenschaften elementarer Funktionen hat er oft nicht schnell parat und muss sie erstmal nachschlagen. Zwei handgeschriebene A4-Blätter darf er in die Prüfung mitnehmen. Da muss alles drauf, was sich nicht mehr ins Gedächtnis drücken lässt.

Hohe Durchfallquoten und Letztversuche aus Sicht eines betroffenen Dozenten

Robert Haller-Dintelmann kennt Probleme wie die von Marius zuhauf. Er forscht am Fachbereich Mathematik der TU Darmstadt und hält zur Zeit die Grundlagenvorlesungen Mathe 1 und 2 für die Studiengänge Informatik und Bauingenieurwesen. Seine Vorlesungen erhalten regelmäßig gute Evaluationsergebnisse. Trotzdem hat er ebenso regelmäßig hohe Durchfallquoten sowie Dritt- und Viertversuche in seinen Prüfungen. Letztversuche stellen eine nichtalltägliche Herausforderung für ihn als Dozenten dar. Besonders hart empfindet er es, Studierende in Letztversuchen durchfallen lassen zu müssen, wenn die Aufenthaltsgenehmigung des Studierenden für Deutschland von der Immatrikulation abhängt.

Die hohen Durchfallquoten im ersten Versuch erklärt er anhand dreier wesentlicher Punkte: Im Studium gibt es zwar sehr viele Angebote zur Unterstützung. Die Studierenden müssen sich jedoch aktiv bemühen, um vor der Klausur Feedback zu ihren Leistungen zu bekommen, indem sie etwa Übungsblätter zur Korrektur abgeben. Robert Haller-Dintelmann spricht damit genau das an, was Marius‘ im Nachhinein anders gemacht hätte.

In vielen Studiengängen, etwa Informatik, wird Mathematik an der Universität außerdem ganz anders unterrichtet als an der Schule: Aus Axiomen werden Aussagen hergeleitet anstatt Rechenregeln zu lernen und dann auf Aufgaben anzuwenden. Viele Studierende, die in der Schule nie Probleme hatten, tun sich an der Uni zu Beginn schwer, weil ihnen die Lernstrategien fehlen. Oft vollziehen die Studierenden Lösungswege nur nach, ohne sich von vorneherein selbst an eine eigene Problemlösung ranzuwagen.

Man muss Mut zum Schmierblatt haben!“

Die Studieneingangsgruppen der mathematiklastigen Studiengänge während des ersten Semesters könnten durch die Vermittlung von Lernstrategien ergänzt werden, meint der Dozent Haller-Dintelmann. Als oberstes Ziel sollten sie das Bilden von Lerngruppen aktiv unterstützen: „Lerngruppen sind das A und O. [Es ist wichtig,] dass sie [die Studierenden] nicht allein am Schreibtisch sitzen.“ Defizite erkennt man gerade dann besonders gut, wenn man anderen etwas erklären muss. Wichtig sind auch Mut und Wille, verschiedene Lösungsansätze einfach auszuprobieren, weil man die richtige Lösungsidee im Gegensatz zur Schule meistens nicht sofort erkennen kann.

Es fehlt an einfachsten Dingen wie Bruchrechnen.“

Haller-Dintelmann sieht verschiedene Gründe, warum so viele Studierende zwei- oder dreimal durch Mathematikprüfungen durchfallen.

Viele haben einfach starke Prüfungsangst. Ein Problem, für das es an der Uni eigentlich Hilfs- und Beratungsangebote gibt. Die Anzahl der Prüfungsversuche generell zu erhöhen, hält er für falsch. Man sollte den Studierenden möglichst früh ehrlich mitteilen, ob sie für das Studium geeignet sind. Zudem sollte das Studium von Beginn an auch axiomatisch aufgezogen sein.1 Sinnvoller wäre es, den dritten schriftlichen Versuch in einen mündlichen umzuwandeln, damit eine Exmatrikulation nicht nur von schriftlichen Leistungen abhängt. Einigen Studierenden fehlen allerdings auch Kenntnisse aus der Schule, um in Übungsaufgaben und Klausuren einfache Zwischenschritte durchführen zu können. Während abiturrelevante Rechnungen wie Kurvendiskussionen meist kein großes Problem für die Studierenden darstellen und auch während des Studiums geübt werden, haben viele Studierende große Probleme mit eigentlich grundsätzlichen Dingen wie Vorzeichenregeln und Bruchrechnen.2

Die Mathematik ist in einer privilegierten Position“

Gleichzeitig sieht Haller-Dintelmann die Mathematik in einer privilegierten Position, weil sie im Gegensatz zu anderen Studiengängen sehr viel Wissen aus der Schule voraussetzen kann. Er befürwortet daher den Ansatz, einen Teil des Mathematikstoffs der Oberstufe, wie Integral- und Differentialrechnung, dessen Sinn und Zweck sowieso oft nicht vermittelt werden kann, komplett in die Universität zu verlagern. Die dadurch verfügbare Zeit könnte dann für eine eingehendere Beschäftigung mit dem Stoff der Mittelstufe und Unterricht in wesentlich alltagsrelevanteren und daher leichter motivierbaren Gebieten wie Statistik verwendet werden. Außerdem könnte man ab und zu axiomatische Elemente in den Unterricht mit aufnehmen, um Schüler_innen eine Idee dafür zu geben, wie sich Mathematik entwickelt und was an der Uni auf sie zukommen könnte. Die Widerstände seitens der Universitäten gegen eine solche Reform schätzt er allerdings als hoch ein.

Eine Woche nach der Prüfung kam Marius‘ Ergebnis. Es ist knapp ausgegangen, aber er hat bestanden und kann das Bachelorstudium nun abschließen.

* Name geändert

1Ein Axiom ist eine Aussage, die ohne Beweis bzw. logische Ableitung aus anderen Aussagen als wahr angenommen wird. Ein Beispiel für ein Axiom aus der Mathematik ist die Aussage, dass zwei Mengen genau dann gleich sind, wenn sie die gleichen Elemente enthalten.

2Verwandte Probleme mit dem Stoff der Mittelstufe werden auch in anderen Fächern geäußert. Siehe hier.

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