Kein Richtig oder Falsch: Museen werden als Lernort unterschätzt

Lernort

Lernen nur in der Schule? Bild: Temari 09/CC/flickr

Am Rande des Jungen Bildungskongress‘ 2014: Clara Woopen im Gespräch mit Julia Hornig, Museumspädagogin der Willy-Brandt-Stiftung über Lernen außerhalb der Schule, wertungsfreie Persönlichkeitsentwicklung, zu wenig Zeit für Projekte und mangelnde Mitsprache von jungen Menschen.

Clara Woopen: Wie gefällt dir der Kongress und was zeichnet ihn für dich persönlich aus?

Julia Hornig: Ich finde die Form der Zukunftswerkstatt sehr spannend und die bunte Mischung an Teilnehmenden. So wie die Gruppe zusammengestellt ist, ist es ein tolles Spektrum, um unvoreingenommen miteinander zu diskutieren. Und die Arbeit in Zukunftswerkstätten empfinde ich als sehr fruchtbar: erst einmal Visionen zu spinnen und dann zu überlegen, wie wir der Utopie näher kommen können. In meiner Arbeit passiert so etwas viel zu selten, da geht es erst einmal um Machbarkeit und Finanzierbarkeit. Messbare Erfolge wie die Teilnehmerzahl sind oft wichtiger als Inhalte. Der Freiraum, über neue Formen nachzudenken, ist dort gar nicht so gegeben. Hier sind junge Menschen, die entscheiden wollen, was mit ihnen gemacht wird. Bei uns in den Institutionen ist der direkte Kontakt zu ihnen viel zu selten.

Clara Woopen: In den Zukunftswerkstätten „Schule“, aber auch „Außerschulisches und Kulturelles Lernen“ wurde die letzten zwei Tage viel darüber geredet, wie externe Expertise in den Unterricht eingebracht werden kann. Wie können Museumsbesuche die (Aus-)Bildung von Schüler_innen bereichern? Was kann Museum, was Schule nicht kann?

Julia Hornig: Ersetzen kann eine Führung eine schulische Auseinandersetzung jedenfalls nicht. Aber ein Museumsbesuch will ja auch etwas anderes sein als Unterricht. Wir wollen keine Inhalte vermitteln, die später abgeprüft werden. Wichtig bei Museumsbesuchen finde ich, dass die Schüler aus dem Klassenraum herauskommen, aus der Situation, dass ein Lehrer ihnen alles vorgibt und dass Lernen nur in der Schule passieren kann. In der Schule wird das, was der Lehrer sagt, oft als absolut gesetzt – in Museen gibt es die Tendenz zwar auch, aber mir ist es wichtig, dass Schüler dort bewertungsfrei Fragen stellen und ihre Meinung sagen dürfen. Museumspädagogen müssen klar machen, dass es nicht um „Richtig“ und „Falsch“ geht, sondern dass es eine Meinungsvielfalt gibt. Statt nur auf eine gezielte Wissensvermittlung zu setzen, legen wir auch Wert auf die Vermittlung von Kompetenzen und andere Methoden als die Schule. Und natürlich sollen Schüler die Wertschätzung erfahren für ihre Meinungen, sie sollen im Museum auch erfahren, dass sie als Persönlichkeiten ernst genommen werden.

clara_woopen[box style=“grey info rounded“ ]Clara Woopen (geb. 1994) studiert Geschichte und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. In ihrem Erasmus-Semester in Paris begegnete sie einem Bildungssystem, das besonders hierarchisch aufgebaut und auf die Vermittlung von vermeintlichen Fakten ausgerichtet ist. Ihre Schwierigkeiten in diesem System sensibilisierten sie für verschiedene Konzepte von Bildung. Clara unterstützte den Jungen Bildungskongress 2014 durch ihre Pressearbeit. [/box]

Clara Woopen: Wie funktioniert eure Zusammenarbeit mit Schulen?

Julia Hornig: In Berlin ist es unglaublich schwierig, die Schüler zu erreichen, gerade wegen des generellen Zeitdrucks an der Schule. Und Geschichte wird höchstens eine Stunde pro Woche kontinuierlich oder sonst nur ein Halbjahr lang unterrichtet – für uns bleibt da nur ein ganz kleines Fenster.

Clara Woopen: Ein kleines Fenster für Willy Brandt – was hätte dieser deiner Meinung nach heute auf dem Kongress mitteilen wollen?
Julia Hornig: Er hätte auf jeden Fall viel zugehört. Ihm wäre es wichtig gewesen, das große Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Die Politik der kleinen Schritte ist ja auch eine Methode, ein großes Ziel über eine lange Zeit hinweg zu verfolgen.

Clara Woopen: Wie schreitest du mit deinen Erkenntnissen vom Kongress weiter?

Julia Hornig: Persönlich habe ich viel mitgenommen, aber am Mittwoch bin ich auch in der Vorstandssitzung, in der ich nächste Ziele und Programme vorschlagen muss. Die Idee von mehr Partizipation der jüngeren Generation werde ich einbringen. Das Problem ist aber, dass Lehrer und auch Schüler meistens keinen Freiraum für Projekte haben, wie zum Beispiel die Erarbeitung einer Audioführung von Jugendlichen. Die bisherigen strukturellen Formen in der Schule sind dazu nicht in der Lage. Es bleibt da leider meistens bei Kurzzeitpädagogik.

Clara Woopen: Welche Veränderungen siehst du in Wissensvermittlung und Bildung heute im Vergleich zu früher? Wie sollte sie sich noch weiter verändern?

Julia Hornig: Ich merke, dass ich noch aus einem anderen Bildungszeitalter komme. Dass sich jeder überall im Internet informieren kann, das kenne ich gar nicht. Ich glaube, junge Menschen heute müssen viel eher lernen, mit diesem Überangebot umzugehen. Sie brauchen dazu dringend Instrumente, wie sie das Ganze sortieren, einordnen und bewerten können, als dass man ihnen einen festen Kanon vorgibt, der ohnehin in zwei Jahren überholt ist. Bildung ist so sehr im Umbruch begriffen, dass es fatal ist, dass jüngere Generationen zu wenig gehört werden, aber auch zu wenig in Gremien reflektiert wird über Ansprüche von Bildung. Ganz oft geht es leider bei Entscheidungen älterer Generationen – oft „60+“ – über die jüngeren darum, die eigenen Wertvorstellungen zu bestätigen. So wie Schule lange funktioniert hat, das reicht heute nicht mehr.

 

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