„Hurra! Academia für alle!“

Academia

Hut für alle? Foto: Joachim Schlosser

In regelmäßigen Abständen stellt die OECD fest, Deutschland bringe immer noch viel zu wenige Akademiker_innen hervor. Und auch sonst ist mit „mehr Bildung für alle!“ meist die Forderung nach „mehr Hochschule für alle!“ verbunden. Unsere Autorin Alena Biegert hinterfragt die Akademisierung aller Berufsgruppen und erinnert an die schönen Seiten des dualen Ausbildungssystems.

Right now, countries like Germany focus on graduating their high school students with the equivalent of a technical degree from one of our community colleges. So those German kids, they’re ready for a job when they graduate high school. They’ve been trained for the jobs that are there.“

So rühmte Barack Obama in seiner Rede zur Lage der Nation 2013 die Vorzüge einer Verzahnung von schulischer und berufspraktischer Ausbildung. Ganz richtig hat er das deutsche Schulsystem dabei nicht dargestellt, aber es kann elegant darüber hinweggesehen und sich über die Anerkennung durch den (immerhin) amerikanischen Präsidenten gefreut werden. Denn durchaus richtig erkannt hat er, dass das duale Ausbildungssystem in Deutschland junge Menschen auf ihren Beruf vorbereitet, während sie gleichzeitig noch zur Schule gehen und neben ihrer berufsrelevanten eine allgemeine Bildung erhalten.

Traditionell entscheidet sich in Deutschland die Mehrheit der Schulabgänger_innen für eine berufliche Ausbildung. Diese umfasst im Regelfall eine mehrjährige praktische Ausbildung in einem Betrieb und gleichzeitig den Besuch einer weiterführenden Berufsschule.

Doch nachdem die OECD jahrelang ihr sorgenvolles Mantra wiederholt hat, Deutschland produziere alarmierend wenige Akademiker_innen, und nachdem der Bologna-Prozess den Hochschulsektor vollkommen umgekrempelt hat, steigt die Zahl derjenigen, die ein Studium aufnehmen, rasant an. Bald wird vermutlich die Mehrheit eines Jahrganges an den Hochschulen landen.

Bald wird die Hälfte eines Jahrganges studieren

Was ist von dieser Entwicklung zu halten? Sollen wir sie blind bejubeln, weil gilt: mehr Akademiker_innen = niedrigere Arbeitslosenquote = höheres BIP? Und was bedeutet das alles eigentlich für das duale Ausbildungssystem?

Ein Grund für die bisherige niedrige Studierendenanzahl in Deutschland war auch die Attraktivität des beruflichen Ausbildungssystems – auch für Schulabgänger_innen mit Hochschulzugangsberechtigung. Die hochwertigen beruflichen Ausbildungsprogramme sind nicht nur eine Garantie für den durchgehend hohen Standard in Ausbildungsberufen, sondern zeugen von Wertschätzung für den Beruf und die erworbenen Fähigkeiten – ein Parkettleger ist ein verbriefter und versiegelter Parkettleger, komplett mit entsprechender Ausbildungsordnung und Rahmenlehrplan.

Die duale Ausbildung ist in der Regel darauf ausgerichtet, dass die Azubis später einen ganz bestimmten Beruf ausüben können, und durch die Einbindung der Betriebe wird gewährleistet, dass die erworbenen Kenntnisse tatsächlich von praktischem Nutzen sind. Und natürlich haben die Betriebe ein Interesse an einer möglichst gründlichen Ausbildung ihrer Mitarbeiter_innen. Laut IAB-Betriebspanel werden 2 von 3 Azubis später von ihrem Ausbildungsbetrieb übernommen.

Auch für die zukünftigen Kaufmänner, Mechatroniker und Metallschleiferinnen lohnt sich das duale System – schließlich erhalten sie bereits während der Ausbildung eine Vergütung ihrer Arbeit und genießen außerdem nach dem Ende der Probezeit weitgehenden Kündigungsschutz.

Das duale Ausbildungssystem hat sich für viele Berufe bewährt. Viele Fertigkeiten sind nicht theoretisch erlernbar und profitieren von der praktischen Vermittlung im Betrieb. Und dennoch steht heute auch die Akademisierung ehemaliger Ausbildungsberufe im Raum. Dies ist eine nur logische Konsequenz aus dem kulturellen Wandel hin zu einer Gesellschaft, die ein Studium als die einzig erstrebenswerte Form von Bildung betrachtet. Gerade in den Gesundheits- und Pflegeberufen hat sich eine ganze Reihe von Bachelorstudiengängen etabliert – eine positive Entwicklung gerade für diejenigen, die sich später in ihrem Berufsleben entscheiden, auch leitende Aufgaben zu übernehmen.

Lieber Bachelor statt Bäcker?

Aber profitiert wirklich jeder Beruf davon, von Absolvent_innen eines Bachelorstudiums statt einer Lehre ausgeübt zu werden? Sicher nicht. Denn Bildung ist ein kostbares Gut ist, das jedem Menschen offen stehen muss. Aber wir verstehen dieses Prinzip falsch, wenn daraus die Ansicht folgt, nur an der Hochschule werde wirkliche Bildung vermittelt. Befürworter_innen der Akademisierung beklagen, in Deutschland bliebe ein riesiges Potenzial von Talenten ungenutzt. Steht dahinter nicht die Annahme, dass nur akademische Leistungen eine Gesellschaft bereichern? Solange wir nur ins „gesunde“ Mittelmaß jeder OECD-Statistik drängen und die Akademiker_innenrate unreflektiert in die Höhe schrauben, wird sich diese Denkweise lediglich verstärken. Wenn erst einmal 70% der Menschen eines Jahrgangs studieren und gleichzeitig fast alle ein Studium anstreben, wird das diejenigen, die in der Ausbildung landen, zu Verlierer_innen abstempeln.

Dabei steht der Glaube, möglichst viele „Höchstqualifizierte“ seien die treibende Kraft hinter wirtschaftlichem Aufschwung, auf tönernen Füßen, solange nicht miteinbezogen wird, dass die Marktwirtschaft in Deutschland traditionell anders strukturiert ist als beispielsweise im angelsächsischen Raum. Unternehmen hier beteiligen sich an der Ausbildung von Fachkräften und haben dafür den Vorteil, diese Ausbildung direkt auf den eigenen Bedarf zuschneiden zu können. Diese enge Verzahnung von Bildung und Wirtschaft, in der Betriebe in die Pflicht genommen werden, zur Ausbildung von Fachkräften beizutragen, ist neben Deutschland vor allem in der Schweiz und Österreich zu finden. Mit diesen Ländern lohnt sich ein Vergleich daher schon eher. Wirkt sich eine niedrigere Akademiker_innenquote wirklich negativ aus? Oder gibt es nicht eben Länder, zu deren Wirtschaftsmodell und Kultur ein praktisch orientiertes Ausbildungssystem ganz gut passt?

Seit der Finanz(Schulden/Euro/…)krise wurde der Zusammenhang zwischen Akademisierung und Deindustrialisierung glücklicherweise wieder diskutiert und die Dominanz der Finanzwirtschaft gegenüber dem produzierenden Sektor kritisiert. In einem solchen Klima wird es vielleicht leichter sein, Akademisierungstrends zu hinterfragen und sich auf die Vorteile eines Systems zu besinnen, das mehr als eine Form von Bildung zu schätzen weiß.