Zwingt die Professor_innen zur Weiterbildung!

Alternative Lehrmethoden? Foto: Sherman Geronimo-Tan/Flickr CC BY 2.0

Alternative Lehrmethoden? Foto: Sherman Geronimo-Tan/Flickr CC BY 2.0

Die dänische Universität Roskilde (Roskilde University Center, RUC) wurde 1972 als linke Reformuniversität gegründet und ist bekannt für ihren besonderen didaktischen Ansatz: Die Hälfte der Lehre wird in Gruppenprojekten absolviert. Die Gruppen finden sich selbst, suchen sich eine Fragestellung und bearbeiten die Frage so, wie sie es für sinnvoll halten. Der/die Dozent_in begleitet den Prozess nur in der Rolle des/der Expert_in. Unser Autor Lukas Daubner hat mit der Prorektorin für Lehre Hanne Leth Andersen über die Frage was gute Lehre ist, die Möglichkeit Lehrende fortzubilden, (Selbst-) Verantwortung und Anwesenheitszeit gesprochen.

LD: Hanne, in Deutschland bekommen Lehrende kaum eine didaktische Ausbildung und Lehre hat keinen besonderen Stellenwert für eine akademische Karriere. Wie können Universitäten unter diesen Bedingungen ihre Lehre verbessern?

HA: Ja, das ist in Dänemark ähnlich. In Roskilde ist es aber Tradition über Pädagogik und Didaktik nachzudenken, zu forschen und so die Lehre zu verbessern. In Aarhus [Universitätsstadt in Dänemark] haben wir vor einigen Jahren versucht, die Lehre zu verbessern, indem Weiterbildungen auf freiwilliger Basis angeboten wurden. Und wer kam? Die besten Lehrkräfte. Die wollen besser werden, aber die „Schlechten“ versuchen eher unauffällig zu bleiben. Deshalb haben wir das Angebot verpflichtend gemacht.

LD: Auch für die Professor_innen?

HA: Ja, sogar für die. Die haben mich dafür gehasst. Im RUC haben alle Wissenschaftler_innen jedes Jahr 28 Stunden für berufliche Weiterbildung („professional development“) zur Verfügung. Davon muss die Hälfte für pädagogische Weiterbildung verwendet werden. Durch verpflichtende Kurse allein geht es wohl nicht, aber ich denke, unser Weg, die Lehrenden aus einem Angebot auswählen zu lassen, kann auch in Deutschland funktionieren.

LD: Gibt es Sanktionen, wenn sich die Lehrkräfte nicht an die Vorgaben halten?

HA: Die Seminare sind verpflichtend! Die Verantwortung zur Überprüfung liegt bei den Dekan_innen, die diese Verantwortung nicht gerne tragen. Jedes Jahr gibt es ein Mitarbeitergespräch („Employee development dialogue“), indem sie auch prüfen, welche Fortbildungen besucht wurden.

LD: Würdest du sagen, dass die Nähe zwischen Studierenden und Lehrenden eine wichtige Voraussetzung für das Vertrauen in der hier stattfindenden Gruppenarbeit ist?

HA: Viel liegt an der Beziehung zwischen Studierenden und Lehrkräften. Wir haben zwei sich ergänzende Lehrformate: Projektkurse und Vorlesungen. Das wichtige ist, dass die Studierenden sich im Falle von Unzufriedenheit selbst in der Verantwortung sehen, diese auch zu äußern. Wenn die Universität die Verantwortung für alles übernimmt, werden die Studierenden verantwortungslos. Eine „Qualitätskultur“ („quality culture“) ist immer so schlecht wie der/die Studierende oder Dozent_in, der/die sich nicht verantwortlich fühlt oder das Dekanat, das nicht reagiert. Wir alle müssen unseren Beitrag leisten!

Doch auch die Art der Prüfungsleistungen ist wichtig, denn verschiedene Formen der Wissensüberprüfung binden Dozent_innen und Studierende mit ein und lassen diese mehr Verantwortung übernehmen.

LD: Wie wird damit umgegangen, dass es am RUC keine Kontrolle über die Anwesenheit der Studierenden gibt?

HA: Es gibt immer wieder die Kritik, dass die Lehre am RUC nicht genug Qualität aufweist und dass man deshalb die Präsenzzeit erhöhen sollte. Das ist ein großes Problem! Da die Studierenden selber die Verantwortung übernehmen, werden die Stunden nicht gezählt. Das kann man in der Schule machen, aber nicht in der Universität. An anderen Universitäten sagen die Rektor_innen, okay, wir garantieren euch mindestens 12 oder 14 Stunden Unterricht in der Woche. Dafür haben sie aber nicht mehr Lehrkräfte oder weniger Studierende. Also werden die Teilnehmenden in den Seminaren und Vorlesungen erhöht. Wir haben immer gesagt: es geht nicht um die Anzahl der Stunden, die ein Studierender im Vorlesungssaal sitzt. Das ist ein sehr veraltetes Verständnis von Lehre!Wir sollten lieber danach schauen, wie viel die Studierenden wirklich qualitativ selbstständig arbeiten. Eine Studie hier an der Universität hat gezeigt, dass die Studierenden, die sich am meisten über zu wenige Semesterwochenstunden beschweren, diejenigen sind, die am schlechtesten vorbereitet sind. Gleichzeitig müssen wir das „Modell Roskilde“ Studienanfänger_innen und Dozent_innen besser erklären und können nicht erwarten, dass es sich von alleine umsetzt. Es ist ein fantastisches Modell, wenn es funktioniert!

LD: Ist denn die Projekt- und Gruppenarbeit teurer als konventionelle Lehrformen?

HA: Das Problem mit den Zahlen ist immer, dass man nicht mehr aufhören kann, wenn man einmal angefangen hat zu rechnen. Wie teuer ist eine Stunde? Wie viel Vorbereitungszeit wird angerechnet? Wenn man immer nur auf die Zahlen schaut, wird man kaum eine Veränderung des Status quo erreichen. Betrachtet man die Vorbereitungszeit für Betreuung und Vorlesungen, ist das ‚Projekt-Modell‘ teuer. Aber das Besondere steht nicht in den Zahlen: Studierende können in Kleingruppen selbstbestimmt an Projekten arbeiten und dadurch zu Höchstleistungen motiviert werden.

Wir haben aber natürlich – so wie jede andere Universität auch – Studierende, die auf hohem Niveau arbeiten und solche, die weniger gut sind. Im Rahmen der Projektarbeit wird das besser deutlich, weil Projekte etwa online sichtbar bleiben. Das ist wichtig! Studierende können sehen, wie andere Gruppen gearbeitet haben und welche Lösungswege gut und welche weniger gut sind. Eine Hausarbeit oder Klausur verschwindet quasi mit der Abgabe.

LD: Gibt es Evaluationen der RUC Alumni? Haben sie bessere Jobaussichten, höhere Einkommen oder sind sie bessere Wissenschaftler_innen als die Absolvent_innen anderer Universitäten? Kurz, kann man einen positiven Effekt der Projektarbeit erkennen?

HA: Momentan wissen wir nur, dass Absolvierende des RUC in den 90er Jahren an erster Stelle standen, wenn die Industrieverbände gefragt wurden. Das war eine Überraschung, denn Roskilde hat doch eine Vergangenheit als marxistische Universität, als linke Keimzelle, als „schrecklicher Ort“, an dem nichts Produktives gemacht und nicht ernsthaft gearbeitet wird. Aber es ist eben nicht offensichtlich, ob gelernt oder gearbeitet wird. Ein spannendes Projekt fühlt sich vielleicht nicht wie harte Arbeit an, aber trotzdem wird dabei viel gelernt. Wie auch immer: die Absolvent_innen hatten Kompetenzen vorzuweisen, die andere in der Art nicht hatten, wie z.B. Teamfähigkeit, Probleme definieren und bewältigen. Gleichzeitig fehlt es ihnen manchmal an konkretem Faktenwissen. Mittlerweile haben wir deswegen keine reine Projektarbeit mehr, sondern ein ausgearbeitetes Curriculum, in dem auch Faktenwissen vermittelt wird. Ich glaube trotzdem, dass statisches Wissen uns in einem lebenslangen Lernprozess nicht wirklich weiter bringt.

Aus dem Englischen übersetzt von Jana Holz

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