Aktiv für Kinderarbeit!

Kinder, zur Sonne, zur Arbeit. Foto: Tabea Schroer

Kinder, zur Sonne, zur Arbeit. Foto: Tabea Schroer

Kindheit gilt hierzulande als geschützter Raum, Kinderarbeit als bekämpfenswert. Doch in Bolivien gibt es Kinder, die Geld verdienen wollen. Kann es für Kinder wirklich gut sein, arbeiten zu gehen? Welche Konsequenzen hat dies? Unsere Autorin Tabea Schroer hat sich mit Javier Vicente Reyes vom Dachverband der Kindergewerkschaften in Cochabamba (Bolivien) unterhalten und ist dabei auf einen unerwarteten Zusammenhang zwischen Kinderarbeit und Bildungsaufstieg gestoßen.

„Cochabamba! Cochabamba!“ rufen die Jungen am Plaza Bolívar in Quillacollo, einer Kleinstadt in den bolivianischen Anden. Das dreizehn Kilometer entfernte Cochabamba ist das Ziel der weißen Minibusse, die hinter ihnen stehen und deren Schiebetüren geöffnet sind, während sie auf Passagiere warten. Jeden Nachmittag ab etwa 16.00 Uhr sind es Kinder, die diese Ansagen machen. Kinder, vielleicht acht oder neun Jahre alt. Kinder, die arbeiten.

Kinderarbeit ist in Bolivien nicht verboten, wohl aber die Ausbeutung von Kindern. Als erstes Land änderte Bolivien diesen Passus 2008 in seiner Verfassung. Ab einem Alter von 14 Jahren dürfen Kinder dort offiziell arbeiten gehen. Sie haben ein Recht auf vertraglich geregelte Arbeitszeiten und dürfen nicht zur Arbeit gezwungen werden. Zudem wurde eine Reihe von Tätigkeiten definiert, die von Kindern nicht ausgeführt werden dürfen, darunter bspw. die Arbeit mit Insektiziden oder pornografischem Material. An das Mindestalter halten sich jedoch nur wenige, tagtäglich kann man auch jüngere Kinder bei der Arbeit beobachten. „Die Kinder und Jugendlichen arbeiten, weil es keine andere Möglichkeit gibt, weil der Staat uns kein Geld für Hefte und Bücher gibt,“ sagt Javier Vicente Reyes, einer der Verantwortlichen bei UNATsCO, der Unión de Niños, Niñas y Adolescentes Trabajadores de Cochabamba. Sie ist der Dachverband der dreizehn Kindergewerkschaften, die es in der viertgrößten bolivianischen Stadt Cochabamba gibt. Die Organisation setzt sich seit 2009 für die Rechte der arbeitenden Kinder und Jugendlichen ein, ihre Vorläufer hatten erheblichen Anteil an der Verfassungsänderung. Seit 2011 stellt die Provinzverwaltung ihnen ein Büro zur Verfügung. Javier kommt jeden Montag und Mittwoch hierher, manchmal auch donnerstags, das alles neben dem Studium.

Arbeiten, um zur Schule gehen zu können

Sein Vater arbeitete früher als Süßigkeitenverkäufer bis er durch einen Unfall arbeitsunfähig wurde. Die sechs Kinder mussten trotzdem durchgebracht werden, vom Staat gab es keine Unterstützung. Also begann Javier mit sieben Jahren, als Schuhputzer zu arbeiten. „Ich habe gesehen, dass es nötig war, also habe ich meinen Teil beigetragen,“ sagt er ganz selbstverständlich. Ob als Schuhputzer_in, Grabpfleger_in, Süßigkeitenverkäufer_in oder Ausrufer_in bei den Minibussen – durchschnittlich jedes vierte Kind zwischen 5 und 17 Jahren arbeitete im Jahr 2008 in Bolivien, um sich einen Arztbesuch, Klassenausflüge, Lebensmittel, Schulhefte oder Bücher leisten zu können. Letztere benötigen sie, weil sie neben der Arbeit auch zur Schule gehen. „Die Kinder und Jugendlichen müssen ihre Zeit gut organisieren, viele machen sich Wochen- oder sogar Monatspläne“, meint Javier. Zwei bis drei Stunden arbeiten sie durchschnittlich pro Tag. Entweder am Morgen, um nachmittags in die Schule zu gehen oder andersherum. In einem Land, wo im Krankheitsfall kein Verlass auf den Staat ist, sind vor allem die einkommensschwachen und kinderreichen Familien auf die Mithilfe der Jüngsten angewiesen.

Auch Kinder unter 14 Jahren sollen legal arbeiten dürfen

Wenn nicht durch ein Verbot der Kinderarbeit, wie kann den Kindern dann geholfen werden? Diese Frage haben sie in Bolivien kurzerhand selbst in die Hand genommen. Die Minibus-Ausrufer_innen von Quillacollo treffen sich jeden Samstag an der Plaza Bolívar für ihre wöchentliche Gewerkschaftsversammlung. Dann werden Einzelfälle diskutiert, im Falle von Misshandlungen wird gemeinsam nach Lösungen gesucht und die Vertreter_innen berichten das Neueste von der UNATsCo. „Immer wieder kommt es zu physischer und psychischer Gewalt bei der Arbeit, einige Kinder werden sozial ausgegrenzt und diskriminiert“, sagt Javier. „Deswegen besuchen wir die Arbeitsplätze der Kinder zweimal im Monat, jede Woche treffen sich zudem die Gewerkschaftsvertreter_innen zu Versammlungen.“ UNATsCO bietet den Kindern auf diese Weise einen Schutz, der vorher von keiner anderen Institution gewährleistet werden konnte.

Der Dachverband setzt sich außerdem politisch ein, das derzeitige Hauptziel ist die Abschaffung des Mindestarbeitsalters von 14 Jahren – so würden auch die Jüngsten während der Arbeit gesetzlich vor Ausbeutung geschützt. Zwischenzeitlich sah es so aus, als wären die Stimmen der jungen Gewerkschafter_innen gehört worden: Sie trafen den Präsidenten Evo Morales, der als Kind selbst auf einer Koka-Plantage arbeitete. Er zeigte Verständnis für die Forderungen der Kinder und Jugendlichen und versprach, das Gesetz an ihre Forderungen anzupassen sowie das Mindestalter herabzusetzen. Im Dezember 2013 nahmen die Kinder und Jugendlichen der UNATsCO an der landesweiten Mobilisierung aller Kindergewerkschaften in Bolivien teil. Inwieweit ihren Forderungen nachgekommen wird, ist allerdings noch offen, denn Bolivien ist Mitglied der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), die ein Mindestalter von 14 Jahren vorschreibt. Javier ist dennoch stolz auf ihre bisherigen Errungenschaften: „Früher waren wir Kinder und Jugendlichen Objekte, um die es in den Gesetzen ging. Jetzt sind wir Subjekte, die konsultiert werden, wenn ein Gesetz gemacht wird.“

Die (Gewerkschafts-)Arbeit öffnet Türen

Dass Kinderarbeit nicht nur schädlich für das Kindeswohl sein muss, zeigt Javiers eigene Geschichte: „Als ich klein war, war ich sehr schüchtern“, beginnt er. Er erzählt, wie er zuerst zur Kindergewerkschaft der Schuhputzer_innen kam und darüber schließlich UNATsCO kennenlernte. Dadurch eröffnete sich ihm eine andere Welt – es gab Weiterbildungen, Aufklärung über Rechte und Debatten über Probleme. „Ich lernte unsere Gesellschaft aus einer anderen Perspektive kennen und verstand unser Staatssystem besser. Und ich erkannte den Kampf, der notwendig war – für die Kinder“, sagt er heute. Javier ist nun 21 Jahre alt, er geht auf eine staatliche Universität und studiert soziale Arbeit. In Deutschland würde man ihn wohl einen „Bildungsaufsteiger“ nennen – der Vater Süßigkeitenverkäufer, der Sohn studierter Sozialarbeiter.

Es scheint nicht zum hiesigen Verständnis von Kindheit zu passen, doch für diese Kinder kann Arbeit ein wichtiger Schritt in eine andere Zukunft sein: Sie schafft die Grundlage für den Schulbesuch und kann zum Bildungsaufstieg verhelfen, wenn sie unter bestimmten Bedingungen stattfindet. Dafür sprechen auch die Zahlen: 98% der Kinder bei UNATsCO haben im letzten Jahr das Schuljahr geschafft, sagt Javier. „Das ist etwas, was uns motiviert, beides weiterhin gleichzeitig zu machen, zu arbeiten und zur Schule zu gehen“, fügt er hinzu. Kinderarbeit muss demnach nicht zwangsläufig mit Misshandlung und Ausbeutung verbunden sein. Die gängige Kritik wird insbesondere durch die Arbeit der Kindergewerkschaften entkräftet, die darauf reagieren und versuchen, Ausbeutung und Missbrauch zu bekämpfen. Die Reaktionen der Morales-Regierung zeigen ihnen außerdem, dass sie etwas erreichen können, wenn sie sich politisch für ihre eigenen Belange einsetzen – eine bessere Lehre kann eine Demokratie ihren Jüngsten wohl kaum an die Hand geben.

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