Hochschulräte und die Mär der direkten Steuerung

Räte

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In NRW wird derzeit hitzig über die Erneuerung des Hochschulfreiheitsgesetzes diskutiert und gestritten. Wirtschaftsvertreter_innen, Rektorate und allen voran Hochschulräte wehren sich mit Leibeskräften gegen die Veränderungen, die dem Kultusministerium wieder etwas mehr Kontrolle über die Hochschulen geben sollen. Insbesondere die Hochschulräte haben von den unter FDP Minister Pinkwart eingeführten Hochschulgesetzen profitiert. Die Hochschulräte, so argumentiert unser Autor Lukas Daubner, haben allerdings ein Legitimitätsproblem und müssten erst einmal erklären, warum sie als Akteure in NRW und anderswo so große Töne in dieser Diskussion spucken dürfen und was eigentlich ihre Daseinsberechtigung ausmacht.

In zwei Beiträgen wird sich hier dem Thema Hochschulräte genähert.

Teil Eins

Die Mär der direkten Steuerung

Hochschulräte verkörpern die fundamentalen Veränderungen, die sich seit gut 15 Jahren an deutschen Hochschulen abspielen. Sie versinnbildlichen für Kritiker_innen dieser Veränderungen das Zunehmen von wirtschaftlichen Interessen in Forschung und Lehre, Befürworter_innen sehen in ihnen dagegen einen Heilsbringer der effektiven Steuerung von Hochschulen.

Eine der zentralen Funktionen von Hochschulräten wird darin gesehen, dass diese die Hochschulen gegenüber der Gesellschaft öffnen sollen. Da Hochschulen größtenteils durch Steuern finanziert werden, soll die Gesellschaft auch mitbekommen, was in den „Elfenbeintürmen“ vor sich geht. Aufgabe der Ratsmitglieder ist es unter anderem, darauf zu achten, dass die Hochschulen nicht zu „nerdig“ werden und tatsächlich zur Lösung realer gesellschaftlicher Probleme beitragen.[1]

Die Forderung: Hochschulen sollen zentralistisch gesteuert werden

Hochschulräte sind dabei Teil eines Konfliktes zwischen Vertreter_innen des alten kollegialen Selbstverwaltungsmodells und einem neuen Managementmodell (vgl. Bogumil et al. 2013). Hochschulen, so die Fans des Managementmodells, sollen zentralistisch geführt werden und dafür wird eine Organisation mit starker Verwaltung und ebenso starker Führungsspitze benötigt. Die Fakultäten sollen weniger zu sagen haben.

Die Umgestaltung, oder ‚Organisationswerdung‘ (Brunsson & Sahin-Anderson 2000), von Hochschulen ist politisch gewollt: Sie sollen mehr Freiheit zum Planen und Entscheiden bekommen, und weniger diskutieren. Das ist die eine Lesart, eine andere wäre, dass sich die Politik verweigert weiterhin Forschung und Lehre zu verantworten und die finanziellen Verteilungskämpfe auf die Hochschulen abschiebt.

Die Politik hat ein Problem

Mit der zunehmenden Freiheit müssen die Hochschulen auch mehr Verantwortung tragen. Nachdem die Ministerien den direkten Einfluss über ihre Gelder aufgegeben haben, braucht es aus ihrer Sicht eine andere Kontrolle: Ganz im Zeitgeist des New Public Managements[2] wurde – angelehnt an Aufsichtsräte[3] in Aktiengesellschaften – die Institution der Hochschulräte erfunden. Diese sollen den Rektoraten bei ihrer Arbeit auf die Finger schauen, da diese zunehmend an Entscheidungsmacht gewinnen. Eine zunächst nicht ganz abwegige Idee.

Dabei erweist sich das Umbauen der Entscheidungsstrukturen allerdings schwieriger als sich das so mancher Bildungsstratege gedacht hat. Die Machtverhältnisse an Hochschulen sind andere als in Unternehmen. Es ist sehr schwierig, eine Hochschule – insbesondere Forschung und Lehre – hierarchisch, d.h. es gibt einen Befehl von oben und der wird unten befolgt, zu regieren. Außerdem kann Leistung nicht auf Knopfdruck abgefragt werden und ist oft erst Jahre später erkennbar. Zudem machen viele dezentrale Einflussstellen das Leben von Rektoraten schwer. Diese dezentralen Strukturen (Lehrstühle, Institute, Fakultäten) ermöglichen es aber zugleich, den hochspezifischen Belangen von guter Lehre und Forschung Rechnung zu tragen.

Einfluss der Wirtschaft

Trotzdem werden Hochschulräte mittlerweile als normal angesehen. Sie gehören zum Inventar der Hochschule. Dabei bemängeln viele Kritiker_innen, dass durch einseitiges Besetzen der Räte wirtschaftliche Interessen die Entscheidungen an Hochschulen beeinflussen und diese einzelnen Unternehmen oder ganzen Branchen als Entwicklungsabteilungen dienen.

Allerdings zeigt eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung (Bogumil 2007), dass Vertreter_innen der Hochschulräte ’nur‘ zu einem Drittel aus der Wirtschaft und einem weiteren Drittel aus der Wissenschaft kommen. Das restliche Drittel setzt sich aus Personen des öffentlichen Lebens, Politiker_innen und verschiedenen anderen Interessenvertreter_innen zusammen. Bei den Wirtschaftsvertreter_innen sind an Universitäten 77% von Großunternehmen. Das bedeutet, dass Konzerne eher einen Fuß in der Tür haben als mittelständische Unternehmen.

Folgt man diesen Zahlen, kann nicht einfach davon gesprochen werden, dass die Wirtschaft die Hochschulen durchdringt (an TU`s und FH’s sieht das – durch die naturgemäße Praxisnähe – ein bisschen anders aus). Problematisch ist vielmehr, dass aufgrund einer intransparenten Auswahl der Ratsmitglieder und der Arbeit des Rates, unklar ist, welchen möglichen Einflüssen diese unterliegen und warum Entscheidungen getroffen werden.

Trotzdem mischen Hochschulräte bei politischen Fragen oft kräftig mit. In NRW[4] sind sie zuletzt durch starken Widerstand gegen die Änderung des Hochschulgesetzes und hohe Gehaltszuschüsse für Rektor_innen aufgefallen (vgl. Lieb 2014).

Steuerung von Forschung und Lehre ist schwieriger als gedacht

Die ursprüngliche Vorstellung, dass Hochschulräte frischen Wind in die Hochschulen bringen und mit deren konstatierter Verschlafenheit aufräumen würden, hat sich mittlerweile zumindest teilweise verflüchtigt. Auch Verfechtern des Managementmodells ist klar geworden, dass eine zu starke hierarchische Steuerung von Forscherinnen und Forschern nicht zu besseren Ergebnissen in deren Arbeit führt. Allerdings hat nicht ein Wandel ihrer Ideologie zu dieser Einsicht geführt, sondern Konstruktionsfehler der Hochschulräte, die im Laufe der Jahre deutlich geworden sind:

Durch die geringe Sitzungszeit – im Schnitt kommen die Räte nur vier Mal im Jahr zusammen – ist es ihnen nicht möglich, sich an Entscheidungen der Fakultäten oder sogar in die Lehre sinnvoll einzumischen. Hinzu kommt, dass die Ratsmitglieder auf Informationen angewiesen sind, die meistens vom Rektorat der jeweiligen Hochschule zusammengestellt werden. Eine unabhängige Arbeit oder gar Kontrolle des Rektorats durch die Räte wird dadurch unwahrscheinlich. Ein drittes Problem betrifft die mangelnde Kompetenz der Mitglieder.

Nur selten handelt es sich bei den Ratsmitgliedern um Bildungexpert_innen. Erfahrung im Führen eines Unternehmens, im Wahlkampf oder mit dem Lobbying für Interessen befähigen nicht dazu, Entscheidungen über hochspezifische Lehrinhalte oder Berufungen von Professor_innen zu treffen. Einige Hochschulratsvorsitzende plädieren daher mittlerweile dafür, keine operativen Entscheidungen an Hochschulen mehr treffen zu müssen (vgl. Positionspapier Hochschulratsvorsitzende 2012). Sie sehen die Kernkompetenzen der Räte vor allem im Kontrollieren des Rektorats und der Beratung zur strategischen Ausrichtung der Hochschule (siehe dazu den zweiten Teil diesen Beitrags).

Wie schon oben festgestellt wurde, ist der Aushandlungsprozess zwischen dem alten und dem neuen Steuerungsmodell noch nicht entschieden und wird sicherlich noch für Jahre an den Hochschulen schwelen. Auch welche Rolle die Hochschulräte dabei spielen werden ist ungewiss. Wie es mit ihnen weiter gehen kann, wird zum Ende des zweiten Beitrags diskutiert.


Literatur

Bogumil, Jörg et al. 2007. Hochschulräte als neues Steuerungsinstrument? Eine empirische Analyse der Mitglieder und Aufgabenbereiche – Abschlussbericht der Kurzstudie. Im Auftrag der Hans-Böckler Stiftung.

Bogumil, Jörg et al. 2013. Zwischen Selbstverwaltungs- und Managementmodell. In: Edgar Grande et al. (Hg.) Neue Governance der Wissenschaft. Bielefeld: transcirpt.

Brunsson, Nils & Kerstin Sahlin Andersen (2000). Constructing Organizations: The Example of Social Sector Reforms. In: Organization Studies, 21(4), pp. 721-746.

Lieb, Wolfgang 2014. Akademischer Kapitalismus – Rektoren lassen sich von den Hochschulräten Managergehälter genehmigen.    http://www.nachdenkseiten.de/?p=20753

Positionspapier der Vorsitzenden deutscher Hochschulräte 2012. Hochschulräte als Organe einer autonomen Hochschule.

 


[1] Problematisch daran ist, dass angenommen wird, dass Wissenschaft zielgerichtet funktionieren würde. Also wir haben ein Problem X, dann müssen wir jetzt nur noch an einer Lösung Y suchen. Die Geschichte zeigt, dass die meisten weitreichenden Entdeckungen eher Nebenprodukte und Unfälle von Wissenschaft waren. Gleichzeitig ist es aber trotzdem eine legitime Forderung ‚der‘ Gesellschaft an die Wissenschaft Lösungen zu finden (und in einem gewissen Rahmen mag das auch möglich sein – in dem gleichen Rahmen, wie etwa Wirtschaft Rücksicht auf gesellschaftliche Belange nehmen kann).

[2] New Public Management bezeichnet die Übernahme von privatwirtschaftlichen Managementtechniken in der öffentlichen Verwaltung.

[3] In manchen privaten Hochschulen heißen die Räte auch tatsächlich Aufsichtsräte.

[4] NRW taucht hier häufiger auf, da wie bereits beschrieben, dort zur Zeit eine Auseinandersetzung über die Erneuerung  des Hochschulgesetzes herrscht. Außerdem diente das ‚Hochschulfreiheitsgesetz‘ von FDP Minister Pinkwart als Blaupause für Gesetzesänderungen in anderen Bundesländern.

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