Wissenschaftler_innen aller Hochschulen, vereinigt euch!

Dein Vertrag ist befristet, deine Überstunden unbezahlt und die Planungssicherheit für deine sogenannte Karriere reicht ungefähr fünf Minuten in die Zukunft? Sieht so aus, als hättest du das Glück in der Wissenschaft zu arbeiten. Unter welchen Bedingungen wissenschaftliche Mitarbeiter_innen an deutschen Hochschulen forschen, lehren und leiden, hat unsere Autorin Alena Biegert bei einem Treffen der ver.di-Initiative Fairspektive erfahren – und auch, warum das nicht so sein muss.

Wissenschaftler_innen stellen die intellektuelle Elite des Landes. Wer an der Hochschule forscht und lehrt, hat es in den Elfenbeinturm geschafft und damit ausgesorgt. So dachte ich früher, als ich in einem kleinen Dorf gleich neben einer Universität lebte und mein Bild der Wissenschaft geprägt war von altehrwürdigen gutbetuchten Professor_innen jenseits der 50: Haus im Grünen, zwei Autos in der Einfahrt. Dann kam ich an die Uni und begegnete habilitierten Privatdozent_innen, die seit Jahren auf die Berufung warteten, drittmittelfinanzierten Doktorand_innen, die meine Hausarbeiten in ihrer Freizeit korrigierten, und unbezahlten Lehrbeauftragten, die verzweifelt versuchten, den Fuß in die Universitätstür zu bekommen.

Befristung, Teilzeit und Drittmittelabhängigkeit bilden den Normalfall an den Hochschulen

Die schlechten Arbeitsbedingungen des akademischen Mittelbaus sind seit Jahren bekannt. Das Thema flackert immer wieder kurz auf, wird in einzelnen Artikeln aufgenommen, aber zu einer Skandalisierung ist es nie wirklich gekommen. Keine nationale Debatte, nicht einmal ein kleiner Twitter-Shitstorm. Und das, obwohl alle paar Jahre Studien belegen, dass die Zahl der Befristungen weiter zunimmt, Teilzeitbeschäftigung an der Tagesordnung ist und tausende von wissenschaftlichen Mitarbeiter_innen im Halbjahrestakt Förderanträge stellen, um ihre Projekte weiterführen zu können. Zuletzt zeigte das der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs von 2013. Der Anteil von befristeten Arbeitsverträgen sei zwischen 2000 und 2010 von 79 auf 90 Prozent gestiegen, die Teilzeitbeschäftigung von 38 auf 45 Prozent und die Drittmittelfinanzierung von 36 auf 43 Prozent.

Möglich macht’s eine Lücke im Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG), das 2007 in Kraft getreten ist und Befristungen eigentlich beschränken sollte. Wer in Deutschland zwölf Jahre lang in befristeten Verträgen gearbeitet hat, darf sich auf keine neue befristete Stelle bewerben: sechs Jahre bis zur Promotion, sechs Jahre danach. Wer danach nicht gerade mit fertiger Habilitation bereit steht und den dazu passenden Ruf auf eine Professur erhält, muss entweder eine unbefristete Stelle finden oder sich außerhalb der Universität umschauen. Das WissZeitVG erlaubt allerdings die weitere befristete Anstellung in drittmittelfinanzierten Projekten. Und so hangeln sich wissenschafliche Mitarbeiter_innen von einem befristeten Vertrag zum nächsten, dessen Laufzeit immer häufiger weniger als 12 Monat ist, immer in der Hoffnung, dass es doch noch klappt mit der Festanstellung und der Karriere in der Wissenschaft. Bis sie sich mit Ende 40 festgefahren haben und den Wechsel in die freie Wirtschaft womöglich auch nicht mehr schaffen.

Nach dem Professor kommt erst einmal lange, lange gar nichts

Den Grund für diese Misere findet man in den Strukturen des deutschen Wissenschaftssystems, in dem nur Professor_innen eigenständige Forschung betreiben dürfen. Alle anderen sind „wissenschaftlicher Nachwuchs“. Dahinter steht eine grobe Fehleinschätzung: Das wirkliche wissenschaftliche Arbeiten beginne erste mit der Berufung auf den heiligen professoralen Stuhl. Alles was davor komme – die Promotion, die Feldforschung, die großen und kleinen Projekte, die Lehraufträge – all das sei nur „Qualifikation“, die in erster Linie dem angehenden Forscherlein selber diene. Und weil „Lehrjahre keine Herrenjahre sind“, sind die Arbeitsbedingungen im akademischen Mittelbau eben so prekär, wie sie sind.

Dieses System verkennt, dass der Hochschulbetrieb ohne wissenschafliche Mitarbeiter_innen überhaupt nicht funktionieren würde. Das gilt für die Forschung genauso wie für die Lehre, die hauptsächlich vom Mittelbau gestemmt wird.

Wenn sie also so unverzichtbar für die Hochschulen sind, wieso fällt es den wissenschaftlichen Mitarbeiter_innen dann so schwer, ihre Interessen durchzusetzen?

Es ist Mittwochabend. In einem großen Seminarraum an der Humboldt-Universität Berlin (HU) finden sich etwa 30 junge und nicht mehr ganz so junge Doktorand_innen und wissenschaftliche Mitarbeiter_innen ein, um über ihre Lage im Allgemeinen und das Haushaltsloch der HU im Besonderen zu sprechen. Eingeladen hat die „Fairspektive, eine Initiative der Gewerkschaft ver.di, die seit 2009 in Pilotprojekten an einzelnen deutschen Hochschulen aktiv ist. „Der Mittelbau muss sich doch eigentlich gewerkschaftlich organisieren, um dann zu sehen: Wie können wir diese Arbeitsbedingungen verbessern, was können wir eigentlich ändern?“, findet Britta Hamann von ver.di, die das Treffen leitet.

Im Gespräch benennt sie neben den ausufernden Befristungen Teilzeitstellen als zweites Hauptproblem, das die Fairspektive kritisiert: „Wir sind jetzt bei fast 40 Prozent der Angestellten, die eine Teilzeitstelle im Mittelbau haben, aber in der Regel viel mehr als ihre Teilzeit arbeiten. Da sind noch Verwaltungsarbeiten dabei und natürlich die Lehre – das alles meist neben ihrer Qualifizierung.“

Die erste Hürde auf dem Weg zur gewerkschaftlichen Organisation ist die Selbstwahrnehmung der Wissenschaftler_innen selbst. Die ist nämlich oft ordentlich verdreht: Aufgrund der hohen intrinsischen Motivation, mit der viele Wissenschaftler_innen an ihre Arbeit herangehen, stellen sie gar nicht mehr den Anspruch, diese Leistung auch unter guten Bedingungen erbringen zu wollen. „Die Leidensfähigkeit der Leute ist sehr groß“, erklärt Britta Hamann. Die derzeitigen Arbeitsbedingungen an der Hochschule haben sich schon so verfestigt, dass sie als normal angesehen werden.

Gegründet hat sich die Fairspektive 2009. Anstoß war die von ver.di in Auftrag gegebene Studie „Campus der Zukunft“, die den wissenschaftlichen Mittelbau an deutschen Hochschulen unter die Lupe nahm und „objektiv prekäre Bedingungen“ beobachtete. Daraus ergab sich die Idee, Wissenschaftler_innen dabei zu unterstützen, sich zu organisieren und eine Stimme zu finden. Wie weit das geht, hängt von der Gruppe selbst ab. „Das Projekt selber gibt kein klares Ziel vor“, betont Britta Hamann. „Wir würden natürlich gerne die Leute organisieren, wir würden gerne gestärkt in Tarifverhandlungen reingehen, denn dort können wir auch tatsächlich etwas erreichen“. Vorschreiben wolle man den Wissenschaftler_innen aber nichts. Sie selber sollen entscheiden, wie sie ihre Interessen vertreten möchten. Dies kann über Aktionen, wie jetzt zu den Sitzungen des Akademischen Senats der HU Berlin, bis zur Forderung einer Dienstvereinbarung gehen.

An der HU Berlin ist die Fairspektive seit Ende 2013 aktiv. Bisher hat es erst einige Treffen gegeben, aber es hat sich bereits ein harter Kern gebildet von Menschen, die immer da sind. Und seit bekannt geworden ist, dass das Haushaltsloch der Universität viele auslaufende Verträge im akademischen Mittelbau bedroht, kommen immer mehr. Niemand weiß, ob er oder sie am Ende des Jahres noch eine Stelle haben wird. Die meisten haben dies erst aus der Presse erfahren und sind wütend über das Verhalten der Universitätsleitung.

Diskutieren – Organisieren – Revolutionieren?

Natürlich müssen sich aber die Arbeitsbedingungen grundsätzlich ändern, um solche Unsicherheiten zu verhindern. Die kurz- und mittelfristigen Ziele der Fairspektive sind es darum, eine öffentliche Diskussion anzustoßen über die Arbeitsbedingungen an der Hochschule, und den akademischen Mittelbau bei der Organisation zu unterstützen. Langfristig wird es darum gehen müssen, das Hochschulsystem so zu verändern, dass nicht mehr eine winzige Pyramidenspitze aus wenigen Professor_innen einem Heer von prekär beschäftigten Wissenschaftler_innen gegenüber steht. Beispiele dafür, wie so etwas funktionieren kann, gibt es genügend. Hochschullehrer_innen, Tenure-track, Lecturer – warum sollte es in Deutschland nicht auch eine größere Bandbreite von Laufbahnen an der Hochschule geben? Wenn das einzige Ziel der akademischen Karriere die Professur ist, dann endet das zwangsläufig für einen Großteil der Wissenschaftler_innen in der Sackgasse.

Dies würde natürlich ein dramatisches Umdenken im deutschen Wissenschafsbetrieb bedeuten und den Abschied von, wenn nicht liebgewonnenen, dann doch liebgewöhnten Strukturen. Ein Schritt in die richtige Richtung wäre es aber schon, wissenschaftliche Mitarbeiter_innen als das zu behandeln, was sie sind: der Kitt, der Forschung und Lehre zusammen hält.

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