Wie kann Hochschulpolitik sich aktuellen und zukünftigen gesellschaftlichen Problemen stellen?

Hochschulen schaufeln kein Geld. Foto: quapan/Flickr CC BY 2.0

Hochschulen schaufeln kein Geld. Foto: quapan/Flickr CC BY 2.0

Der ehemalige Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner macht im Oktoberheft der Neuen Gesellschaft/Frankfurter Hefte Vorschläge für die Hochschulgrundfinanzierung nach 2017. Damit stößt er eine wichtige Debatte an. Seine Diagnosen sind richtig, allein seine Schlüsse zeugen von einer ambitionslosen Hochschulpolitik, wie sie für die letzte Dekade kennzeichnend war, und ignorieren die Zukunftsprobleme im System, findet Rainald Manthe.

Die Hochschulen haben sich in den letzten Jahren verändert

Hochschulen finanzieren sich zunehmend über Mittel, deren Laufzeit befristet ist. Einige Hochschulen bestreiten sogar bis zur Hälfte ihres Budgets aus solchen Mitteln. Diese sogenannten Pakte laufen in den nächsten Jahren zunehmend aus, ohne dass geklärt wäre, wie sie weiter bezahlt werden sollen. Die Grundfinanzierung der Hochschulen, die im deutschen Bildungsföderalismus von den Bundesländern gestemmt wird, nimmt seit Jahren im Vergleich zu den zunehmenden Angeboten der Hochschulen ab. Es bleibt immer weniger Geld für Forschung und Lehre übrig.

Gleichzeitig haben es Hochschulen nicht nur mit immer mehr, sondern auch mit einer immer heterogener werdenden Studierendenschaft zu tun. In der Forschung steigt der Leistungsdruck, darüber hinaus müssen Hochschulen neue Aufgaben in Bereichen wie Wissenstransfer, Übergang in den Arbeitsmarkt u.a. bewältigen. Eine ausreichende Finanzierung gab es dafür an keiner Stelle.

Es besteht Nachholbedarf in der Hochschulfinanzierung

Insofern ist Jürgen Zöllner zuzustimmen, dass ein Nachholbedarf in der Hochschulfinanzierung besteht, der sich in jährlichen, überdurchschnittlichen Mittelsteigerungen niederschlagen muss. Auch die Forderung nach einer längerfristig gesicherten Finanzierung (zehn Jahre) ist richtig, denn Hochschulen brauchen vor allem eins: Planungssicherheit. Gleichwohl verharrt Jürgen Zöllner mit seinen Forderungen in der Hochschulpolitik der letzten Dekade, ohne sich den aktuellen und zukünftigen Problemen des Hochschulsystems anzunehmen. Drei Beispiele:

1) Jürgen Zöllner möchte die durch die Exzellenzinitiative geschaffenen Strukturen (Graduiertenkollegs, sogenannte Exzellenzcluster und die Exzellenzuniversitäten) auf Dauer stellen. Dagegen ist erst einmal nichts einzuwenden, gibt es diese Strukturen ja, egal, was man von der Exzellenzinitiative halten mag. Ebenso soll laut Zöllner die seit Jahren steigende Finanzierung außeruniversitärer Forschungseinrichtungen weiter steigen. Allein: Es gibt drängendere Probleme im Hochschulsystem als die Spitzenforschung, zumal in Studium und Lehre. Wo bleibt die Antwort auf das Problem, dass Hochschulen mit einer zunehmend heterogenen Studierendenschaft umgehen wollen und müssen? Wo bleiben Vorschläge dafür, wie Hochschulen mit dem Ansturm von Studierenden, der laut Berechnungen über 2020 hinaus anhalten soll, umgehen können? Eine Verstetigung der Finanzierung exzellenter Forschung gibt hierauf keine Antworten – sie bindet nur knappe Mittel. Antworten würde man sich allerdings wünschen, denn das Hochschulsystem ist heute vorwiegend auf Studierende mit bildungsbürgerlichem Hintergrund eingestellt (vgl. die Ergebnisse der Untersuchung CHE Quest). Fachkräftemangel und demographischer Wandel machen es jedoch dringend erforderlich, sich auch auf die Bedürfnisse anderer Studierendengruppen einzustellen. Nur so kann dem großen Defizit in Sachen Chancengerechtigkeit begegnet werden.

Studiengebühren für ausländische Studierende sind keine Lösung

2) Zöllner fordert, Nicht-EU-Bürger durch Studiengebühren für ausländische Studierende an der Finanzierung der deutschen Hochschulen zu beteiligen. Freilich nur, sofern der Bund nicht für alle ausländischen Studierenden aufkommen kann. Allerdings sind solche Vorschläge, die Geld sparen, in der Politik nur allzu willkommen. Zöllner argumentiert, dass hier ein großes, zahlungskräftiges und –williges Potential brach liegt.[1] Das Experiment Studiengebühren ist in Deutschland jedoch gescheitert, der politische Wille ging in eine andere Richtung. Warum dies nun an einer wehrloseren Gruppe von ausländischen Studierenden noch einmal probiert werden soll, in einem wohlhabenden Land wie Deutschland, bleibt völlig unklar. Will Deutschland dem Fachkräftemangel wirksam begegnen, sollten ausländische Studierende mit Kusshand angeworben werden, anstatt sie durch diskriminierende Studiengebühren abzuschrecken. Darüber hinaus schafft dieses Modell beinahe zwangsläufig zwei Klassen von Studierenden: die Zahlenden, und die Privilegierten.

3) Der gesamte Beitrag Zöllners ist geleitet von einer Wettbewerbsorientierung, welche die deutsche Hochschulpolitik nun schon eine Weile bestimmt. Sein Credo lautet: Wettbewerb zwischen Bundesländern und zwischen Hochschulen ist leistungsfördernd. Dies wird seit Jahren unhinterfragt hingenommen, nähere Begründungen findet man kaum. Negative Effekte der Wettbewerbsorientierung, etwa die Vernachlässigung der Kernaufgaben von Forschung und Lehre zugunsten finanzkräftigerer Bereiche (die Forscher Wendy Espeland und Michael Sauder haben das am Beispiel amerikanischer Law-Schools gezeigt), die Übernahme immer weiterer Aufgaben durch die Hochschulen bei fehlender Gegenfinanzierung (was in der Wirtschaft nur in Ausnahmefällen überhaupt vorkommen würde) oder die Fokussierung auf Großforschungsprojekte inklusive der Ausbildung jobchancenloser Promovierter, werden dabei nicht einmal erwähnt.

Hochschulpolitik muss weg von Exzellenz und Wettbewerb

Es ist gut, dass Jürgen Zöllner sich immer wieder mit Ideen zu Wort meldet – denn ihm wird im Gegensatz zur jungen Generation zugehört. Seine Vorschläge greifen jedoch nicht die wirklich drängenden Probleme der deutschen Hochschulen und des deutschen Bildungssystems auf, allen voran das große Gerechtigkeitsdefizit. Die Hochschulpolitik muss sich von ihrer Orientierung an Exzellenz und Wettbewerb lösen. Sie muss Antworten auf die fehlende Chancengerechtigkeit, den Fachkräftemangel und den demographischen Wandel finden. Ein erster Schritt wären stabile, planungssichere Hochschulfinanzen.


[1] Freilich würde man vermuten, dass dieses zahlungskräftige Potential dann gleich an die Ivy-League Universitäten der amerikanischen Ostküste wandert, wenn es schon zahlen muss.

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