Verque(e)re Lehrpläne. Ein Gespräch über frischen Wind im Klassenzimmer

Foto: Michael Dr Gumtau/Flickr

Foto: Michael Dr Gumtau/Flickr

Seit wann ist Vergewaltigung in der Ehe strafbar? Wann wurde die erste homosexuellen Bewegung gegründet und seit wann darf eine Frau einen Job ohne das Einverständnis ihres Mannes annehmen? Das wisst ihr nicht? Aber keine Sorge: Das liegt nicht daran, dass ihr im Unterricht nicht ordentlich zugehört habt. Wie schwierig es ist, Themen der Geschlechtergeschichte im Unterricht zu verankern, erzählt uns Martin Lücke, Professor für die Didaktik der Geschichte an der Freien Universität Berlin. Und die Antworten auf die Fragen verrät er uns auch.

Wbiue?: Herr Prof. Dr. Lücke, nach unserem Eindruck gelingt es bislang nicht, das Thema sexuelle Vielfalt in den Unterricht zu integrieren. Woran liegt das?

Lücke: Das gelingt im Geschichtsunterricht zunächst nicht aufgrund der Lehrpläne, die sehr dicht formuliert sind und in großen politikgeschichtlichen Themen denken. Da geht es um Epochen, politikgeschichtliche Ereignisse, Verfassungen, Wirtschaftskrisen. Es kommt in den Rahmenlehrplänen nicht vor.

Wbiue?: In welchen Fächern könnte sexuelle Vielfalt behandelt werden?

Lücke: Es gibt einige gute allgemeinpädagogische Initiativen in Berlin, die eine sehr ordentliche Aufklärungsarbeit machen. Wenn wir in den Fachunterricht möchten, hätten wir die besten Chancen, das Thema im Ethikunterricht zu verankern. Der Ethikunterricht arbeitet ideengeschichtlich und hätte Platz für sexuelle Vielfalt und die Debatten, die es darum gibt. Der Ethikunterricht ist sehr neu, da kann man noch Themenvorschläge einbringen.

Wbiue?: Und der Biologieunterricht, wäre das eine Möglichkeit?

Lücke: Natürlich. Da kann man froh sein, wenn jenseits von essentialistischen Biologismen unterrichtet wird[1]. Die Biologiedidaktik ist gerade ganz massiv im Umbruch, aber die Konzepte müssen noch in der Unterrichtswirklichkeit umgesetzt werden. Geschlechtergeschichtliche Themen könnten aber auch in Mathematik und Physik unterrichtet werden.

Wbiue?: Mathematik und Physik?

Lücke: Ja. Zumindest wird es in Physik und Mathe vielleicht noch mal für große Unruhe sorgen, wenn man einerseits zeigt, wie sehr das mathematische und physische Wissen männlich konnotiert ist[2]. Zum anderen kann man aufzeigen, welchen Anteil Frauen bei der Entwicklung vieler mathematischer Beweise oder in der Physik hatten. Man könnte den Zusammenhang zeigen zwischen diesen Fächern und der Art, wie so eine Fortschrittsgeschichte der technischen Entwicklung erzählt wird, die zu Geschlechterverhältnissen führt, in denen wieder eine klare Geschlechtertrennung stattfindet. Ich weiß nicht, ob das zu komplex für schulischen Geschichtsunterricht ist. Da haben es die geisteswissenschaftlichen Fächer, wie Deutsch, Englisch, Religion oder Ethik, einfacher.

Foto: © Martin Lücke

Foto: © Martin Lücke

Dr. Martin Lücke ist seit 2010 Professor für Didaktik der Geschichte an der Freien Universität Berlin. Er arbeitet vor allem zu Themen der Geschlechtergeschichte und verfolgt das Ziel, die Arbeit in der Schule mit geschlechtergeschichtlichen Themen zu verbinden, wobei er immer wieder feststellt, wie schwierig es ist, die Geschichte sexueller Vielfalt in den Geschichtsunterricht zu integrieren.

Wbiue?: Sie forschen in Berlin und waren Mitglied im Koordinierungsgremium zur Geschichte von Lesben, Schwulen und transgeschlechtlichen Menschen der Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen im Land Berlin. Wie würden Sie den Berliner Schulunterricht im Vergleich zu anderen Bundesländern verorten?

Lücke: Ich finde, da ist Berlin sehr fortschrittlich, weil die Senatsinitiative finanziell relativ gut ausgestattet war und ist, im Vergleich zu anderen Bundesländern. Es gibt Vorschläge in anderen Bundesländern Homophobie, Transphobie und sexuelle Vielfalt als Themen in den Schulunterricht zu integrieren. Dort soll es kostenneutral umgesetzt werden, so muss im Bildungsetat an anderer Stelle gespart werden. Wer gewinnt, ist der mit den stärksten Ellenbogen. Das lädt dazu ein, dass man sich gegenseitig zerfleischt. Dann müsste man bei den Opferverbänden der SED-Diktatur oder der jüdischen Gemeinde Einschränkungen machen, weil für ihre Themen kein Geld mehr da ist.

Wbiue?: Was wird denn an Berliner Schulen zu diesem Thema im Geschichtsunterricht bereits gemacht?

Lücke: Eigentlich bestehen in Berlin sehr günstige Rahmenbedingungen für den Geschichtsunterricht, weil wir ein sehr anspruchsvolles Kompetenzmodell haben, in dem es nur darum geht, dass die narrative Kompetenz der Schüler und Schülerinnen gefördert wird. Konkret bedeutet das: Eigentlich sollten Geschichtslehrer und -lehrerinnen nichts anderes tun, als den Schüler und Schülerinnen beizubringen, historisch zu erzählen. Das Modell ist sehr elaboriert und nimmt einen großen Teil im Rahmenlehrplan ein.

Wbiue?: Aber?

Lücke: Dann kommt man an einen Punkt und ab hier werden trotzdem die klassischen Themen wieder als verbindliche Inhalte genannt.

Geschichtslehrer und -lehrerinnen haben es zunehmend zu ihrem Gütekriterium gemacht, gut durch den Stoff zu kommen. Das führt leider zu der Meinung: “Wenn ich nicht bis zum Mauerfall komme, habe ich auch keinen guten Geschichtsunterricht gemacht.“

Wbiue?: Sie leiten das Projekt Queer History[3], das dieses Jahr entstanden ist und zu queeren Geschichtsthemen Fortbildungen für Lehrer und Lehrerinnen anbietet und Unterrichtsmaterial zur Verfügung stellt.

Lücke: In anderen Ländern – in Australien, Neuseeland, Großbritannien und den USA – gibt es bereits einen LSBTIQ (lesbisch-schwul-bi-trans-inter-queeren) oder Queer History Month. Dabei geht es darum, in einem Monat das Thema möglichst aus allen Kanonenrohren – wenn ich jetzt ganz martialisch werde –  auf die Schullandschaft zu schießen. Jetzt gibt es auch den bundesweit ersten Queer History Month im Februar in Berlin, für den unser Internetportal konkretes Unterrichtsmaterial zur Geschichte der Sexualität und der Geschlechterverhältnisse entwickelt hat und bereitstellt. Kern des Queer History Month wird außerdem sein, dass man bei uns an der Freien Universität Workshops buchen kann, die die Studierenden an den Schulen unterrichten werden. Wir führen außerdem Fortbildungen für Lehrkräfte zum Thema durch und nehmen Kontakt auf zu den Multiplikatoren und Multiplikatorinnen der geisteswissenschaftlichen Fächer in Berlin.

Wbiue?:  Wie wurde das Projekt bisher angenommen?

Lücke: Mittlerweile sehr gut. Wir hatten Fortbildungsveranstaltungen, die ausgebucht waren. Wir hatten eine sehr spannende Eröffnungsveranstaltung in einer Schule und haben dort eine queere Geschichtsstunde gemacht. Wir haben chronologisch Ereignisse aus der Geschichte der sexuellen Vielfalt aufgelistet, ohne die Jahreszahlen zu nennen. Da haben die Schüler und Schülerinnen das Verbot von Vergewaltigung in der Ehe gleich hinter den Scheiterhaufen im Mittelalter gepackt und nicht nach 1997. Sie haben aber die Gründung der Homosexuellenbewegung in den 1970er-Jahren verortet und nicht in den 1920ern. Das war dann auch produktiv verwirrend: eine Geschichte, die man nicht kennt, von der man aber interessante Sachen lernen kann.

Wbiue?: Wie haben die Lehrerinnen und Lehrer das angenommen?

Lücke: Lehrer und Lehrerinnen haben eine andere Wertschätzungsrhetorik. Die sind erst einmal sehr kritisch und fragen: 1. Geht das? 2. Kriege ich das in meinem Unterricht unter? Und 3.: Habt ihr Material, das so gut aufgearbeitet ist, dass ich es sofort umsetzen kann? Um diese drei Fragen ging es. Sie haben sich aber doch überzeugen lassen, dass Geschlechtergeschichte ein Thema ist, das unterrichtbar ist. Man kann sagen: ”Ich bin in diesem Schweinsgalopp durch die Weimarer Republik und muss irgendwann bis zum Nationalsozialismus kommen, jetzt kann ich aber auch statt Krisenjahr 1923 Transvestismus unterrichten. Da lernen die Schüler und Schülerinnen genau so viel über die Moderne.”

Geschlechtergeschichte untersucht, wie die Geschlechterrollen auf sozialer, politischer und kultureller Ebene in der Geschichte geprägt wurden und werden. Dabei sexuelle Vielfalten zu untersuchen bedeutet, den traditionellen Fokus auf die Rollen Mann/Frau aufzubrechen und stattdessen die Ganzheit sexueller und geschlechtlicher Identitäten einzubeziehen. Wir haben hier schon mal über das Thema berichtet.

Wbiue?: Wenn die praktische Umsetzung gegeben ist, was ist dann noch das Problem?

Lücke: Ein Einwand, der an der Stelle fast immer kommt, auch von Multiplikatoren und Multiplikatorinnen, ist, dass wir gerade „dieses Thema“ in Schulklassen mit einem sogenannten hohen Migrationshintergrund einbringen. Die Lehrer und Lehrerinnen sehen nicht, dass Kategorien in der Schule anders verlaufen und dass sie gerade mit Jungen türkischer Provenienz sehr gut über Flexibilität von Männlichkeitskonstrukten reden können, anstatt pauschal zu sagen, es gibt ein Problem mit Migrationshintergrund.

Ich glaube, die Lehrkräfte haben keine Lust auf Konflikte. Vielleicht verwenden einige diesen Einwand als Ausrede, um das Thema nicht unterrichten zu müssen.

Wbiue?: Was erwidern sie auf diese Kritik von Lehrern und Lehrerinnen?

Lücke: Ich vergifte immer ein wenig die Atmosphäre, indem ich sage: “Ihr seid Lehrer bzw. Lehrerinnen, ihr seid Menschen mit Mehrfachprivilegierung im Schulsystem und ihr schiebt den Tatbestand, dass sexuelle Vielfalt nicht unterrichtbar ist, auf Menschen, die Mehrfachdiskriminierung erleben. Das kann nicht sein. Es ist euer Job, aus eurer privilegierten Position heraus Themen so aufzubereiten, dass für Menschen mit Mehrfachdiskriminierung ein attraktives Bildungsangebot entsteht.”

Wbiue?: Ist die Sorge der Lehrkräfte eher, dass nicht auf die Sensibilität verschiedener Gruppen Rücksicht genommen wird, oder dass das Thema von den Schülern und Schülerinnen nicht angenommen wird?

Lücke: Die meisten erleben in der Tat den pädagogischen Alltag als hart und beschreiben diese Härte mit Kategorien wie Migrationshintergrund. Diese Redeweise ist ja auch unglaublich affin zu bildungspolitischen Debatten. Wenn man das als problematisch erkennt, hat man schon eine Diagnose des Bildungssystems, die eine Mehrheitsmeinung widerspiegelt.

Wbiue? Haben Sie erlebt, dass das Thema sexuelle Vielfalt in Klassen mit Migrationshintergrund nicht unterrichtbar ist?

Lücke: Wir haben noch nie problematische Rückmeldungen bezüglich der Projekte zu Sexualität aus Migranten-Communities bekommen.

In der Schule, in der wir waren, gab es keine Vorbehalte, über Sexualität zu sprechen. Jungs wie Mädchen, jedweder Provenienz, haben sich gemeinschaftlich darüber empört, dass Frauen erst 1970 arbeiten durften, ohne dass ihr Ehemann zugestimmt hat.

Wbiue?: Sollte man sexuelle Vielfalt nicht langfristig als normales Thema in den Diskurs bringen anstatt es als Besonderheit herauszustellen?

Lücke: Beides hat Vor- und Nachteile. Wenn man das Thema jetzt in den Durchlauf der Geschichte in die Normalcurricula einbinden würde, hätte man es natürlich fest im Fach integriert. Dann kann es aber auch, wie oft bei solchen Querschnittsthemen, wieder leicht untergehen. Aber Sie haben völlig recht: Es ist auch problematisch, es als eigenes Thema herauszustellen. Zum Beispiel macht man ein eigenes Thema zu Transvestismus in den 1920er-Jahren – dann kann natürlich der Eindruck zurückbleiben: Naja, da gab es so ein paar Verrückte, die halt die Kleidung des anderen Geschlechts tragen wollten. So what? Das birgt die Gefahr, eine Art Exotismus zu betreiben. Ich weiß nicht, was da die Lösung ist.

Wbiue?: Muss erst das allgemeine Verständnis für die Bedeutung der Geschlechterthematik, wie die pädagogischen Initiativen es vermitteln, entstehen oder das Thema zuerst im Unterricht vorkommen, damit sich ein Verständnis entwickelt?

Lücke: Wahrscheinlich muss beides passieren, aber die Fächer erklären ja den Schülern und Schülerinnen, wie die Welt funktioniert. In Mathe macht man Zinsrechnung. Warum? Weil wir in einer kapitalistischen Wachstumsgesellschaft leben. Prozentrechnung könnte man auch anhand von Hefekulturen lernen. Wenn wir wirklich die Inhalte in die Fächer kriegen, wäre das toll.

Wbiue?: Herr Prof. Dr. Lücke, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führten Alena Biegert und Pauline Püschel.

 


[1] Unter essentialistischem Biologismus versteht man die Annahme, dass Menschen und ihre sexuelle Identität allein von biologischen Gesetzmäßigkeiten abhängen.

[2] Dieses Thema wird z.B. von einer Arbeitsgemeinschaft des Fachbereichs Physik an der FU Berlin untersucht.

[3] Queer bezeichnet hier alle Formen abseits der heteronormativen Sichtweise.

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