Immer schön hetero bleiben, Kinder!? Baden-Württembergs Streit um sexuelle Vielfalt in der Schule

 

Gandalf-Darsteller Ian McKellen (Herr der Ringe) engagiert sich seit Jahren für eine größere Akzeptanz sexueller Vielfalt. Foto: Pete Birkinshaw/Flickr CC BY 2.0

Gandalf-Darsteller Ian McKellen (Herr der Ringe) engagiert sich seit Jahren für eine größere Akzeptanz sexueller Vielfalt. Foto: Pete Birkinshaw/Flickr CC BY 2.0

Wer vom heteronormativen Ideal abweicht an deutschen Schulen hat oftmals ein Problem. Das Thema sexuelle Vielfalt ist vielerorts noch immer ein Tabu. Baden-Württemberg will das jetzt ändern – und stößt auf unerwartete Hindernisse. Unser Autor Michael Grothe-Hammer hat sich die fragwürdigen Argumente der Gegner der Pläne einmal genauer angesehen.

Die Abneigung gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender, Intersexuelle und queere Menschen (LSBTTIQ) ist in der Schule weiterhin ein Problem. Homo- und bisexuelle Schüler_innen beispielsweise müssen mit Anfeindungen, Mobbing und sozialer Ausgrenzung rechnen. Das Suizidrisiko ist bei Ihnen drei Mal höher als bei heterosexuellen Jugendlichen. Auch Lehrer_innen, die sich outen, sehen sich oft mit Vorurteilen und Anfeindungen konfrontiert. Entsprechend groß sind die Hemmungen von LSBTTIQs sich offen zu bekennen. Viele verleugnen daher ihre sexuelle Orientierung. Erst 2012 zeigte beispielsweise eine Studie von Lutz Klocke von der Humboldt-Universität zu Berlin zur Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner Schulen, dass es noch immer eine weitreichende LSBTTIQ-Feindlichkeit gibt, die vor allem mit dem Unwissen der Schüler_innen zusammenhängt. Klocke kommt daher unter anderem zu dem Ergebnis, dass die Thematisierung sexueller Vielfalt im Unterricht entscheidend sei. So schreibt er: „In je mehr verschiedenen Jahrgängen und Fächern Lesbischsein und Schwulsein thematisiert wurde, desto besser wussten die Schüler/innen über LSBT Bescheid und desto positivere Einstellungen zu LSBT hatten sie.“

Wissen ist der Schlüssel

Wissen ist also der Schlüssel zu mehr Akzeptanz auf deutschen Schulhöfen. Dies hat auch die Politik erkannt. In immer mehr Bundesländern rückt „sexuelle Vielfalt in der Schule“ daher auf die Tagesordnung. So steht das Thema beispielsweise seit Jahren auf den Rahmenlehrplänen für die Berliner Schulen. Insbesondere hier lässt sich allerdings beobachten, wie groß die Vorbehalte und Widerstände noch immer sind. Politische Vorgaben sind das eine – sie in den Schulen auch umzusetzen ist eine ganz andere Sache. So trat in der bereits zitierten Untersuchung von Klocke ebenfalls zu Tage, dass 42% der Berliner Schulen das Thema entgegen der Lehrpläne nicht im Unterricht behandeln.

Akzeptanz sexueller Vielfalt in den baden-württembergischen Bildungsplänen

Es ist also ein langwieriger Prozess, das Thema „sexuelle Vielfalt“ zu den Schüler_innen zu bringen. Umso wünschenswerter ist es daher, wenn es auch andernorts endlich angegangen wird – so nun in Baden-Württemberg. Dort soll die Akzeptanz sexueller Vielfalt ab 2015 in den Bildungsplänen verankert werden. Dies hat das dortige Kultusministerium in einem Arbeitspapier niedergelegt. Der „Gesichtspunkt der Akzeptanz sexueller Vielfalt“ soll demnach in Zukunft fächerübergreifend behandelt werden. Konkret bedeutet das beispielsweise den Schüler_Innen einen „vorurteilsfreien Umgang mit der eigenen und anderen sexuellen Identitäten“ zu vermitteln.

Der Widerstand wächst

Dieser Plan führte dazu, dass im November eine Petition ins Leben gerufen wurde, um dieses Ziel zu verhindern. Im Zuge des Coming-outs des ehemaligen Fußballnationalspielers Thomas Hitzlsperger und der daran anschließenden Debatte um Homosexualität im Fußball rückt die Petition nun ebenfalls ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Sie hat mittlerweile zehntausende Unterstützer und gute Chancen auf Erfolg. Auch die Evangelische Landeskirche in Württemberg hat sich nun öffentlich auf die Seite der Gegner der Pläne des Baden-Württembergischen Kultusministeriums gestellt – wenn auch in recht moderater Tonlage. Sie fürchtet um Indoktrination im „sensiblen Bereich der sexuellen Identität“, bleibt ansonsten aber sehr vage in ihren Ausführungen.

Die fragwürdigen Argumente der Gegner von Akzeptanz sexueller Vielfalt

Anders der Initiator der Petition, Gabriel Stängle: Der Lehrer fürchtet „eine pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung an den allgemeinbildenden Schulen“. Konkret möchte er verhindern, dass den Schüler_innen in Zukunft vermittelt wird, dass alternative sexuelle Orientierungen und Identitäten nichts Schlechteres sind als Heterosexualität. „Aus der gleichen Würde jedes Menschen folgt noch nicht, dass jedes Verhalten als gleich gut und sinnvoll anzusehen ist“, so Stängle. Sind Heterosexuelle also demnach etwas Besseres als LSBTTIQs – weil letztere nicht „gleich gut“ sind? Als wäre dies nicht bereits genug Beleg dafür, dass offenbar selbst bei einigen Lehrer_innen eine weitere Aufklärung zum Thema notwendig ist, geht Stängles Petition noch weiter. So fehlt ihm sogar „die ethische Reflexion der negativen Begleiterscheinungen eines LSBTTIQ-Lebensstils“. Abgesehen davon, was denn ein LSBTTIQ-Lebensstil sein soll – als wäre dies ein Lebensstil – ist Stängle sich auch nicht zu schade sich bei gängigen Klischees zu bedienen und Homosexuelle beispielsweise mit HIV sowie Drogenmissbrauch in Verbindung zu bringen. Dass dies eigentlich auch nur ein Beleg für die Notwendigkeit einer besseren Aufklärung in den Schulen ist, scheint ihm entfallen zu sein.

Propaganda und Kinderfeindlichkeit?

Wenn man den Blick über die Petition hinaus auch auf die anderen Argumente der Unterzeichner der Petition ausweitet, werden zunächst weitere Wunderlichkeiten zu Tage befördert. Dort fühlt man sich stellenweise fast schon an die Argumente russischer Offizieller erinnert, wenn die Baden-Württembergischen Pläne als „Propaganda“ und „kinderfeindlich“ interpretiert werden. Einer der Petitionsanhänger meint gar: „So etwas gehört nicht in die Schule. Sollen unsere Kinder schon zu Schwulen und Lesben erzogen werden?“ Es ist nicht leicht zu verstehen, welche Logik hinter derart wirren Ausführungen steckt. Glauben solche Petitionsbefürworter ernsthaft, dass das Ziel eines vorurteilsfreien Umgangs mit sexuellen Identitäten dazu führt, dass Kinder ihre eigenen sexuellen Orientierungen verändern?

Akzeptanz oder Toleranz?

Für viele Petitionsanhänger scheint vor allem ein Detail der Pläne des Baden-Württembergischen Kultusministeriums ein Problem zu sein. So geht es im Arbeitspapier um die „Akzeptanz sexueller Vielfalt.“ Und eben dieses explizite Ziel der Vermittlung von „Akzeptanz“ erscheint für einige als Problem. Viele Petitionsbefürworter verweisen darauf, dass sie zwar für Toleranz, aber nicht für Akzeptanz seien. Toleranz von LSBTTIQs sei demnach in Ordnung. Akzeptanz bedeute hingegen „Indoktrination und Umerziehung“, so einer der Befürworter. Dabei geht es genau darum: Es geht um Akzeptanz. Denn was bedeutet Toleranz? Man toleriert vielleicht die Ruhestörung durch die Nachbarn bei einer Geburtstagsparty. Oder man toleriert es, wenn der Sitznachbar im Kino lautstark redet. Toleranz bedeutet Duldung, nicht aber das Akzeptieren eines Verhaltens als normal oder in Ordnung. Kann die Frage also wirklich lauten, ob LSBTTIQs „geduldet“ werden sollten – so als wäre es eine Bürde oder Belästigung, die es auszuhalten gilt? Eine reine Tolerierung von LSBTTIQs würde bedeuten, dass es in Ordnung wäre, eine Abneigung gegen Menschen mit homo-, bi- oder transsexuellen Orientierungen zu haben – und darüber den Kopf zu schütteln. Eben das kann nicht der Anspruch einer aufgeklärten Gesellschaft sein. Es geht um gegenseitige Anerkennung, Gleichberechtigung oder eben: Akzeptanz. Die Worte im Arbeitspapier des Baden-Württembergischen Kultusministeriums sind daher wohlüberlegt. Das Ziel ist es Schüler_innen zu sich gegenseitig respektierenden Menschen weiterzubilden – unabhängig von der sexuellen Orientierung. Helfen wir dabei!

Gegenpetition und Kampagne

Was bildet ihr uns ein? unterstützt daher die Gegenpetition zur eingangs erwähnten Petition „Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“. Und auch bei Campact gibt es bereits eine Kampagne zur Unterstützung der Pläne des Baden-Württembergischen Kultusministeriums, mit zehntausenden Unterstützern.

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