Statistik bestimmt die (digitale) Welt – Was geht das die Schule an?

Bestimmt Statistik über unser Leben?

Bestimmt sie über unser Leben? Foto: Lendingmemo/Flickr

Wir haben es mit immer größeren Datenmengen zu tun. Um diese zu beherrschen, stellt Statistik ein wichtiges Instrument dar. Doch in der Schule wird Statistik höchstens rudimentär behandelt. Um als mündige Bürger in der Informationsgesellschaft bestehen zu können, muss sich das ändern, kommentiert unser Autor. 

Ein Grundproblem der Informationsgesellschaft lässt sich mit einem Zitat des Zukunftsforschers John Naisbitt auf den Punkt bringen:

„We are drowning in information and starving for knowledge.“

Der Schlüssel zu Wissen und Erkenntnissen liegt heute in der Beherrschung der immer größeren Menge an Informationen. Die gigantischen Datenmengen, die rund um die Uhr rund um den Globus anfallen, können nur mit statistischen Methoden erfasst, analysiert und interpretiert werden.

Allein Googles Suchmaschine verarbeitet 3,5 Milliarden Suchanfragen pro Tag. Diese müssen binnen Millisekunden auf Serverfarmen geschickt, ausgewertet, die Treffer auf die Nutzer_innen zugeschnitten und inklusive passgenauer Werbung zurückgeschickt werden. Zudem wird der Suchalgorithmus mit ihrer Hilfe ständig optimiert und an die Nutzer_innen adaptiert. Für alle diese Dinge benötigt man Statistik.

Wie das Beispiel von Google zeigt, ist Statistik integraler Bestandteil von Digitalisierung und Globalisierung und wird auch in Zukunft eine große Rolle spielen. Hal Varian, Chefökonom von Google, hat 2009 dazu bemerkt:

„I keep saying the sexy job in the next ten years will be statisticians and machine learners. […] The ability to take data — to be able to understand it, to process it, to extract value from it, to visualize it, to communicate it — that’s going to be a hugely important skill in the next decades.“

Wer sich im Internet bewegt, wird ständig statistisch ausgewertet und manipuliert: Klickt man oft auf Werbung von Jim Beam, Coca-Cola und Greenpeace, wird man auf Facebook, Google und Co irgendwann den Eindruck bekommen, dass die Welt nur aus Bourbon-’n‘-Coke-Trinker_innen und Umweltaktivist_innen besteht. Das Ziel dahinter ist es, den/die Nutzer/in in seiner Meinung zu festigen, schließlich soll er/sie das Nachfolgeprodukt kaufen. Einsichten gewinnen kann man jedoch nur, wenn man sich mit anderen Meinungen beschäftigt. So kann es leicht passieren, dass man nur mit Menschen diskutiert, die eine ähnliche Meinung haben. Gegenargumente werden weniger wahrgenommen und entsprechend entwickelt sich auch kein Verständnis für die Schwächen des eigenen Standpunktes. Das gilt für politische Themen genauso wie für Werbung. Immer auf dem neuesten Stand sein, wird mit Hilfe von Statistik leicht zu: Immer die neueste Werbung kriegen.

In der Schule kommt Statistik kaum vor

In der Schule werden vor allem die Grundzüge der Wahrscheinlichkeitsrechnung und der beschreibenden Statistik, also dem Ausrechnen von Kennzahlen wie dem Durchschnittswert, unterrichtet. Sie sind ohne Zweifel notwendig für das Verständnis komplexerer Problemstellungen. Allerdings wird viel Zeit damit verbracht, Kennzahlen von Stichproben relevanzloser Größe auszurechnen, Gleichungen umzuformen und Werte in Tabellen nachzuschlagen.

Diese Aufgaben unterscheiden sich also kaum von denen anderer Gebiete der Mathematik. Es werden die Tätigkeiten geschult, die auch der Computer erledigen kann, und das viel präziser und schneller.

Der wichtige Schritt, das Problem in Formeln zu überführen, wird oft vorweggenommen oder ad absurdum geführt, indem immer wieder das gleiche Problem gestellt wird: In der Nacht vor der Prüfung träumt dann jede/r davon, wie wahrscheinlich zwei Buben im Skat sind.

Die Schule arbeitet sehr wenig mit großen Datenmengen und der Überführung realer Problemstellungen in statistische Formeln. Will die Schule auch ein intuitives Verständnis für statistische Techniken und deren Macht vermitteln, muss der Unterricht dahingehend erweitert werden. Auf viele Probleme gibt es verschiedene Sichtweisen und Lösungswege. Drei Wochen das gleiche Thema, dann Prüfung, und das gleiche Spiel von vorn – dies erleichtert das Verstehen von Zusammenhängen nicht.

Schule muss Statistik alltagsnah vermitteln

Die Schule sollte ein größeres Augenmerk auf die Fragestellung und die Anwendung gegenüber dem Ausrechnen richten. Wichtige Fragen, um ein intuitives Verständnis von Statistik zu erlangen sind beispielsweise:

Welche Arten von Problemen können mit welcher Wahrscheinlichkeitsfunktion (nicht) modelliert werden und warum? Sowohl das Ergebnis meiner Würfe im Kniffel als auch die Zeit, zu der ich mit dem Bus in der Schule ankomme sind zufällig. Was ist eigentlich der Unterschied?

Welche Fallstricke gibt es hier? Storchenflug und die menschliche Geburtenrate entwickeln sich parallel, trotzdem sollte man nicht annehmen, dass sie einander bedingen.

Die Verfügbarkeit von Rechenleistung in jeder zweiten Hand- und Hosentasche lässt sich für die Projektarbeit zu solchen Fragestellungen ausnutzen. Schulen können sich große Datenmengen von Unternehmen oder aus dem Internet besorgen und ihre Schüler_innen die Welt erforschen lassen.

Bundesliga-Spieltagsvorhersage mit anschließendem Gang ins Wettbüro, Auswertung von Kaufverhalten im Edeka um die Ecke oder im Pausenimbiss. Solche Aufgaben können problemlos als Unterrichtsprojekte erstellt werden.

Erkenntnisgewinne sind inklusive: Auch der FC Bayern verliert mal, selbst wenn jedes Mal der Sieg das wahrscheinlichste Ereignis ist. Welche Produkte werden häufig zusammen gekauft – und was sagt das überhaupt aus?

Die Kosten für die Schulen halten sich in Grenzen: Mächtige Statistiksoftware ist gratis und open source verfügbar. Spottbillig ist gar kein Ausdruck mehr für den Preis von Rechenleistung.

Glaube einer Statistik! Aber nur wenn du sie ausführlich betrachtet hast

Um mit großen Datenmengen und Statistiksoftware zu arbeiten, benötigt man (in geringem Umfang) Programmierkenntnisse. Will man SchülerInnen mehr Einsichten in Möglichkeiten und Grenzen der Statistik ermöglichen, müssen sie also programmieren können. Das Problem reduziert sich dadurch, dass an Schulen verstärkt Informatik unterrichtet wird.

Um Aussagen mit Hilfe von Statistik zu treffen, sind neben Zahlen immer auch Erklärungen notwendig. Man kann Aussagen leicht aus dem Zusammenhang reißen und verfälschen, wenn man diese Erklärungen weglässt oder die graphische Darstellung geschickt wählt. Genauso können Aussagen verfälscht werden, wenn die Datenbasis geringfügig manipuliert wird, indem zum Beispiel Ausreißer weggelassen werden.

Mehr Statistik im Schulunterricht bedeutet auch, dass die SchülerInnen mit diesen Problemen und Manipulationsmöglichkeiten vertraut gemacht werden müssen.

Trotz ihrer Vorteile taugt Statistik natürlich nur für bestimmte Probleme. Zur Bewertung von moralischen Fragen zum Beispiel nicht: Wenn in einem Land 0,2 % der Menschen hungern, ist das statistisch nicht bedeutsam. In Deutschland hieße das aber, dass 160 000 Menschen hungern. Charakterbildender Unterricht sollte also nicht unter Statistik leiden.

Und jetzt?

Statistische Methoden ermöglichen es, die gigantischen Datenmengen im Informationszeitalter zu beherrschen und Erkenntnisse aus ihnen zu ziehen. Mit der 24/7-Verfügbarkeit von billiger Rechenleistung können sie jedem zugänglich gemacht werden.

Da Statistik leicht manipulierbar ist und Zahlen oft unkritisch geglaubt werden, ist es wichtig, die SchülerInnen darüber aufzuklären. Schulunterricht kann die neueste Werbung nicht verhindern, aber den/die SchülerIn anregen, die beworbenen Produkte (und damit sich selbst) kritisch zu betrachten.

Wer noch weiter wissen will, warum ein Grundverständnis von Statistik wichtig ist, dem sei folgender Beitrag des bayerischen Rundfunks empfohlen: BR-Beitrag.

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