Service Learning: Studieren mit Engagement

Service Learning

Studieren nur im Hörsaal? Nicht an der Uni Halle. Foto /Flickr

Gerade an ostdeutschen Hochschulen wird darüber nachgedacht: Wie können mehr Studierende gelockt werden. Die Universität Halle wirbt mit dem sogenannten „Service Learning“ als eine Variante. Eine neue Lehrmethode, die Studierende außerhalb der Vorlesungssäle ausbildet. Um diese erfolgreich zu etablieren, müssen aber noch viele Hürden genommen werden.

Studieren, sich engagieren und dabei lernen – so kann man das Konzept „Service Learning“ kurz beschreiben. Anders gesagt: Es ist eine neue Lehrmethode an Universitäten. Studierende können bei Organisationen in der Region arbeiten und zwar an Projekten, die direkt mit dem Studieninhalt verknüpft sind. Das organisieren die Hochschulen. So sollen Studierende das im Studium gelernte gleich in der Praxis anwenden.

Die 23-jährige Anne Geschonneck studiert Jura in Halle, mit dem Schwerpunkt Migrationsrecht. Seit etwa einem Jahr nimmt sie an Service Learning teil, und sitzt somit nicht nur in der Vorlesung, in der die rechtliche Lage von Asylbewerbern behandelt wird, sondern: Eine Beratungsorganisation für Migranten schickt ihr und einigen Kommilitonen anonymisierte Fälle von Hilfesuchenden. Anne Geschonneck wälzt dann Bücher, um eine Lösung zu finden. Außerdem touren die Studierenden durch Mitteldeutschland und klären Flüchtlinge über ihre Rechte auf. Dafür hat sie zusammen mit einigen Jura-Kommilitonen Vorträge auf Englisch , Französisch und für Analphabeten erarbeitet. Das ist Service Learning in Jura.

Studierende sehen es als Chance

In Halle gibt es unter anderem noch Projekte für Agrarwissenschaftler, die eine Befragung zu regionalen Produkten durchgeführt haben, und für Erziehungswissenschaftler, die beim Kinderhospizdienst arbeiteten, aber auch interdisziplinär für alle Bachelorstudiengänge. Der Effekt ist bei allen ähnlich wie bei Anne Geschonnek: „Man sieht plötzlich viel mehr Zusammenhänge und Verknüpfungen, die man vorher nicht gesehen hat. Durch die Vorträge sind wir auch tiefer eingestiegen als in der Vorlesung “, sagt sie. Außerdem könne sie gleich ausprobieren, ob sie so später einmal arbeiten möchte.

Seit 2007 bietet Halle Service Learning an. Mit solch einem Angebot gibt es bundesweit erst 56 Hochschulen. Service Learning kämpft derzeit noch um Bekanntheit. Die Worte Service Learning sind nicht eingängig und auch nicht selbst erklärend. Für einige Hochschulen gehört diese Art von Lehre einfach nicht zur Universitätsausbildung.

Mehr als nur eine Lehrmethode

Den ostdeutschen Hochschulen geht es aber nicht allein darum, Studierende zu fördern. Sie hoffen, dass sie durch Service Learning attraktiver für Studienbewerber werden. Außerdem sieht Christiane Roth, die Service Learning an der Hochschule in Halle organisiert, in Service Learning eine Chance, regionale Verbundenheit zu schaffen. Die ostdeutschen Hochschulen haben immer zu befürchten, junge Menschen auszubilden, die nach ihrem Abschluss abwandern. Durch dieses Lehrangebot – sei es bei der Arbeit für das Rote Kreuz oder bei den Familienpaten – können Jobs entstehen, oder ein Ehrenamt. So kann ein Grund da sein, in der Region zu bleiben.

Service Learning ist noch recht unbekannt

Bislang ist das Konzept noch nicht in den Universitäten verankert. „Service Learning hängt im Moment sehr stark an Personen“, sagt Christiane Roth. Wenn die Universität für Service Learning keine Stelle eingerichtet habe, hänge es davon ab, ob sich eine Mitarbeiter*in dafür engagiere.

An der Universität in Halle ist es der wissenschaftliche Mitarbeiter Holger Backhaus-Maul aus dem Fachbereich Erziehungswissenschaften, der Service Learning am Leben hält. Etwa eine halbe Million Euro hat er dafür eingeworben, um unter anderem Fahrtkosten für die Jurastudierenden zu bezahlen, aber auch die Stellen für die Mitarbeiter zu finanzieren, die das Programm organisieren. Die Martin-Luther-Universität Halle steht zwar hinter dem Lehrangebot, bezuschusst es aber nicht.

Die ostdeutschen Hochschulen haben es jedoch schwer, Sponsoren zu gewinnen. „Seit Anfang an arbeiten wir zusammen mit der Volksbank. Aber dann weitere Unternehmen mit ins Boot zu bekommen, auch nur mit vierstelligen Beträgen im Jahr ist eine große Herausforderung“, sagt Roth.

Ein weiteres Problem sei es, geeignete Partner zu finden. Denn Service Learning könne nur funktionieren, wenn die Projekte so gut sind, dass die Studierenden davon profitieren, sagt Roth. Gerade in strukturschwachen Regionen sei das ein Problem.

Damit Service Learning die ostdeutschen Hochschulen aufwerten kann, braucht es finanzielle Unterstützung vom Bund, so Christiane Roth. Außerdem müssen die Hochschulen dieses Lehrangebot besser integrieren, damit Studierende ihre Service-Learning Engagement künftig auch anrechnen lassen können. In Halle ist das noch nicht für alle Studiengänge möglich.

In einem Video stellt Christiane Roth die erste Studie zum Thema Service Learning an Hochschulen vor:

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