Bildungsproteste in Chile: Die Pinguine marschieren wieder

Alle Fotos/All Pictures: © Nanja Monas

Gerade fand die erste Runde der Präsidentschaftswahlen in Chile statt. Das Thema Bildung ist im Wahlkampf zentral: Vier Bildungsprotestler_innen wurden in das Parlament gewählt und Schüler_innen besetzten am Sonntag die Wahlkampfzentrale von Kandidatin Bachelet, da sie ihrem Versprechen von Bildungsreformen nicht glauben. Seit 2011 protestieren in Santiago de Chile Schüler_innen und Studierenden. Unsere Gastautorin Nanja Monas hat diesen Protesten ein Jahr Forschungsarbeit gewidmet, in dem sie nicht nur diese Kämpfe untersucht, sondern auch daran teilgenommen und mit vielen Studierenden über ihre Probleme, Wünsche und Forderungen gesprochen hat.

Willkommen in Santiago de Chile: eine Stadt mit hohen, modernen Gebäuden, riesigen Einkaufszentren überall und gut gekleideten, wohlhabenden Menschen. Doch schauet man genau hin, fliegen Steine durch die Luft und Tränengas vernebelt einem die Sicht.

In Santiago haben die Studierendenproteste seit 2011 Hochkonjunktur und gehören seitdem regelmäßig zum Stadtgespräch. Die Studierenden haben es geschafft, das Thema Bildung und seine großen Probleme auf die politische Agenda zu setzen.

Die Schüler_innen und Studierenden kämpfen gegen die ungerechten neoliberalen Züge des Bildungssystems. Sie fordern weniger Privatisierung und mehr staatliche Verantwortung in Bezug auf die Qualität und Finanzierung der Bildung.

Die Ungleichheit beginnt schon mit dem Eintritt ins Bildungssystem in der Grundschule. Momentan werden die Grund- und Sekundarschulen von den Kommunen verwaltet und finanziert. Was dazu führt, dass ärmere Kommunen oft schlechtere Schulen haben und reichere Kommunen bessere. Das war einer der Gründe die 2006 zu den großen Protesten führten, an denen vor allem Sekundarschüler_innen teilnahmen. Diese Proteste wurden die „Revolution der Pinguine“ genannt, weil die Protestierenden schwarz-weiße Schuluniformen trugen. Die „Pinguin-Revolution“ gilt als Beginn der heutigen chilenischen Studierendenbewegung.

Das derzeitige Bildungssystem stammt noch aus der Zeit des Diktators Augusto Pinochet, der 1973 brutal die Allende-Regierung stürzte und für 17 Jahre an der Macht blieb. Sein Regierungsstil war neoliberal, undemokratisch und repressiv. Das von Pinochet eingeführte LOCE-Gesetz, Ley Orgánica Constitucional de Enseñanza (verfassungsmäßiges Gesetz über das Schulwesen), bildet noch immer die Basis für das Bildungssystem. Dieses Erbe der neoliberalen Politik Pinochets führte zu dem noch heute marktorientieren Bildungssystem und zu Universitäten, welche größtenteils in der Hauptstadt Santiago liegen und als Public Private Partnership geführt werden.

     

Hoffnung nach Pinochet

Nicht nur die moderne Großstadt Santiago, auch die Statistik erweckt den Eindruck, Chile sei sozioökonomisch gut aufgestellt. So stieg zum Beispiel die Zahl der Hochschulabschlüsse zwischen 1995 und 2009 doppelt so schnell wie die in der OECD.

Diese positive Entwicklung zusammen mit dem Ende des Pinochet-Regimes ließ in der erwachsenen Bevölkerung Chiles die Hoffnung aufkommen, dass die nachfolgende Generation in besseren Verhältnissen wird leben können und mehr Möglichkeiten haben wird als sie damals. So erzählten mir alle meine chilenischen Gesprächspartner, dass heutzutage jeder studieren will, weil das Studium als der einzige Weg gilt, die soziale Leiter hinaufzusteigen und aus der Armut heraus zu kommen. Dementsprechend sind die Studierendenzahlen in Chile stark gewachsen: So besuchen heute 37 Prozent der Bevölkerung zwischen 18 und 24 Jahren eine Hochschule.[1]

Trotz dieser positiven Entwicklung und trotz der neuen Bestimmungen nach dem Pinochet-Regime ist die soziale Ungerechtigkeit in der chilenischen Gesellschaft immer noch weltweit unter den höchsten. Bis zu 80 Prozent dieser Ungleichheit ist zurückzuführen auf Ungleichheiten im Bildungssystem.[2] Die engagierten Studierenden der Protestbewegung erklärten mir, dass diese Ungleichheit zum Teil darauf zurückzuführen ist, dass die Studiengebühren in Chile im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt die höchsten weltweit sind. Sie erläuterten, dass das chilenische Bildungssystem neoliberal sei und private Hochschulen einer Unternehmenslogik folgen würden: Sie wollen Gewinn machen, statt für gute Lehre zu sorgen und damit ein Instrument für soziale Mobilität zu sein – wie sie es sein sollten.

 Nanja Monas hat vor kurzem ihren Master in Internationalen Entwicklungsstudien an der Universität von Amsterdam abgeschlossen. In ihrer Masterarbeit untersuchte sie die Struktur der Protestbewegung in Chile sowie die Rahmung und Vermittlung ihrer Forderungen und Aktionen.

In Chile kann man leichter eine Hochschule eröffnen als einen Schnapsladen

Obwohl das Gesetz gewinnorientierte Hochschulen verbietet, sehen viele chilenische Studierende in der Profitorientierung eines der Hauptprobleme, denn die privaten Universitäten nutzen Gesetzeslücken, um das Verbot zu umgehen und indirekt doch Gewinn zu erzielen. Sie eröffnen zum Beispiel Unternehmen, welche ihnen wiederum Gebäude zu irrwitzigen Preisen vermieten. So können die Universitäten den Studierenden höhere Studiengebühren abverlangen. Das bedeutet für die Studierenden hohe Schulden, so dass über 60 Prozent von ihnen diese Gebühren aus Krediten bezahlen müssen.

Wegen fehlender staatlicher Regulierung sind diese Gesetzeslücken bisher nicht gestopft und so ist es für jedermann sehr einfach, eine gewinnbringende Hochschule zu eröffnen. Das führt zu der skeptischen Redewendung unter Studierenden: In Chile ist es einfacher, eine Universität zu eröffnen als einen Schnapsladen.

Was passieren kann, wenn eine Universität gewinnorientiert handelt und zum Unternehmen wird, hat die Schließung der privaten Universität Universidad del Mar gezeigt. Über 18.000 Studierende wurden ohne Abschluss, aber mit hohen Schulden, stehengelassen. Weil die Universität obendrein auch in der Bildung qualitativ minderwertig war, ist es für die Studierenden nun schwierig, an anderen Universitäten angenommen zu werden. Die meisten müssen noch einmal von vorn beginnen. Die Schließung der Universidad del Mar steht symbolisch für die Folgen der Privatisierung von Hochschulen.

Die auf Gewinn ausgerichtete Hochschulbildung ist einer der Gründe dafür, dass sich die Studierenden 2011 zusammengeschlossen haben und seitdem massiv zu Protesten mobilisieren.

Außer dem Abschied von der Gewinnorientierung fordern die Studierenden unter anderem ein freies und qualitativ hochwertiges staatliches Bildungssystem mit gleichem Zugang für alle.

Eine weitere wichtige Forderung betrifft die Einstufungstests der Universitäten. Diese Tests bewerten eher die Schule, auf der man seinen Abschluss gemacht hat, statt die Einzelleistung jedes Bewerbers. So wird die durch die Schullage hergestellte Ungleichheit weitergeführt, indem Bewerbern aus guten und aus privaten Schulen Plätze an guten Universitäten zugeteilt werden, aber Bewerber aus schlechteren Schulen nur schlechtere oder gar keine Universitätsplätze bekommen.

Die Ziele der Studierendenbewegung beschränken sich aber nicht nur auf das Bildungssystem. Sie kämpfen für eine demokratischere und gerechtere Gesellschaft. Trotz der mehrjährigen Protestbewegung hat sich nicht viel geändert, doch die Studierenden kämpfen weiter für den Wandel, den die chilenische Gesellschaft braucht.


[1] Das entspricht 650.000 Personen laut Universidad de Chile: „Information about Chile“, 2013.

[2] Vgl. Claudio A. Agostini; Philip H. Brown and Andrei C. Roman: „Poverty and inequality among ethnic groups in Chile“, in: World Development, Vol. 38 Nr. 7, Amsterdam 2010, 1036-1046.

Übersetzung: Nele Haas und Pauline Püschel

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