Cool, meine Schule ist schwul. Sexuelle Vielfalt im Bildungssystem

Foto: Jiruan/Flickr

Schwul ist cool – den Satz würde man in einer Schule kaum zu hören kriegen. Stattdessen scheint Diskriminierung sexueller Vielfalten im Schulalltag verbreitet. Unsere Autorin Pauline Püschel hat die Konferenz „,…und das ist auch gut so!’ Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der Schule“ der Friedrich-Ebert-Stiftung besucht und das Thema sexueller Vielfalt und damit einhergehende Diskriminierungsprobleme an Schulen näher beleuchtet.

In der großen Pause geht es auf dem Schulhof oft ruppig zu. Man hört immer wieder Beleidigungen wie „Du Schwuchtel!“ oder „Schwule Sau!“. In der Schule werden Identitätsrollen gelebt, geformt und auf die Probe gestellt. Doch in so einem homophoben Umfeld scheint der offene Umgang mit der eigenen homosexuellen Identität, das Coming-out, keine Option. So leben viele homosexuelle Schüler_innen und Jugendliche in der Schule eine zweite Identität. Dabei dreht sich das Erwachsenwerden doch vor allem darum, die eigene Identität zu finden. Wenn ein Kind oder eine/r Jugendliche/r aber sich selbst ganz anders wahrnimmt, als das soziale Umfeld es tut, kann das für die eigene Identitätsfindung schwere Folgen haben. So ist unter anderem die Suizidrate von Lesben und Schwulen deutlich höher, als die Heterosexueller.

Heute gibt es viele Maßnahmen, den gesellschaftlichen Umgang mit lesbisch-schwul-bi-trans-inter-queeren[1] (LSBTIQ) Identitäten zu verbessern. Parteien, wie DIE LINKE, Bündnis90/Die Grünen, die SPD und die Piraten haben queerpolitische Sprecher_innen, es gibt viele außerschulische Initiativen mit Bildungsangeboten zum Thema „Sexuelle Vielfalt“ und seit 2012 sind alle Berliner Schulen aufgefordert, Kontaktpersonen für sexuelle Vielfalt zu benennen. Dennoch zeigen sich in den Erfahrungsberichten der Berliner Lehrer_innen und Sozialpädagog_innen immense Unterschiede im Engagement und der tatsächlichen Umsetzung von Aufklärungsangeboten und Anti-Diskriminierungs-Projekten, die nicht nur von den Lehrer_innen, sondern mit den Schüler_innen entwickelt werden sollten.

Sexuelle Vielfalt muss wahrgenommen werden

„LSBTI-Lebensweisen sind meist nicht sichtbar“, sagt Conny Hendrik Kempe-Schälicke. Er_sie ist Biologie- und Informatiklehrer_in an einem Oberstufenzentrum in Berlin und Koordinator_in der Initiative „Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt“ (ISV). Diese wurde 2009 gegründet und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die sexuelle Gleichberechtigung durch Bildungsangebote zu stärken, die gesetzliche Gleichstellung im Bund voranzubringen und Diskriminierung zu bekämpfen. Doch die Angebote der ISV sind gefährdet. Nach Kürzungen im Doppelhaushalt 2012/2013 steht in den aktuellen Haushaltsverhandlungen Berlins für 2014/2015 die Kürzung des Etats der ISV um weitere 150.000 Euro zur Debatte. Im Sommer hatten bereits verschiedene Initiativen wie ABqueer, TransInterQueer, der Jugendverein Lambda und der Lesben- und Schwulenverband (LSVD)  eine Petition für die weitere Unterstützung der ISV mit ausreichenden Mitteln eingereicht und im Oktober hat die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen gegen die Kürzungen vor der Senatsverwaltung in Berlin demonstriert. Auch die Berliner Lesbenberatung musste im Sommer dieses Jahres Kürzungen befürchten, die jedoch nach Demonstrationen abgewendet werden konnten.

Homophobie an den Schulen ist verbreitet

Das Jugendnetzwerk Lambda fordert dringend die Ausweitung von Aufklärungsprojekten und Beratungsangeboten, denn: „Berliner Schulen sind ein homophober Ort!“ Zu der Schlussfolgerung führt die Studie „Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner Schulen“, die 2012 unter Leitung von Dr. Ulrich Klocke durchgeführt wurde. Die Studie macht auch den großen Wissensmangel unter Lehrer_innen und Schüler_innen zum Thema LSBTIQ deutlich. Hinzu kommt, dass nur 33 Prozent der Klassenlehrer_innen wissen, dass es die allgemeinen Hinweise zur Sexualerziehung an Berliner Schulen überhaupt gibt. Das fehlende Bewusstsein ermöglicht das Fortbestehen von Diskriminierungen. Laut Klocke haben 62 Prozent aller Sechstklässler_innen und 54 Prozent aller Neunt -und Zehntklässler_innen in den vergangenen 12 Monaten mindestens einmal „schwul“ oder „Schwuchtel“ als Schimpfwort verwendet (40 und 22 Prozent nutzten „Lesbe“ als Beleidigung). Unwissen sorgt nicht zuletzt dafür, dass, Lehrer_innen, wenn sie mit Problemen von LSBTIQ konfrontiert sind, sich aus Wissensmangel unsicher in ihren Handlungen fühlen und unfähig sind, Diskriminierungen zu stoppen. Unwissen ist ein besonderes Risiko, denn, wie Ulf Höpfner von der GEW Schwule Lehrer sagt: „Lehrer machen, wenn sie den Raum betreten, Sexualerziehung“. Das heißt, dass Lehrer_innen nicht nur im Biologieunterricht Sexualkunde betreiben, sondern in ihrem alltäglichen Verhalten Geschlechterrollen und sexuelle Identitäten verhandeln und reflektieren müssen. An der Schule wird einem immer wieder vorgelebt, welche Geschlechterrollen gesellschaftlich akzeptiert sind und welche nicht. Dazu zählen nicht nur klassische Beschimpfungen wie „Du Mädchen!“, sondern auch das Schubladendenken bei der Fächerwahl: Informatik und Physik ist für Jungs, Deutsch und Kunst für Mädchen. So werden Kindern schon früh Geschlechterstereotypen eingebläut, die in der Gesellschaft immer wieder bestätigt und gefestigt werden.

Wir müssen in Vielfalten denken!          

In der Diskussion über sexuelle Vielfalt sollten wir den Fokus nicht zu stark auf die Behandlung von LSBTIQ setzen, warnt Prof. Dr. Jutta Hartmann von der Alice Salomon Hochschule in Berlin und fordert, stattdessen die heteronormative Hierarchie zu hinterfragen. Wir müssen das Denken in Normen und Abnormalitäten ablegen und in antihierarchischen Vielfalten denken, denn nur so kann die Gleichberechtigung aller erreicht werden.

Bisher ist die Gleichberechtigung von LSBTIQ-Lebensweisen ein Thema das – wenn es denn besprochen wird – als besonders herausgestellt wird. Die Gleichberechtigung aller sexuellen Identitäten ist bislang weder Normalität noch in den Schulalltag integriert. Dafür braucht es mehr Zeit sowie finanzielle und persönliche Ressourcen. Doch um diese zu erhalten, muss man nicht nur in der Schule ansetzen, sondern in der Gesellschaft, die immer noch die größte Barriere darstellt. Laut Polizeiberichten ist die Zahl der Hasskriminalität aufgrund sexueller Orientierung von 2005 bis 2010 gestiegen. Nur 2011 sank die Zahl leicht. Die Berliner Polizei postuliert: “In der Bevölkerung besteht wenig Bewusstsein für die Existenz homo- und transphober Gewalt.” Sexuelle Vielfalt muss ein Querschnittsthema in allen Bereichen der Schule, der Gesellschaft und der menschlichen Interaktion werden. Dafür müssen sexuelle Vielfalten sichtbar werden. Die Heteronormativität, die uns in der alltäglichen Sprache, aber auch in offiziellen Dokumenten, vorgelebt wird, muss gekippt werden und alternative Lebensweisen müssen thematisiert werden.

Das neue Lehrerbildungsgesetz: ein Funken Hoffnung?

Doch Dr. Martin Lücke weist auf hoffnungsvolle Entwicklungen hin: Mit dem neuen Lehrerbildungsgesetz, das voraussichtlich 2014 in Berlin verabschiedet wird, können Versäumnisse nachgeholt werden. Unter anderem soll Inklusion als Querschnittsthema integriert und das Praxissemester in der Lehrerbildung eingeführt werden. Die Expertenkommission der Lehrerbildung sieht im Praxissemester eine Stärkung der Verbindung von Wissenschaft und Praxis. Die Lehramtsstudierenden würden sich durch die praktischen Erfahrungen früher mit schulpädagogischen Fragen auseinandersetzen. Die Empfehlungen der Expertenkommission erwähnen jedoch mit keinem Wort das Thema der sexuellen Vielfalt. In den Inklusionsdebatten muss sexuelle Vielfalt mitgedacht werden. Langfristig muss das Ziel sein, Vielfalt auf jeder Ebene effektiver und auf Dauer – und nicht nur durch punktuelle Maßnahmen – an der Schule zu integrieren. Hierfür muss das Thema stärker in den Lehrplan von Lehramtsstudierenden integriert werden und von den jetzigen und zukünftigen Lehrer_innen in die Klassenzimmer getragen werden



[1] Als LSBTIQ sind neben der sexuellen Orientierung lesbisch, schwul und bisexuell, auch die trans- und intergeschlechtlichen Geschlechtsidentitäten und alle weiteren queeren Identitäten, die sich von der sozial konstruierten Heteronormativität, die eine heterosexuelle Orientierung und die binären Geschlechterrollen weiblich/männlich postuliert, absetzen.

Das könnte dich auch interessieren

  • Lehrerausbildung reformierenLehrerausbildung reformieren Lehrer_innen unterrichten die jungen Erwachsenen von morgen, trotzdem läuft die Lehramtsausbildung an den Universitäten oft nur nebenher. Welche Vorschläge die Parteien für eine Reform der […]
  • Schule verändernSchule verändern In der Schule stecken die größten Hürden für die Bildungsgerechtigkeit in unserem Schulsystem. Doch wie muss man sie verändern, damit mehr Bildungsgerechtigkeit herrscht und Schüler_innen […]
  • Verque(e)re Lehrpläne. Ein Gespräch über frischen Wind im KlassenzimmerVerque(e)re Lehrpläne. Ein Gespräch über frischen Wind im Klassenzimmer Seit wann ist Vergewaltigung in der Ehe strafbar? Wann wurde die erste homosexuellen Bewegung gegründet und seit wann darf eine Frau einen Job ohne das Einverständnis ihres Mannes […]
  • Homos in den Sturm!Homos in den Sturm! Homo- und transphobe Sprüche sind immer noch Alltag auf deutschen Fußballplätzen. Aber langsam tut sich was: Vielerorts entstehen Initiativen gegen Homo-, Bi- und Transphobie im Sport und […]