Bessere Lehrer_innen braucht das Land

Foto: delio/Flickr

Eignungstest PArcours

Seit einigen Semestern macht die Universität Passau ihren angehenden Lehrer_innen ein besonderes Angebot. Unter Leitung von Norbert Seibert, Lehrstuhlinhaber für Schulpädagogik, wurde ein Projekt gestartet, das den Neuzugängen für das Lehramt ein freiwilliges und individuelles Beratungsangebot macht. Angehenden Studierenden mit dem Berufswunsch Lehrer_in soll vor Studienbeginn gezeigt werden, wo ihre persönlichen Stärken liegen und welche Entwicklungsmöglichkeiten es gibt. Dazu wird unausweichlich die Frage gestellt, ob die Kandidat_innen überhaupt für den Lehrerberuf geeignet sind. Norbert Seibert will, dass das Bestehen des Eignungstestes PArcours auf lange Sicht zur notwendigen Eintrittskarte für die universitäre Ausbildung wird.

Assessment-Center für Lehrer_innen

Das individuelle Feedback, das als „deutschlandweit einmalig“ beworben wird, wird durch Expert*innen wie Fachdidaktiker_innen, Fachwissenschaftler_innen und praktizierende Lehrer_innen geleistet. Dieses Beratungsgespräch bezieht sich auf Leistungen, die die Probanden bei einem eintägigen Assessment-Center zeigen. In Anlehnung an die aus der Wirtschaft bekannten Assessment-Center wurde das lehrerspezifische Testprogramm gestaltet. Es wird als ein Test beschrieben, der typische Situationen des Lehramtsstudiums simuliert. Unter anderem sollen Gruppendiskussionen, Selbstpräsentationen und Rollenspiele zwischen Lehrer_innen und Schüler*innen demonstrieren, wie selbstsicher, sprachkompetent und entscheidungsfreudig die Kandidat_innen sind. Seibert sagt der Sueddeutschen, dass für ihn fünf Grundeigenschaften zu einem/r „guten“ Lehrer_in gehören: „Extraversion, Neugier, Gewissenhaftigkeit, Offenheit sowie ‚geringer Neurotizismus‘, anders ausgedrückt, starke Nerven.“ Der Test ermöglicht es, die notwendigen Lehrereigenschaften bei jedem Teilnehmer aufzudecken. Schließlich kann er zwei Aussagen machen: entweder man ist geeignet für den Lehrberuf, wobei aber Entwicklungsdefizite aufgezeigt werden, oder man ist ungeeignet. Im letzteren Fall wird von der Aufnahme des Studiums abgeraten.

Lehrerausbildung verbessern – bitte gerne

Zunächst klingt der fromme Wunsch, die Lehrerbildung zu verbessern und diejenigen zu identifizieren, die von Haus aus mit typischen Lehrermerkmalen ausgestattet sind, ambitioniert und erstrebenswert. Immerhin begibt sich die Forschergruppe, wie die Heinrich-Böll-Stiftung zugespitzt formuliert, auf vermintes Gelände, wenn sie die Reform der Lehrerbildung im Hinblick auf die Verbesserung der Schulqualität angeht. Das lobenswerte Ziel, die Lehramtsausbildung zu reformieren, ist in PArcours mit Sicherheit angedacht. Ist so ein Assessment-Center der erste Schritt zur Bildungsrevolution? – Es bleiben einige grundsätzliche Anfragen.

Weiterentwicklung – Fehlanzeige?

Der Test wird vor Beginn des Studiums absolviert. Die Teilnehmer_innen kommen von der Schule, sind zwischen 17 und 19 Jahre alt. Missachtet dieser Zeitpunkt nicht die Möglichkeit, sich über das Studium weiterentwickeln zu können? Bedenkt das Projektteam, dass es wünschenswert ist, Kompetenzen zu erlernen, indem man an Anforderungssituationen wächst, z.B. im Praktikum, in den Präsentationen an der Universität? Hinzu nimmt das Forschungsteam mit seinem Test unterschwellig an, dass der Faktor der Persönlichkeit bzw. bestimmter Grundeigenschaften über die Fähigkeit entscheidet, in der Schule erfolgreich lehren zu können. Dass aber gerade auch die Fachinhalte, die sich die angehenden Lehrer_innen im Studium aneignen, einen starken Einfluss auf den Lernerfolg der Schüler_innen haben, ist in Studien belegt und Common Sense in der Lehrerforschung. Seiberts „Grundeigenschaften“ haben nichts mit dem unterrichteten Fach zu tun. Sie erinnern an die Persönlichkeitslehrerforschung aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts.

Begleitung im Studium?

Bedenkenswert ist Seiberts Aussage, dass 40 Prozent der Lehramtsstudierenden ihr Studium abbrechen, weil die Motivation, Lehrer_in zu werden, zu Beginn des Studiums schon gering ist. Seibert erklärt, dass viele das Lehramtsstudium aus Verlegenheit beginnen. Für mich ergeben sich aus dieser Tatsache zwei Überlegungen. Erstens: versagt hier nicht die schulische und universitäre Hilfe zur Studienwahl? Und zweitens: Dass die grundsätzliche Motivation, Lehramt zu studieren, von der bzw. dem Studierenden aufgebracht werden muss, ist nachvollziehbar. Dass Motivation andererseits aber auch durch ein attraktives Angebot in der Lehrerbildung geweckt oder aufrechterhalten werden kann, bleibt bei Seiberts Überlegungen außen vor. Was passiert, wenn ein geeigneter Kandidat nach einigen Semestern bemerkt, dass das Assessment-Feedback die einzige Beratung im Studium ist? Inwiefern werden die offenen Entwicklungsaufgaben, die gegenüber den geeigneten Studierenden ausgesprochen wurden, über die Studienzeit begleitet und überprüft? Diese Überlegung bringt mich schließlich zum Kern der Frage: Wie muss das Lehramtsstudium unserer Zeit ausgestaltet sein, damit es adäquat auf den späteren Beruf vorbereitet? Können und wollen Universitäten dies leisten?

Training im Studium?

Ob ein Assessment-Center wirklich das prüft, was im Lehramtsstudium und dann auch später in der Schule auf die Studierenden zukommt, ist fraglich. Nur weil man sich in einer Gruppendiskussion nicht durchsetzen kann, macht dies noch keine Aussage darüber, wie geschickt man zum Beispiel darin ist, geeignete Lernumgebungen zu gestalten oder mit seiner ruhigen Art einen zielführenden Unterricht zu inszenieren. PArcours bleibt an dieser Stelle vielleicht zu kurzsichtig bzw. hat andere Absichten. Daher möchte ich für mehr Kurse plädieren, die sich um eine stetige Kompetenzentwicklung der Lehramtsstudierenden bemühen. Herausstellen möchte ich das Projekt OBSERVE von Tina Seidel (TUM), das mit einer Videosequenzanalyse von Unterrichtssituationen eine Steigerung in der Wahrnehmungs- und Einschätzungskompetenz anstrebt. Diese starke Kombination aus Theorie und Praxiseinblicken kann Studierenden, über den theoretischen Lerninput hinaus, eine starke Rückmeldung geben, ob sie sich wirklich tagtäglich mit diesen didaktischen, pädagogischen, schulfachlichen Belangen auseinandersetzen wollen und können. Auf natürliche Weise bemerken Studierende hierbei selbst, ob sie für den Lehrberuf geeignet sind, wenn sie regelmäßig mit der theoretischen Aufschlüsselung der Praxisfragen (nicht unbedingt mit der Praxis selbst) konfrontiert werden. Eine Bevormundung durch ein Assessment-Center hinsichtlich der geeigneten Berufswahl ist dann nicht mehr notwendig.

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