Wenn Chancenungleichheit erwachsen wird

Foto: Shazz Mack/Flickr

Zum ersten Mal mussten nicht Schüler, sondern Erwachsene ab 16 Jahren zeigen, wie es um ihr Wissen steht. Statt Pisa wurde am Dienstag die lang erwartete PIAAC-Studie vorgestellt, die eines deutlich macht: Chancenungleichheit hört nicht mit dem Verlassen des Bildungssystems auf. Ein Kommentar.

Eigentlich sollte sie etwas Neues darstellen: die PIAAC-Studie, das „PISA für Erwachsene“.  Hierfür wurden Personen im Alter von 16-65 Jahren in 24 Ländern erstmals daraufhin geprüft, welche Kompetenzen sie im Lesen, dem alltäglichen mathematischen Verständnis und beim technologiebasierten Problemlösen besitzen. Es geht also um Kompetenzen, die für die gesellschaftliche Teilhabe und das Bestehen in der Berufswelt notwendige Voraussetzungen sind. Die vorgestellten Ergebnisse sind jedoch alles andere als überraschend. Probleme, die PISA bereits für das deutsche Schulsystem aufzeigte, wie etwa der starke Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungserfolg, finden sich auch in PIAAC für Erwachsene wieder. Die Studie macht deutlich: Chancenungleichheit hört nicht mit dem Verlassen des Bildungssystems auf.

Vom Durchschnitt verdeckte Schicksale

Spätestens seit dem „PISA-Schock“ im Jahr 2001 ist bekannt, dass das deutsche Schulsystem den Schüler_innen nicht nur zu wenige Kompetenzen vermittelt, sondern auch zu früh und unangemessen weiteren Schulformen zuweist. Die PIAAC-Studie, die für Programme for the International Assessment of Adult Competencies steht, sollte nun zeigen, ob sich die im Schulsystem festgestellten Schwächen auch in den Kompetenzen der 16 -bis 65-Jährigen widerspiegeln.

Man wird dem 232-seitigen Bericht für Deutschland wohl trotz seines großen Umfangs gerecht, wenn man zusammenfassend beurteilt: Auch im Erwachsenenalter bestehen weiterhin Probleme, die sich jedoch im bequemen Gewand der Durchschnittlichkeit verstecken. Ist doch alles gar nicht so schlimm, könnte man urteilen, wir sind überall mehr oder weniger durchschnittlich. Doch hinter dem Nebeldunst aus arithmetischen Berechnungen verbergen sich andere Zahlen und nicht unerhebliche Schicksale. So besitzt fast ein Fünftel der befragten Deutschen nur geringfügige Lesekompetenzen. Ein noch drastischeres Bild zeichnet sich unter Personen ab, die keinen oder nur einen Hauptschulabschluss aufweisen. Mehr als die Hälfte von ihnen erreicht gerade einmal die erste von fünf Kompetenzstufen in Lesen und alltagsmathematischem Problemlösen. Konkret heißt das: Diese Personen sind nicht oder kaum in der Lage, den Inhalt von geschriebenen Texten zu verstehen, zu interpretieren, zu nutzen, oder alltägliche mathematische Herausforderungen, wie zum Bespiel die Bewertung eines Sonderangebotes oder die Interpretation von Tabellen, zu lösen. Etwa 45 Prozent der befragten Deutschen besitzen überdies nur eine äußerst geringe technologiebasierte Problemlösekomptenz. Hier wurde u.a. untersucht, wie Personen sich in einer computergestützten Umgebung, z. B. im Internet, Informationen beschaffen und diese verwenden.

Diese Kompetenzarmut, – davon muss man hier sprechen – erschwert die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und die Wahrnehmung von beruflichen Chancen – das zeigt die Studie deutlich. So schätzen beispielsweise Personen, die nur minimale Lesekompetenzen (Stufe 1 oder niedriger) besitzen, ihren Einfluss auf politische Prozesse deutlich geringer ein als Personen mit höheren Lesefähigkeiten. Sie beteiligen sich seltener an Ehrenämtern und misstrauen anderen Personen häufiger. Außerdem wird auch der Gesundheitszustand von dieser Gruppe selbst als deutlich schlechter eingestuft. All dies sind Signale, die wir sehr ernst nehmen müssen. Sie weisen darauf hin, dass wir bereits jetzt eine nicht zu unterschätzende Gruppe unserer Gesellschaft ausschließen –  dauerhaft und über Generationen hinweg.

Der PIAAC-Schock: Elternhaus bestimmt weiter über Bildung

Auch das zeigt die PIAAC-Studie auf besorgniserregende Weise: Wie auch schon bei PISA ist insbesondere in Deutschland und auch im Erwachsenenalter das Kompetenzniveau weiterhin stark vom elterlichen Bildungshintergrund abhängig. Dieser Befund widerspricht der häufig geäußerten Annahme, herkunftsbedingte Ungleichheiten, deren Grundlage im Schulsystem gelegt wird, würden im weiteren Lebensverlauf und mit Einmündung ins Erwerbsleben ausgeglichen. Ausreichende Möglichkeiten, die herkunftsbedingt vorgegebene Bildungslaufbahn zu durchbrechen, bietet das derzeitige Bildungs- und Berufssystem demnach nicht. Vielmehr unterstützt es die Vererbung dieser Ungleichheiten.

Wähnte sich vor allem unsere Generation „PISA“ in besonderer Bildungsbenachteiligung, so wurden wir dank PIAAC nun eines – man muss leider sagen – Schlechteren belehrt. Das Alter der Befragten macht deutlich, dass unser Bildungssystem schon sehr lange dem Pfad der Bildungsungleichheit folgt. Das Bildungssystem schafft es dabei noch nicht einmal, die gesamte Bevölkerung zumindest mit grundlegenden Kompetenzen auszustatten. Dies verdeutlicht noch einmal mehr die Notwendigkeit einer grundlegenden Veränderung des Bildungssystems.

Als „Bildungsrepublik“, wie wir uns gerne nennen, und auch als Land, das den Anspruch besitzt, gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen, können und dürfen wir uns kein Bildungssystem mehr leisten, das Personen nach zehn Jahren ohne grundlegende Lese- oder mathematische Kompetenzen in eine immer komplexer werdende Welt entlässt. Es bietet danach auch kaum Chancen mehr, fehlende Kompetenzen aufzuholen oder sich aus herkunftsbedingten Benachteiligungen zu befreien. PIAAC muss zum zweiten „PISA-Schock“ werden, denn es zeigt auf, was passiert wenn Chancenungleichheit erwachsen wird. Bildung darf nicht mehr von der Herkunft abhängen. Nur so ist eine wirklich gerechte Gesellschaft möglich.

 

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