Fluchend nach vorn durchs Leuphana Semester

Foto: pe_ma/Flickr

Die Leuphana Universität Lüneburg hat ein verpflichtendes Studium generale für alle im ersten Semester eingeführt. Die Studierenden sollen die Möglichkeit bekommen, fächerübergreifend zu lernen. Doch nicht alles läuft gut im Leuphana Semester. Unsere Gastautorin Eva Königshofen hat es ausprobiert. 

Seit dem Wintersemester 2007/2008 müssen alle, die ein Studium an der Leuphana Universität Lüneburg aufnehmen, das sogenannte Leuphana Semester absolvieren. Ziel dieses Semesters ist die Erleichterung des Einstiegs in die Welt der Wissenschaft. Eingeleitet wird das Leuphana Semester alljährlich mit der Startwoche, deren Inhalte und Abläufe auf der Website der Leuphana folgendermaßen beschrieben werden: Hier soll in Gruppen eine Projektarbeit durchgeführt werden, die dazu motivieren soll Verantwortung bei der Gestaltung einer „zukunftsfähigen Gesellschaft“ zu übernehmen. Außerdem sollen die Studierenden die Möglichkeit bekommen den Campus und das akademische Leben und Arbeiten an der Leuphana Universität Lüneburg kennenzulernen.

Als ich vor einem Jahr frisch in Lüneburg ankam, habe ich mir von der Teilnahme an der Startwoche vor allem eines versprochen: das Knüpfen von neuen Bekanntschaften, um schon einmal ein wenig Fuß zu fassen. Außerdem war ich daran interessiert einen ersten Einblick in den Unialltag zu bekommen. Freunde, die an anderen Universitäten in Deutschland studieren, hatten mir zuvor teils gruselige Startwochen-Geschichten von Kleiderketten oder Bier-um-die-Wette-Trinkspielen erzählt. So habe ich gehofft, dass die Woche in Lüneburg etwas weniger Exzess und etwas mehr Start sein würde.

Unternehmensgründung statt Wissenschaft in der Startwoche

Die Startwoche der Leuphana erwies sich dann als das komplette Gegenteil von wildem Gefeiere: Extrem durchgetaktet mit täglich bis zu neun Stunden Programm widmeten wir uns in Kleingruppen unter dem Motto „Start up“ dem Thema Unternehmensgründung. Von der Entwicklung einer Idee bis hin zum Finanzierungsplan wurde alles genau ausgearbeitet, unter der Schirmherrschaft von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler und in Kooperation mit den Hauptpartnern Deutsche Telekom und Axel Springer AG. Da geht man an die Uni, um sich, wie in meinem Fall, einem Studium der Geisteswissenschaften zu widmen, und ehe man sich versieht, beschäftigt man sich mit der Gründung eines Unternehmens. Damit hatte ich nicht gerechnet. Das Thema Nachhaltigkeit wurde sich – wie auch sonst an der Leuphana – groß auf die Fahne geschrieben: „1.750 Erstsemester entwickeln neue Geschäftsideen für Nachhaltigkeit und Digitale Medien“, so steht es in der Ankündigung der Startwoche 2012. Es wunderte mich umso mehr, dass die Idee meiner Kleingruppe von der Jury ins Finale gewählt wurde: Coffee-to-go-Becher-Deckel mit eingebauter Temperaturanzeige, damit man sich nicht die Lippen verbrennt. Dass es sich dabei offensichtlich um ein nicht nachhaltiges Wegwerfprodukt handelt, spielte keine Rolle. Die Startwoche verfehlte also ihre eigentliche Intention: Wir haben uns weder mit unserer „Verantwortung für die Gestaltung einer zukunftsfähigen Gesellschaft“ auseinandergesetzt, noch mit dem „akademischen Leben und Arbeiten“. Was die Studierenden hier eine Woche lang geboten bekamen, war vielmehr eine Einführung in die Wirtschaft als in die Wissenschaft.

Das Leuphana Semester – nur Elitenförderung?

Auf der Homepage der Uni wird das Leuphana Semester wie folgt beschrieben: „Das Leuphana Semester absolvieren alle Studierenden gemeinsam. In dieser Zeit entwickeln sie wissenschaftliche Haltung und Methoden anhand von Grundthemen des Studiums und erleben unterschiedliche wissenschaftliche Perspektiven. Vorlesungen und Seminare, vor allem aber eigenständiges Studieren in vier Studienfeldern prägen das Programm.“

Diese vier verschiedenen Module setzen sich mit der Verbindung von Wissenschaft und Geschichte, Methoden, disziplinären Grenzen und Verantwortung auseinander.

Innerhalb dieser Module sollen Grundlagen akademischen Denkens vermittelt werden. Auf dem Leuphana-kritischen Blog Leuphana Watch, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, „bestes Lüneburger Salz in offene Wunden zu streuen“, gingen die Kommentare zum Leuphana Semester sehr weit auseinander. Diskutiert wurde vor allem, ob es sinnvoll ist, einen solchen Einstieg ins Studium anzubieten. Den Kommentaren nach zu urteilen fühlen viele der Studierenden sich durch das Leuphana Semester eher gestört, weil sie sich mit fachfremden Themen beschäftigen müssen und sie lieber gleich in ein fachspezifisches Studium einsteigen würden, für welches sie sich ja eigentlich an der Universität beworben haben. Auch besteht die Sorge, dass in den folgenden fünf Fachsemestern nicht genug Zeit für ein anspruchsvolles Studium der einzelnen Fächer bleibe und dass das Leuphana Semester demnach das fachliche Niveau eher senke als hebe. Andere Studierende hingegen sehen das Leuphana Semester als wichtiges Mittel, um dem Fachidiotendasein zu entgehen. Im ebenfalls Leuphana-kritischen Blog „leuphaNO“ wird zum Leuphana Semester folgendes geschrieben: „Eigentlich handelt es sich bei dem Einführungssemester um einen schönen Gedanken, wenn man ein humanistisches Bildungsideal zu Grunde legt. Wenn man aber bedenkt, dass die meisten Studierenden kein Studium generale betreiben, sondern einen ganz spezifischen Fachbachelor erwerben wollen, muss Kritik erlaubt sein: Die mit sechs Semestern ohnehin schon äußerst knappe Zeit für das Fachstudium wird nochmals um ein Semester verkürzt. Exzellente Ergebnisse kann man unter diesen Bedingungen nur von herausragenden Studierenden erwarten oder eben gar nicht: Ein starkes Indiz für die Sorge, das Leuphana-College sei von Beginn an als Eliteschmiede konstruiert.“ „Leuphana-College“ ist lediglich die von der Leuphana eigens gewählte Bezeichnung für den Bereich der Bachelorstudiengänge, die alle mit dem Leuphana Semester beginnen.

Eva Königshofen (1992), studiert seit einem Jahr Kulturwissenschaften mit Nebenfach Philosophie an der Universität Lüneburg. Vertiefend widmet sie sich in ihrem Bachelor den Fächern Kunst und visuelle Kulturen, so wie Literarische Kulturen.

Meiner Meinung nach führt das Leuphana Semester nicht zu mehr Bildungsgerechtigkeit. Ich hatte nicht den Eindruck, dass während des Semesters mehr als an anderen Universitäten dafür getan wurde, dass eine gerechtere, chancengleichere Basis für das weitere Studium geschaffen wird, was laut Beschreibung der Leuphana auch nicht unbedingt Ziel des Leuphana Semesters ist. Schade! Bei der Erleichterung des Einstiegs in die Wissenschaft sollte doch auch berücksichtigt werden, dass nicht alle Studierenden über einen Kamm zu scheren sind.

Fachübergreifendes Studium? Nicht unbedingt!

Ich persönlich habe dem Leuphana Semester damals sehr positiv entgegengeblickt, war neuen Themen gegenüber aufgeschlossen und freute mich mit Blick auf das Vorlesungsverzeichnis über die thematische Bandbreite der Seminare. Den Dozierenden war durchaus bewusst, dass sie Seminare voller unerfahrener Erstsemester vor sich hatten und dementsprechend boten sie angemessene Hilfestellung beim Verfassen von ersten wissenschaftlichen Texten an. Was aber nun am Leuphana Semester in Bezug auf den „Einstieg in die Wissenschaft“ besser ist als an Erstsemestereinführungen anderer Universitäten, schien vielen nicht klar zu sein. Auch viele Studierende hatten verstärkt den Eindruck, dass der Unterschied gar nicht so bemerkenswert ist. In meinem Semester hörte ich häufiger Sätze wie: „Im Leuphana Semester hat man vor allem eines: weniger Möglichkeiten seine eigenen Interessen zu vertiefen.“ Dem gilt es allerdings hinzuzufügen, dass die meisten Studierenden sich aus dem breiten Seminarangebot der einzelnen Module natürlich etwas ausgesucht haben, was ihren eigenen Interessen am meisten entspricht. Ich entschied mich für ein kunstgeschichtliches Seminar und eines über den Museumsbetrieb. Insofern stimmt es nicht ganz, dass die eigenen Interessen im Leuphana Semester nicht vertieft werden können, allerdings stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage, inwieweit dann ein Einstieg in verschiedene wissenschaftliche Gebiete überhaupt geschieht. Ich war zumindest froh, als das Leuphana Semester endlich vorüber war und ich anfangen konnte, vollwertig das zu studieren, für das ich mich eingeschrieben hatte.

Es wäre wünschenswert, wenn der Dialog zwischen Studierenden, Dozenten und dem Präsidium offener wäre, sodass gemeinsam über Inhalte und deren Vermittlung, Durchführung und Ergebnisse des Leuphana Semesters diskutiert werden könnte. Eine Online-Umfrage, wie sie nach Abschluss des Semesters durchgeführt wird, reicht dafür nicht aus. Zumal diese Möglichkeit, Feedback zu geben meiner Erfahrung nach nur von wenigen Studierenden genutzt wird. Um einen Konsens zu finden und das Leuphana Semester im Sinne der Studierenden zu verändern, müssen diese sich engagiert zeigen, kritisch hinterfragen oder anders Rückmeldung geben können. Ein offizielles Diskussionsforum der Leuphana ist mir nicht bekannt.

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