Die Bildungswende mit oder ohne Staat?

Zivilgesellschaft oder Staat - wer ist für die Bildungswende zuständig?

Zivilgesellschaft oder Staat – wer ist für die Bildungswende zuständig? Foto: kellerabteil/Flickr

Wer sollte die Bildungswende gestalten – Initiativen aus der Zivilgesellschaft oder der Staat? In einer Podiumsdiskussion präsentierten sich vier Initiativen, die sich ganz praktisch für mehr Bildungsgerechtigkeit engagieren. Ein Kommentar zu ihren Meinungen und den Auswirkungen ihrer Arbeit.

Die Vorkonferenz der Vision Summit in Berlin stand dieses Jahr unter dem Motto „EduAction/Lernkultur Potentialentfaltung“. Auf dieser jährlich stattfindenen Zukunftskonferenz wurden in einer Podiumsdiskussion vier Initiativen vorgestellt, die durch ihr Engagement das Bildungssystem verbessern wollen und mit der nicht eben einfachen Frage konfrontiert: „Wie kann die Bildungswende in Deutschland gelingen?“

Gemein ist den Initiativen zunächst, dass sie Schüler_innen und Studierende auf ihrem Weg durch das Bildungssystem begleiten, die Politik spielt dabei nur am Rande eine Rolle. So vielfältig die Problemfelder in der Bildungslandschaft, so vielfältig sind auch die Ansätze der Initiativen seien es Peer-Teaching (buddY e.V.), die Unterstützung von Arbeiterkindern an Hochschulen (arbeiterkind.de), die Begleitung sozial benachteiligter Schüler im Alltag (ROCK YOUR LIFE!) oder der Einsatz von Uniabsolvent_innen an Schulen in sozialen Brennpunkten (Teach First). Man konnte also auf ganz konkrete Vorschläge und Denkanstöße zur Bildungswende fern jeder Theoretisierung hoffen, engagieren sich diese Initiativen doch so unmittelbar im Bildungsalltag wie kaum ein anderer externer Akteur. Gerade weil Bildungsgerechtigkeit das gemeinsame Anliegen aller Initiativen ist, erwarteten wir Antworten in diesem auch für uns wichtigen Bereich.

Fokussierung auf die Praxis

Während der Diskussion wurden solche Hoffnungen allerdings enttäuscht. Frauke Lüpke-Narberhaus, Redakteurin bei Spiegel Online, gab den vier Diskutierenden zwar zahlreiche Vorlagen, konnte aber kaum Systemkritik aus ihnen herauskitzeln. Stattdessen wurden verschiedene Aspekte im Bildungswesen problematisiert, als deren Lösung aber jeweils die Arbeit externer Akteure genannt. So hob Martin Nanzig hervor, dass seine Initiative durchaus Mängel ausgleiche, die durch die aktuelle Lehrerbildung entstünden. Allerdings forderte er keine Reformen auf Hochschulebene, sondern verwies auf ein von buddY e.V. geplantes Programm, das nicht erst in der Schule sondern bereits bei den Lehramtsstudierenden ansetzt. Lena-Carolina Eßer (ROCK YOUR LIFE!) meinte, dass das Bildungssystem zwar nicht reformunfähig sei, aber entsprechende Impulse dennoch „von unten“ kommen müssten. Daher sei der einzig pragmatische Ansatz, nicht auf Veränderungen zu warten, sondern selbst aktiv zu werden. Katja Urbatsch, Gründerin von arbeiterkind.de und Koautorin unseres Buches, fügte hinzu, dass die Initiativen strukturelle Entwicklung nicht verhinderten, sondern sich eher als Impulsgeber sähen.

Auch die Frage, ob denn nicht das ultimative Ziel sein müsste, sich selbst überflüssig zu machen, erntete eher Zurückhaltung. Lena-Carolina Eßer betonte, dass Bildung immer komplexer werde, Schulen den neuen Anforderungen alleine gar nicht gewachsen seien und sie deshalb eine große Auswahl an Initiativen zur Unterstützung bräuchten. Martin Nanzig war da schon kritischer: Es müsse sich „strukturell was ändern“, gleichzeitig herrsche aber Ressourcenmangel. Trotzdem kenne er kaum eine Schule, die nicht über ihr normales Leistungsspektrum hinaus aktiv sei. Wegen der geringen Kapazitäten der Initiativen sei deren Auswirkung insgesamt „eher homöopathisch“, gaben Ulf Matysiak (Teach First) und Katja Urbatsch zu. Letztere war sich allerdings mit Lena-Carolina Eßer einig, dass die immer noch steigende Anzahl und Vielfalt der Initiativen dieses Defizit zumindest verringern würden.

Bildungsinitiativen als Wegbereiter von Reformen

Vielleicht ist es nicht erstaunlich, dass Initiativen solch eine Perspektive einnehmen, wollen sie doch konkrete Veränderungen durch ihre Arbeit bewirken. Trotz aller positiven Effekte besteht allerdings auch die Gefahr, dass sich die eigentlich verantwortlichen (öffentlichen) Stellen so leicht aus ihrer Verantwortung stehlen können. Gerade beim Thema Bildungsgerechtigkeit kann jede Initiative ja nur als Feuerwehr auftreten, so lange die Unterschiede im deutschen Schulsystem weiterhin derart zementiert werden. Nach Katja Urbatschs Einschätzung wird dieses Problem ohnehin nur in akademischen Kreisen debattiert. Gerade deswegen werden also die bestehenden sozialen Verhältnisse auch durch Bildungsinitiativen reproduziert: In der bestehenden Lernkultur ist die Potentialentfaltung von Kindern und Jugendlichen, gleich mit welchem Hintergrund, eben nicht selbstverständlich. Stattdessen müssen die sozial Schwächeren mit Almosen der Stärkeren bedacht werden.  Bei den Empfängern dieser Almosen kann somit ein Bewusstsein der Abhängigkeit entstehen.
Durch diesen Faktor sowie der ausbleibenden Änderung des Bildungssystems ändert sich nichts Grundlegendes der Bildungsgerechtigkeit.

Dabei ist die Arbeit der Initiativen ja äußerst wertvoll – das perfekte Bildungssystem gibt es schließlich nicht und somit besteht immer Potential, etwas neues auszuprobieren. Nur müssten solche neuen Ansätze im Erfolgsfall in das bestehende System eingebaut werden, denn gute (und gerechte) Bildung sollte der Normalfall sein und nicht vom Engagement Einzelner abhängen.

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